Hans Hellwig in Görlitz, Hermann Sieger in Lorch und Franz Bühler, um 1929 wohnhaft in Zürich, hatten etwas gemeinsam: Ihre Post kam geradewegs vom Himmel geflogen. Keine Botschaften vom Heiligen Geist, sondern von Menschenhand ausreichend frankierte, ordentlich abgestempelte und säuberlich adressierte Briefe und Karten. Sie wurden auf den ruhigen Bahnen der Zeppeline im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aus der Kanzel abgeworfen. Philatelisten sind solche frühen Zeugnisse der Luft-Post je nach Seltenheit oder Schönheit 1000 Euro oder auch mehr wert.

An die 650 Schriftstücke und mehr als 100 Zeppelin-Memorabilien versteigert der Düsseldorfer Briefmarken-Auktionator Ulrich Felzmann am 21. Mai (www.felzmann.de). Sie stammen aus der amerikanischen Sammlung Martin Feibusch, die aufgelöst wird. Beim Durchblättern des reich bebilderten Katalogs packt nicht nur den passionierten Sammler die Begeisterung. Anhand der Briefumschläge in unterschiedlichen Formaten und Farben, der in Blocks und einzeln aufgeklebten Marken, der sie überlagernden Stempel, der getippten oder in geschwungener Handschrift geschriebenen Adressen und Absender öffnet sich ein Zeitfenster. Private Schicksale, technischer Fortschritt, Kommunikationsweisen – all das lässt sich sowohl heraus- als auch hereinlesen.

So ein Luft-Post-Brief wurde dann beispielsweise 1911 in einen mit Sand beschwerten Abwurfbeutel aus Ölpapier gesteckt, an eine fast drei Meter lange schwarz-weiß-rote Schärpe geheftet und segelte mit einem Hapag-Lloyd-Wimpel gen Boden. Sowohl die Speisekarte des Luftschiffs Deutschland (2500 Euro) als auch ein solcher Abwurfbeutel der Viktoria Luise von 1912 (2000 Euro), diverse Tischdecken, Geschirrteile und Bestecke gehören zu den angebotenen Raritäten der Auktion.

Hinter vielen Briefen scheint ein Geheimnis zu stecken, auf jeden Fall eine Geschichte. Los Nummer 413 fiel auf der Amerika-Fahrt 1928 beim Abwurf über den Bermuda-Inseln ins Wasser. Die Fracht wurde aus dem Meer gefischt und ordentlich in Görlitz zugestellt. Auch ohne Frankatur ist eine der Karten auf 1500 Euro geschätzt. Die im darauf folgenden Jahr auf einer Orient-Fahrt an Bord geschriebene und illegal über Jerusalem aus der Kanzel geworfene sowie mit diversen Nachgebührstempeln versehene Postkarte fand ebenfalls auf verschlungenen Wegen ihren Adressaten (400 Euro).

"Damals", so sagt der Leiter Philatelie bei Felzmann, Peter Such, "gab es ein ausgeprägtes Sozialverhalten." Nicht anders zu erklären ist die Zustellung eines Briefes in Zürich innerhalb von drei Tagen zwischen dem 28. und 30. Juli 1929, den ein Emil Wegner in den elsässischen Weinbergen aufgelesen und zum nächsten Postamt getragen hatte. Der mit dem handschriftlichen Vermerk "in der Gera aufgefischt und weiterbefördert von Herbert Neuer, Erfurt" versehene Brief fand seinerseits seinen Adressaten im württembergischen Lorch (750 Euro).

Relativ unangefochten von wirtschaftlichen Auf- und Abbewegungen floriert der Markt der Briefmarkensammler. "Kenner, nicht Spekulanten sind unsere Kunden", sagt Peter Such, gebildete Leute, die vielleicht einmal als Kinder zu sammeln anfingen, dann ihre Alben in den Schrank gelegt und sie im Alter zwischen 40 und 50 Jahren wieder zur Hand genommen hätten. "Da gibt es ein Gespür für die vielen sozial- und entwicklungsgeschichtlichen Aspekte, die sich in den verschickten Objekten festmachen."

Haben Briefmarkensammler früher eher breitbandmäßig gesammelt, so fokussieren sich die Interessen inzwischen auf abgesteckte und arrondierte Fachgebiete. Peter Such: "Anders ist es ja gar nicht mehr möglich, da man nur für einen Teilaspekt schon eine ganze Schrankwand benötigt." Was die Zeppelin-Post angeht, kommt mit der amerikanischen Sammlung jetzt und einer noch umfangreicheren Kollektion bei Felzmann im Herbst ein Stück Zeitgeschichte wieder in Umlauf. Dabei sind die einzelnen, eigentlich nur zum Gebrauch und als Transportmittel gedachten frankierten und gestempelten Hüllen privater und offizieller Sendungen inzwischen selbst zu Schmuckstücken mutiert. Wie beispielsweise ein 177 Gramm schwerer "Bedarfsbrief der Howaldtwerke AG" in Kiel, der nach Buenos Aires verschickt wurde (4500 Euro). Oder der ebenfalls großformatige braune, an "11 Broadway, New York" adressierte Umschlag, der auf einer Südamerika-Fahrt 1930 aufgegeben wurde. Er ist rundum mit Marken beklebt. Wie sagt der Katalog? "Mehr Frankatur kann man nicht verlangen."