Der Gott schaut dem Betrachter herausfordernd ins Gesicht. Stiert ihn aus Glotzaugen an, mit gefährlich gebleckten Fangzähnen. Keine Schönheit, dieser Tlaloc, doch es gibt schlimmere Gestalten im Pantheon der Azteken als den allgegenwärtigen Regengott, der je nach Laune die Maisernte retten oder vernichten kann. Die Erdgöttin Coatlicue schmückt sich mit einer Halskette, an der Menschenherzen baumeln, sie trägt einen Rock aus Klapperschlangen. Vielen überirdischen Wesen in diesem figürlichen Gruselkabinett schlabbert die Zunge aus dem offenen Maul; sie lechzen nach Blut. Nach Menschenblut.

Steinmetze, Maler und Stuckateure der Azteken haben formvollendete Skulpturen geschaffen, die ihre Vorstellung von Welt und Kosmos widerspiegeln und Ängsten der Menschen Ausdruck geben, die vor einem halben Jahrtausend im Hochland Mexikos gelebt haben. In nur 200 Jahren war es den Azteken gelungen, eine Hochkultur zu etablieren und sich zur beherrschenden Großmacht Mittelamerikas aufzuschwingen. Doch ihr Imperium fand ein jähes Ende, als die spanischen Konquistadoren unter Hernando Cortez 1519 die Hauptstadt Tenochtitlan einnahmen und in ihrer Zerstörungswut keinen Stein auf dem anderen ließen.

Unter Schutt und Geröll aber haben Tausende von Artefakten die Jahrhunderte überdauert und ihren Weg in die großen Museen der Welt gefunden. Die umfangreichste Ausstellung aztekischer Kunst, die es jemals gegeben hat, wird derzeit in Deutschland gezeigt, zunächst in Berlin, danach in Bonn. Dass sie zustande kam, ist Ausdruck eines wachsenden mexikanischen Selbstbewusstseins, das sich immer stärker auf die vorspanischen Kulturen beruft. Aus diesen Wurzeln bezieht das heutige Mexiko seine Identität.

Aber nicht Olmeken, Tolteken oder Maya, die anderen Hochkulturen des alten Mexiko, schüren die patriotischen Gefühle. Die zentrale Rolle bei dieser historischen Rückbesinnung kommt den Azteken zu, die sich selbst als "Mexica" bezeichnet hatten. "Denn die Azteken", so das Bekenntnis von Felipe Solis Olguin, Direktor des Nationalmuseums für Anthropologie und Geschichte in Mexiko-Stadt, "sind unsere direkten Vorfahren."

Dass die Nation ausgerechnet diesem kriegerischen, blutrünstigen Volk so hohen Respekt zollt, liegt unter anderem daran, dass es seinerzeit nicht vor den übermächtigen spanischen Eroberern kuschte, sondern sich tapfer zur Wehr setzte. Die Entwicklung geht mit der Wiederentdeckung der prächtigen Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan einher. Sie zählte eine viertel Million Einwohner und lag, wie spanische Überlieferungen stets vermuten ließen, genau unter der heutigen Metropole Mexiko-Stadt. Einen Beweis dafür gab es erst, als am 28.Februar 1978 ein Arbeiter beim Bau einer neuen Tunnelröhre für die Metro des Millionenmolochs mit seiner Spitzhacke auf ungewohnt harten Widerstand traf. Er schob die Erde beiseite und legte eine fein gemeißelte Hand frei, die sich als Ornament eines runden Reliefs entpuppte. Der Bautrupp unterbrach seine Arbeit und benachrichtigte das Nationalinstitut für Anthropologie und Geschichte (INAH). Zu den Ersten, die herbeieilten, um den monumentalen Stein zu begutachten, gehörte der renommierte mexikanische Archäologe Eduardo Matos. Für ihn war der Tag der sensationellen Entdeckung der Beginn einer bis heute währenden intensiven Beschäftigung mit den Azteken.

Der Monolith von drei Meter Durchmesser, der die Wiederauferstehung der alten Kapitale markiert, zählt heute zu den Glanzstücken des Nationalmuseums von Mexiko-Stadt. Die Mondgöttin Coyolxauhqui ist darauf dargestellt, an Leib und Gliedern zerstückelt – so, wie sie nach überliefertem Mythos ihr Bruder Huitzilopochtli zurichtete. Diesen Wüterich ohne Familiensinn verehrten die Azteken als ihren Stammes- und Kriegsgott und brachten ihm auf den höchsten Tempeln des Landes jahrein, jahraus Tausende von Menschenopfern dar.

Die Trümmer von Tenochtitlan liegen exakt unter dem Zentrum der Metropole. Den zerstörten Palast, in dem einst der glücklose Montezuma herrschte, hat schon der Eroberer Hernando Cortez mit seinem Palais überbaut. Und heute steht an derselben Stelle der Nationalpalast, der die gesamte Ostseite des Zócalo, des größten Platzes der Stadt, einnimmt und dem Präsidenten als Amtssitz dient. Heute weiß man, dass selbst die barocke Kathedrale auf heidnischem Boden steht. Sie wurde über den Resten eines geschleiften Tempels errichtet.

Der Fund der zerstückelten Coyolxauhqui wurde zur Initialzündung für ein archäologisches Großprojekt unter der Leitung von Eduardo Matos, das sich über 20 Jahre erstreckte. Im Auftrag des INAH begann der Professor für Anthropologie und Geschichte, im Zentrum von Mexiko-Stadt die Reste des von den Konquistadoren zerstörten Templo Mayor freizulegen, des ehemals politisch-religiösen Zentrums des Aztekenreichs.