Neue Weltordnung Nicht nur einer wird gewinnen
Amerika gegen den Rest der Welt das kann nicht gut gehen. Europa setzt dem Einfluss der Vereinigten Staaten Grenzen
Erst langsam verzieht sich in Bagdad der Rauch. Da ist es noch zu früh, darüber zu urteilen, wie der Irak-Krieg und der Riss in den transatlantischen Beziehungen, der mit ihm entstand, die zukünftige Entwicklung des internationalen Staatensystems beeinflussen werden.
Eine Auffassung besagt, dass die Vereinigten Staaten nunmehr ihre überwältigende militärische Macht und ihren Willen bewiesen hätten, sie auch einzusetzen. Woraus eindeutige Lehren zu ziehen seien: Deutschland, Frankreich und Russland sollten lieber alles in ihren Kräften Stehende tun, um sich mit der einzigen Supermacht der Welt auf guten Fuß zu stellen, und alle Schurkenstaaten könnten sich schon mal auf das Schlimmste gefasst machen. Ein neues amerikanisches Jahrhundert kündige sich an.
Einer anderen Sicht der Dinge zufolge bedeutete der Krieg das genaue Gegenteil: das Ende des amerikanischen Zeitalters. Die USA haben ihre neue Doktrin vom Präventivkrieg und ihren Anspruch auf Vorherrschaft in die Tat umgesetzt. Aber sie haben damit auch gegen das Urteil der Weltmeinung gehandelt und ihre internationale Legitimation beschädigt. Amerikas gütige Hegemonie ist nicht mehr gar so gütig. Von jetzt an werden sich die anderen Nationen dem amerikanischen Führungsanspruch eher widersetzen, als sich hinter den USA zu sammeln.
Diese zweite Ansicht dürfte die zutreffende sein. Der Krieg im Irak war nur ein Symptom, nicht die Ursache für die Kluft, die sich jetzt zwischen Amerika und dem größten Teil der restlichen Welt auftut. Die meisten Mitglieder des UN-Sicherheitsrats hatten sich von vornherein darauf eingestellt, Washingtons Drängen auf einen Krieg Widerstand entgegenzusetzen. Denn sie waren längst zu der Überzeugung gelangt, dass die Vereinigten Staaten eine größere Bedrohung für die internationale Stabilität darstellten als der Irak. Der amerikanische Unilateralismus, der von den Verletzungen und der Wut genährt wird, die der 11.September zurückgelassen hat, zerreißt das Gefüge der internationalen Gemeinschaft.
Obwohl Amerikas militärische Überlegenheit über Jahrzehnte hinweg unantastbar bleiben dürfte, wird dieser grundlegende Wandel in der Wahrnehmung amerikanischer Macht und ihrer Ziele die Stellung der USA als einzige unangefochtene Supermacht langsam, aber sicher untergraben. Viele Länder gehen jetzt auf Distanz zu den Vereinigten Staaten und befördern damit den Übergang in eine Welt, die aus mehreren Machtzentren besteht. Die Wiederkehr einer multipolaren politischen Landschaft wird die Konkurrenzinstinkte wieder erwecken, die durch die Vorherrschaft der USA in Schach gehalten worden waren. Es gehört zu den zentralen Herausforderungen der Weltgemeinschaft, sich auf diesen Umbruch vorzubereiten.
Die meisten politischen Beobachter stimmen zwar darin überein, dass die gegenwärtigen Erschütterungen der transatlantischen Beziehungen die schwerwiegendsten seit dem Zweiten Weltkrieg seien. Doch sie betrachten diesen Zustand als vorübergehend. Er sei die Folge negativer Wesenseigenheiten der Bush-Regierung. Das ist jedoch eine gefährliche Illusion. Unter der Oberfläche macht die internationale Ordnung grundlegende Veränderungen durch, die nicht mehr umkehrbar sind.
Der Aufstieg eines selbstbewussteren und zuversichtlicheren Europa ist eine wesentliche Triebkraft dieses Umbruchs. Das Volkseinkommen der EU nähert sich dem der USA, und der Euro gewinnt gegenüber dem Dollar ständig an Boden. Investoren tendieren mehr und mehr zu Euro-Anlagen, was für Amerika, das in hohem Maße von Zuflüssen ausländischen Kapitals abhängig ist, zu einer ökonomischen Achillesferse werden könnte.
- Datum 22.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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