Der Chauffeur fragt nicht nach unserem Ziel. Vier Fahrgäste in einer Brüsseler Mainacht, völlig in der Hand einer schwarz gekleideten, androgynen Gestalt. Keine Taxifahrerin, sondern Schauspielerin. Das Stück dauert eine Stunde und reicht über zwanzig Kilometer Stadtverkehr. Nur ein Schätzwert, denn alles in diesem altersschweren Benz ohne Stern verwirrt uns aufs Schönste. Titel des Stücks: Si cela n'avait jamais existé, "Wenn es das nie gegeben hätte". Das wäre schade, wir hätten ein wundersames Notturno versäumt, in stillen Straßen und gespenstischer Industriebrache, um Mitternacht nur von einer Hand voll Schattenwesen bevölkert, die fliehenden Kaninchen und buckelnden Katzen, den Kühlturm mit rotem Neonkranz, den schwarz lackierten Kanal. Taxithéâtre - die Deutsche Anna Marina Pleis hatte die Idee und inszenierte sie mit der Truppe Théâtre 27 zuerst in Marseille und jetzt für das Brüsseler KunstenFestivaldesArts, das zum neunten Mal und bis zum 24. Mai die Metropole zur Bühne macht für Theater, Tanz, Film, Performance (www.kunstenfestivaldesarts.be). Die Schauspielerin P'm Bouvier führt dieses Kammerspiel auf vier Rädern auf. Streichelt das Lenkrad, während Stimmen von der Kassette tönen. Gelegentlich wiederholt sie die kargen Sätze voll melodiöser Banalität, Zitate von Andrej Tarkovski und Marguerite Duras: "Wo bist Du, wohin bist Du verschwunden?" Wie weit reicht die sorgfältige Choreografie, wann übernimmt der Zufall die Regie? Fruchtlose Fragen, denn diese Kunstform ist durch und durch transitorisch, zwischen Er-Fahrung und Um-Nachtung. Irgendwann stoppt der Benz jäh am Kai. Die Gestalt gleitet aus dem Schiebedach, rutscht über die Motorhaube und schlafwandelt. Spreizt die Arme wie ein Vogel, der hinab zu den Fischen will. Was wäre, wenn?

Taxithéâtre ist ein zerbrechliches Gut an der schmalen Kante zur wirklichen Wirklichkeit. Die Fahrerin fragte nicht nach unserem Ziel. Und wir wollten den Preis nicht wissen.