Die beiden Mädchen streifen umeinander herum, streicheln sich und unterbrechen ihren Engtanz nur widerwillig, als könnten sie nicht voneinander lassen. Mindestens einmal pro Nummer kommt es zu einer längeren Kussszene zwischen Elena Sergejewna Katina und Julia Olegowna Wolkowa, sie umarmen sich routiniert, mechanisch, ja, stilisiert: Im Videoclip zu ihrer Hitsingle All the Things She Said , aber auch auf der Bühne betont die Show der russischen Band t.A.T.u. vor allem eins: Wir sind zwei junge Mädchen, die sich heiß begehren.

Recht kann es t.A.T.u. kaum gewesen sein, dass ihr Kuss beim Auftritt in der letzten Wetten, dass…?-Sendung zwar visuell verfremdet wurde, sonst aber keine Proteste hervorrief. Denn der Bandname, der "Sie liebt sie" bedeutet, und der lesbische Gestus sollen überdeutlich machen, was t.A.T.u. sein will: jung, aufregend, frech. Ihr Debütalbum 200 km/h In The Wrong Lane ist ein Riesenerfolg in den internationalen Charts, doch damit nicht genug. Am 24. Mai werden die beiden 18-Jährigen für Russland beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in Riga antreten. An ihrer deutschen Konkurrentin Lou schärfen sie schon jetzt das eigene Profil: "Die würden wir sofort von der Bettkante stoßen. In Russland pflegen wir Blinde und Alte, aber schicken sie nicht zum Grand Prix."

Im Westen erst mal in die Pornofalle getappt

Seltsam, dass die beiden ausgerechnet beim Schlagerfestival, im Mekka des Camps und der ironischen Umdeutungskultur, vorab für Wirbel sorgen. Sie kündigten an, bei ihrer Softcore-Performance auf offener Bühne onanieren und Gummivibratoren als Mikrofone benutzen zu wollen. Prompt erwogen die Organisatoren eine Disqualifikation: lustige Homo-Revue ist man gern, aber zu einem Grand Prix de la Masturbation möchte man nicht ausarten. In ihrer Freizügigkeit mögen t.A.T.u. gefeierte und würdige Vertreterinnen einer jungen Demokratie sein. Doch im Westen tappten Elena und Julia erst mal in die Pornofalle. Pop kann prüde sein: Allein auf Sex basierender Ruhm gilt hier als unseriös.

Das alles klingt nach den typischen Begleitgeräuschen, die ein Motiv der Popkultur verursacht, wenn es in den Mainstream eindringt. Dabei fand die homosexuelle Eroberung der Massenunterhaltung eigentlich schon in den neunziger Jahren statt, als die gleichgeschlechtliche Liebe Thema zahlreicher TV-Serien war und die Schauspielerin Ellen DeGeneres in der Sitcom Ellen mit dem Coming-out der Hauptfigur zugleich ihr eigenes Lesbischsein bekannt gab. In der Mode spielen Anzeigen schon lange mit lesbischen Assoziationen, etwa die von Miu Miu, deren Bilderwelt David Hamiltons Film Zärtliche Cousinen entstammen könnte. Selbst wer nur empirischen Erhebungen traut, bekommt die zunehmende Bereitschaft zu rein weiblichen Liaisons in Umfragen bestätigt.

Bei aller verbalen Hemmungslosigkeit in den Medien blieb jedoch "das Darstellungstabu homosexueller Zärtlichkeiten erhalten", wie Arne Hoffmann in seinem gerade erschienenen Lexikon der Tabubrüche (Schwarzkopf & Schwarzkopf) schreibt. Es ist erstaunlich, dass die provokanten Bilder nicht eher produziert wurden – schließlich handelt es sich ja nicht um etwas Obszönes, sondern etwas unbestritten sehr Schönes. So ist es wohl kein Zufall, dass es innovative Geister wie die Wachowski Brothers waren, die sich, bevor sie The Matrix schufen, an diesem Motiv versuchten. In ihrem Film Bound aus dem Jahre 1996 besiegen zwei Gangsterinnen die Männerwelt und legen eine scharfe Liebesszene hin.

Doch bis heute gibt es in unserer Kultur kein Bild für die körperliche Vereinigung von Liebenden des gleichen Geschlechts. Denkt man an den heterosexuellen Zungenkuss, ist sofort das Film-Still von Clark Gable und Vivien Leigh aus Vom Winde verweht oder Robert Doisneaus Fotografie Der Kuss vor dem Rathaus präsent. Beim French kiss zweier Frauen aber existiert eine ikonografische Leerstelle. Dadurch, dass sie den Kuss zu ihrem Markenzeichen machen, füllen t.A.T.u. das Darstellungsvakuum gleich mit ihrem ersten Videoclip. Fehlt nur noch ein entsprechendes Logo nach dem Vorbild der roten Rolling-Stones-Zunge.

"Die größten Fans der beiden angeblichen Lolitas sind weiblich und lesbisch", heißt es auf einer Homo-Website. Mag sein, doch t.A.T.u.s Zugkraft reicht über einen durch sexuelle Präferenzen definierten Fanzirkel weit hinaus. Ihre lesbische Performance schließt den männlichen Betrachter ein: Ein Dreier liegt in der Luft. Im Internet und auf dem Videomarkt gehört Pornografie mit lesbischem Inhalt zu den erfolgreichsten Subgenres. Es liegt also auf der Hand, dass hinter t.A.T.u. eine ausgeklügelte Masche steckt, um möglichst viel Geld zu verdienen. Iwan Shapowalow, Regisseur und Erfinder von t.A.T.u., sagte, es handele sich dabei um "ein minderjähriges Sexprojekt, das designt wurde, um Männer, die nach minderjähriger Unterhaltung suchen, anzusprechen".