Alle drei Monate trifft sich in Wiesbaden der wohl mächtigste Seniorenclub Deutschlands. Dann versammelt sich in der Abraham-Lincoln-Straße 21, in der Gästekantine des Linde-Konzerns, eine Herrenriege zum Essen, die mehr als ein Jahrzehnt einige der größten Konzerne des Landes führte – und die nun, im fortgeschrittenen Alter, immer noch die Hand auf "ihren" Unternehmen hält. Gastgeber ist Hans Meinhardt, 72 Jahre. Siebzehn davon war er Vorstandschef bei Linde, anschließend übernahm er den Vorsitz im Aufsichtsrat. Mal als "Mister Linde" tituliert (Frankfurter Allgemeine Zeitung), mal als "Sonnenkönig" (Capital) oder "Patriarch" (Handelsblatt), ist Meinhardt ein Lehrbuchbeispiel für Chefs, die nicht loslassen können und aus dem Aufsichtsrat weiterregieren.

Weitere Mitglieder der illustren Runde: Henning Schulte-Noelle, Exchef und heute Oberkontrolleur der Allianz; Martin Kohlhaussen, Exchef und Oberkontrolleur der Commerzbank; Manfred Schneider, Exchef und Oberkontrolleur bei Bayer; Jürgen Strube, Exchef und Oberkontrolleur der BASF. Gemeinsam repräsentieren sie den Aufsichtsrat der Linde AG, einzeln das, was Kritiker wie der Münchner Professor für Betriebswirtschaftslehre Manuel Theisen eine "personifizierte Katastrophe" nennen – den nahtlosen Rollenwechsel vom Konzernchef zum obersten Aufseher.

Als hätte es die Bilanzskandale im vergangenen Jahr nie gegeben, als sei über schärfere Kontrollen in den Unternehmen nie diskutiert worden, setzen sich die alten Herren so selbstverständlich wie eh und je auf die reservierten Plätze. Ganz gleich, ob sie ihr Unternehmen mit Gewinn an ihren Nachfolger übergeben wie Strube von der BASF oder ob sie mit Milliardenverlusten das miserabelste Ergebnis der Nachkriegsgeschichte verantworten wie Schulte-Noelle bei der Allianz: Immer wird mit dem Hinüberrutschen vom Chefsessel im Vorstand auf den Chefsessel im Aufsichtsrat die eigene Karriere gekrönt.

Selbst Fondsmanager rebellieren

Manche warten nicht einmal die nächste Hauptversammlung ab, sondern lassen sich per Gerichtsbeschluss zum Kontrolleur ernennen – so wie Albrecht Schmidt bei der HypoVereinsbank oder demnächst Hans-Jürgen Schinzler bei der Münchener Rückversicherung. Die Aktionäre dürfen das ein halbes Jahr später abnicken, und dank gegenseitiger Verflechtungen ist dabei kaum Widerstand zu erwarten.

Doch der Protest dagegen wird lauter: Auf der Hauptversammlung der Allianz wetterten Kleinaktionäre und ihre Vertreter gegen Henning Schulte-Noelles Wechsel in den Aufsichtsrat. "Das waren zehn verlorene Jahre", kritisierte Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre Schulte-Noelles Vorstands-Ära. Kurskorrekturen könnten gehemmt werden, warnte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz vor Schulte-Noelles Aufsichtsrats-Ära. Selbst Fondsmanager, bei solchen Fragen bisher zurückhaltend, sprachen sich gegen die Ruhestandspläne des Allianz-Chefs aus: Der personelle Neuanfang müsse sich auch im Aufsichtsrat widerspiegeln, forderte Klaus Kaldemorgen, Geschäftsführer der Fondsgesellschaft DWS. Und Thomas Körfgen, Leiter des Aktienfondsmanagements bei SEB Invest, kündigt an: "Wir werden wie bei der Allianz und der HypoVereinsbank künftig auch in anderen Fällen gegen solche Auswüchse der Deutschland AG opponieren."

Vom Aufsichtsrat hängt ab, ob Hunderttausende Arbeitsplätze und ein milliardenschweres Anlagekapital sicher sind. Die Kontrolleure bestellen oder feuern den Vorstand und genehmigen Investitionspläne. Und: Verschärfte Haftungsregeln sowie der Corporate Governance Kodex – ein neues Regelwerk für börsennotierte Aktiengesellschaften – weisen den Kontrolleuren mehr Verantwortung zu denn je. In vielen Firmen bekommen die Aufseher deshalb auch höhere Bezüge als je zuvor – so erhält Hilmar Kopper, Chef-Aufsichtsrat bei DaimlerChrysler, künftig doppelt so viel wie im vergangenen Jahr: 225000 Euro. "Solche Jobs", warnt Theisen, "dürfen nicht als prestigeträchtiger Ruhesitz für abgehalfterte Chefs missbraucht werden."

Experten kritisieren vor allem, dass die ehemaligen Konzernlenker in der neuen Rolle kontrollieren könnten, wie mit ihren eigenen Weichenstellungen und ihren Leichen im Keller umgegangen wird. Vorstände gelten in den USA deshalb erst nach einer cooling off- Periode von mehreren Jahren als unabhängige Kontrolleure. Bei den ehemaligen Konzernchefs konzentriert sich extreme Macht, denn "in der Praxis sind sie es, die sich ihre Vorstandskollegen selbst ausgesucht haben, ihren Aufsichtsrat und sogar ihren Nachfolger", so Willi Schoppen, Corporate-Governance-Experte bei der Personalberatung Spencer Stuart. In Einzelfällen erleichtert diese Machtballung, wenn sie im Aufsichtsrat fortgesetzt wird, finanzielle Großzügigkeiten wie bei Mannesmann oder dem Elektroriesen ABB. Bei beiden Konzernen wurden skandalträchtige Pensions- und Sonderzahlungen von mehr als hundert Millionen Euro erst publik, als der ehemalige Vorstandschef nicht mehr die Macht im Aufsichtsrat besaß.