Wenn mal wieder alles zum Fehlen des deutschen Films in Cannes gesagt ist, kann man zusammenfassen: Das gab’s nur einmal, das kommt nie wieder – nämlich die Zeit, als die deutschen Autorenfilmer (ein Etikett, das man mir übrigens immer streitig machte zu Zeiten, als es noch eine Auszeichnung und keine Beschimpfung war) in Cannes Urstände feierten. Man kann den Spieß aber auch umdrehen und feststellen: In der Nachkriegszeit und in den fünfziger Jahren gab es so wenige deutsche Filme dort wie in den letzten Jahrzehnten. Wenn wir heute von Abwesenheit sprechen, beziehen wir uns eigentlich nur auf die Ausnahmejahre 1965 bis 1985.

Cannes war damals vor allem ein großes europäisches Festival, und Filme von Fellini, Visconti, Antonioni, der dort mit L’Avventura skandalisierte und triumphierte, wie die von Bardem und Buñuel, von Truffaut und Godard, wie die von Bergman, Karel Reisz und später Milos Forman – wurden von allen Europäern gesehen. Fast 20 Prozent der deutschen Zuschauer sahen französische Filme, ebenso viel Franzosen sahen italienische Filme, spanische, skandinavische und so weiter. Alle, die heute weniger als ein Prozent Marktanteil bei ihren Nachbarn haben, galten damals in allen Ländern gleich viel, und kurzfristig bekam sogar der deutsche Film hier und da einen Fuß in die Exporttür.

War Cannes der Türöffner, oder reflektierte die Auswahl nicht eher das, was die Märkte, die Medien, das Publikum wollten? Wäre Lola tatsächlich gerannt in Frankreich? Oder hätte ein anderer deutscher Film ein Publikum in Paris gefunden, etwa Die Innere Sicherheit, Die Unberührbare, Die Stille nach dem Schuss oder Nirgendwo in Afrika? Dann gäbe es in Cannes sicher auch öfter mal einen deutschen Film. Beunruhigender als der Geschmack der Jury ist das Schließen der kulturellen Grenzen, während Wirtschaft und Währungen miteinander verschmelzen.

Mit der Gauloise ins Kino

Jeder Europäer sieht neben amerikanischen Filmen nur noch seine nationalen Produktionen. Beim Fernsehen ist es fast noch schlimmer, wenn man den gelegentlichen Hochglanz -Napoleon oder die immer wiederkehrenden Musketiere ausnimmt. Wenn wir uns zwischen Paris und Washington "entscheiden" sollen (politisch gemeint), so können wir kulturell bereits Vollzug melden, gemeinsam übrigens mit allen anderen Europäern, die nicht nur ihre Filme, auch ihre Musik, ihre Bücher, kurz ihren Way of Life nicht mehr von ihren Nachbarn beziehen, sondern aus Amerika.

Wir sind uns als Nachbarn kein Vorbild mehr. Vielleicht, weil wir alle derartig im Zugzwang gegenüber der globalen Leitkultur sind, dass wir die geringe emotionale und intellektuelle Energie, die uns das ständige Aufnehmen des Weltweiten lässt, auf das verwenden, was uns am Nächsten ist: das Nationale oder sogar das Regionale. Für den Nachbarn und seine Kultur haben wir einfach keine Zeit mehr. Wir spüren wohl, dass die anderen Europäer im gleichen Maße wie wir selbst an der Peripherie leben und sie auch wie wir kein Rezept für das Bestehen gegenüber den zentrifugalen Kräften haben.

Früher war alles anders, heißt es, und in der Tat, als ich aufwuchs, blickte ich nach Frankreich: Existenzialismus, ein Gemisch aus Gauloises, Juliette Gréco und Rotwein mit einem Schuss Camus Grand Cru war die Leitkultur. Später beneideten wir die Schweden um alle möglichen Freizügigkeiten, die Briten um ihre Musik, Italien um Mastroianni und die Loren, Spanien um die Abgründe des Don Luis. Heute haben wir uns nichts mehr zu sagen – oder unterstellen uns das zumindest gegenseitig. Das wäre ein Zivilisationsproblem, das Abschotten der Kulturen als dialektische Antwort auf die Einheitswährung.

Zurück nach Cannes, wo der Wirbel vor allem den amerikanischen und den französischen Filmen gilt. So wie es auf der Berlinale neuerdings vor allem um die deutschen geht – selbstverständlich neben den amerikanischen. Es scheint, dass auch die großen internationalen Festivals das widerspiegeln, was die Kino- und Fernsehprogramme beweisen: den Trend zum Globalen einerseits und zum Nationalen andererseits. Die europäischen Nachbarn landen in den Nebenreihen, ebenso wie die Filme anderer großer Kinematografien aus dem "Rest der Welt". Weshalb auch die Beteiligung und die Auszeichnung auf Festivals, früher weltweit ein ziemlicher Erfolgsgarant, heute nur noch dem nationalen und dem globalen Film (ist er überhaupt noch amerikanisch?) zugute kommen. Insofern haben wir Deutschen hier mit der Berlinale den Anschluss geschafft, sind vielleicht sogar Vorreiter. Es liegt durchaus in diesem Trend, dass Berlin ein Fest des deutschen Films wird, so wie die Italiener sich am Lido feiern sollten und Cannes mehr und mehr den französischen Film verteidigen dürfte.