SchlagfertigkeitFrechheit siegt

Richtig kontern kann man lernen – bei einem "Schlagfertigkeitscoach". Ein Trainingsbericht von 

Die schmächtige, etwas unscheinbare Dame neben mir nickt heftig und notiert. Und auch in mir sagt eine Stimme mit Nachdruck: "Jajaja! Genau. So isset!" Herr Pöhm weiß, wie er seine Pappenheimer da abholt, wo sie sind: in der Opferrolle, wo sonst.

Nehmen wir den lieben Kollegen, wie er so fies von der Seite kommt: "Sie sind aber ganz schön moppelig geworden im Urlaub!" Unsereiner: "Ja, ähem, klar, das gute Essen da unten, das Bier, die Veranlagung…" – "Wenn Sie sich hier verteidigen, können Sie nur verlieren!", donnert Pöhm. "Sie erklären viel zu viel, Sie rechtfertigen, wo nichts zu rechtfertigen ist!" Nicken, Seufzen, ach ja!

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All die kleinen Attacken, die uns treffen, die Peinliches berühren, was dann leider auch noch wahr ist. Sie haben ja nicht mal einen Hochschulabschluss! Besitzen Sie keine Krawatte? Haare gefärbt? Hier gibt es nur einen und genau einen Konter: "Stimmt! Genau! Sie haben es erfasst! Wo ist Ihr Problem, Kollege?" Wird gegiftet: "Sie haben aber ein hohes Gehalt!" – dann sagt man einfach: "Ja!" Da ist man doch stolz! Oder die lieben Lehrer: Wie sie rudern und stottern und argumentieren, erwischt sie der Standardvorwurf, den vielen Urlaub betreffend. Was sagt der Lehrer, wenn sein Lehrer Herr Pöhm heißt? "Aber ja, natürlich!" – "Denken Sie an Klaus Wowereits berühmten Konter: ‚Ja, ich bin schwul, und das ist gut so.‘"

So was müsste man können! "Nie wieder sprachlos" sein. Welch ein Versprechen von "Deutschlands Schlagfertigkeitscoach Nr. 1" (Selbsteinschätzung). Das Konferenzzimmerchen im Frankfurter Hotel ist mit neunzehn Teilnehmern gut voll. Drei Frauen sind darunter. Alle mittleres Management, Verkauf, Krankenkasse, Automobilbau, Flughafen. Bis auf einen rundlichen Sunnyboy, der quatscht wie ein Wasserfall oder wie ein Pressesprecher (was will der eigentlich hier?), sind wir hier fast alle vom Typus Magengeschwür-weil-zu-viel-runtergeschluckt. Besonders der zu meiner Rechten. Einer, der im Stahlbau Sanierer ist, ganz harter Job, täglich Prügel, von oben und von unten. Was Attacken sind, braucht dem Mann niemand zu erzählen. Uns eint die strukturelle Unfähigkeit, eine Attacke zu parieren. Busfahrer, Verkäuferinnen, Staatsbedienstete, Kollegen, Chefs: Alle pampen uns an, und wir stottern zurück oder schweigen eingeschüchtert. Manchmal – und das ist das Schlimmste – fällt uns eine halbe Stunde später die knallharte, ironische oder elegante Antwort ein. Nur nie, NIE!, wenn sie gebraucht wird. Der Angreifer dagegen haut seine Aggression raus. Und wir kauen einen Tag lang Schaum.

Und dann verspricht dieser Pöhm, dass man das lernen könnte: Schlagfertigkeit. Er selbst musste das wohl nicht lernen. Matthias Pöhm war das jüngste von neun Kindern, eine ganz harte Schule. Auffallen machte ihm schon seit jeher Spaß. Der gelernte Softwareingenieur entdeckte in einem Rhetorikkurs sein Ding und sattelte um. Seit 1997 ist er Trainer für Schlagfertigkeit, Rhetorik und Fernsehauftritte. Sein Buch Nicht auf den Mund gefallen. So werden Sie schlagfertig und erfolgreicher (mvg Verlag, 19,90 Euro) verkaufte sich 100000-mal. Heute kann er 430 Euro plus Mehrwertsteuer pro Nase für den Schlagfertigkeitstag verlangen. "Sie sind aber sehr teuer, Herr Pöhm!" – "Stimmt!"

Alle müssen aufstehen ("Immer aufstehen, das bringt eine ganz andere Ausstrahlung!"). Gerade stehen. Dem Gegner fest in die Augen blicken. Laut reden. Überhaupt reden. Lieber irgendwas sagen als schweigen! Und keine Angst vor Ärger haben! Der bleibt nämlich nicht aus. Schlagfertigkeit ist Frechheit. Sie hat mit Schlagen zu tun, und Schlagen tut weh. Dann sagt Pöhm etwas Bedrückendes: "Schlagfertigkeit ist nicht in erster Linie eine Technik, sondern eine Geisteshaltung." Schade, doch wir hatten es geahnt. Die einen haben’s, wir nicht. Oder?

"Was wir hier lernen, ist Selbstbewusstsein!" Der Schlagfertige riskiert eine Menge: die Peinlichkeit, danebenzuhauen, aufzufallen, sich zu blamieren; vielleicht ist der Gegner schlagfertiger oder kennt die Tricks. Nur der Selbstbewusste schert sich nicht um solche Bedenken.

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