Was war ich erschrocken, als von Bettina und Jakob die Einladung ins Haus trudelte - zum Lungenbraten! Zum Lungenbraten! Nichts gegen Überraschungen, aber ich kannte Bettinas Vorlieben für besondere Belletristik und kleine Nagetiere. Allzu viel Überraschung muss nicht immer sein im Leben. Auch nicht in meinem, also rief ich Jakob an, fragte diskret, was seine Frau da auf den Tisch zu zaubern ausgeheckt habe und erfuhr: "Lass Dich überraschen!" Nicht eine einzige Ingredienz war Jakob zu entlocken.

Also schlug ich den Gutknecht auf: "Pustekuchen – Lauter kulinarische Wortgeschichten". Monatelang hatte das Taschenbuch auf meinem Nachttisch gelegen, zwischen Wecker und Wasserglas, und mich vorwurfsvoll angeschaut. Ein Verlag hatte es mir einst freundlicherweise zum Rezensieren zugesandt. Gerne hätte ich es in Ruhe durchgesehen, an dieser Stelle besprochen. Man kommt zu nichts. Endlich ergab sich die Gelegenheit.

Das Werk bestand den ersten Test. Ich stieß im Stichwortverzeichnis auf den Lungenbraten. Und auf viele weitere Kleinode, bizarre Wortgebilde. Ich staunte, worüber Gutknecht kulinarische Aufklärung versprach: Ausfressen, Erbsenzähler, Froschsuppe, Muckefuck, Pizza Margherita, Scherbengericht, Tutti frutti, Zuckerboltje. Hängen blieb ich erstmal beim Stichwort Maggi. Mein Gehirn wühlte umgehend in meiner eigenen Vergangenheit, baute die alte Maggi-Fabrik auf und kramte den passenden Geruch hervor, der stets miterinnert sein will, wenn es um Maggi geht.

Schon saß ich wieder im Zug, wie jeden Tag, zwischen Winterthur und Zürich. Denn zwischen Winterthur und Zürich liegt Kempthal. Von Kempthal aus eroberte der Maggiwürfel die Welt, kam schließlich bei Nestlé unter. In Kempthal wurde damals noch kräftig Suppe gekocht, so dass der Pendler im Zug stets im Bild war, was in Kempthal gerade für den Weltmarkt produziert wurde: Suppenwürfel. Man musste nie von seiner Zeitung aufschauen. Olfaktorisch ward durch die undichten Zugfenster mitgeteilt, wie lange die Fahrt noch dauern würde. Suppe hieß: Kempthal. Wir fragten uns oft: Gibt es Einwohner in Kempthal, die Produkte von Maggi kaufen?

Was Buchautor Gutknecht über Maggi weiß - wie man den italienischen Namen korrekt ausspricht (nicht so wie ihn alle Deutschen aussprechen) - dass Liebstöckel nichts mit Maggi-Würze zu tun hat, obwohl der Volksmund das Gewürz seiner verblüffenden Ähnlichkeit mit der Labor-Würze wegen Maggi-Kraut genannt hat - dass in den Jahren 1886/87 der damals noch junge Frank Wedekind, Verfasser von "Lulu" und "Frühlings Erwachen", Werbesprüche für Maggi getextet hat. Einen davon darf ich Ihnen nicht vorenthalten: "Vater, mein Vater! Ich werd nicht Soldat! Dieweil man bei der Infanterie nicht Maggi-Suppe hat!" – "Söhnchen, mein Söhnchen! Kommst Du erst zu den Truppen, So isst man dort auch längst nur Maggis Fleischkonservensuppen."

Ich hab den Faden verloren, trödle, ein herrliches Buch! Den Lungenbraten wollte ich nachschlagen und bin am Ei des Kolumbus hängengeblieben. Dann kamen Kohldampf, Ohrfeige und die Schattenmorelle dazwischen. Dann die einzige kleine Enttäuschung unter dem Stichwort Müsli. Da hat es der Autor doch tatsächlich unterlassen, das Originalrezept für das Bircher Müesli mitzuliefern. Wo finde ich das?

Und nun bleibt nicht mal Zeit für den Lungenbraten. Ein köstliches, ein teures Gericht! Nach der Entwarnung durch den Autoren Gutknecht, habe ich es unterlassen, die Einladung auszuschlagen.