Porträt Waschbeton mit Goldrand
Sie sind große Immobilienkaufleute und noch größere Mäzene. Viele Millionen spenden die Greves aus Hamburg für die Künste. Nur für die Kultur des Bauens haben sie nichts übrig
E igentlich könnte Helmut Greve ein Volksheld sein, eine Art Uwe Seeler der Baukunst. Groß sind seine Wohltaten, viele Millionen stiftet er jedes Jahr für Kultur und Wissenschaft. Und noch größer sind seine Erfolge als Unternehmer. Aus dem Nichts hat er ein Imperium aufgebaut, hat alle Konkurrenten überflügelt und ist heute Hamburgs mächtigster privater Grundbesitzer, der Herrscher über ein Büro- und Wohnreich von einer Million Quadratmetern. Mehr als alle Architekten prägt er das Bild der Stadt. Dennoch kennen ihn in Hamburg nur die wenigsten.
Sein Leben lang hat sich der 81-Jährige bedeckt gehalten, still und fast unbemerkt ließ er die erstaunlichsten Bauten entstehen, Häuser, die wohl nur deshalb noch so viele Mieter finden, weil sie oft billig gemacht sind und billig vermarktet werden. Einer dieser Büroriegel, ganz im Stil der unerschütterlichen sechziger Jahre, steht seit kurzem auch im Norden Hamburgs, im beschaulichen Stadtteil Lokstedt. Direkt neben Hagenbecks Tierpark erhebt sich eine schier endlose Hochhausscheibe, ergänzt um einige Altenwohnungen mit Balkon hinaus auf eine vierspurige Straße. Nackt und streng sind diese Baukörper, notdürftig ummantelt von weißen Dämmplatten und kalt-grauen Glasscheiben. Trotz der Allmachtsgesten dieser Anlage denkt man unwillkürlich an sanierte Plattenbauten. Die Vordächer über den Eingängen, zusammengeschraubt aus Stahlträgern, Kupferblech und Fichtenholztäfelung, sehen aus wie Carport-Selbstbaumodelle aus dem Heimwerkermarkt.
Fast alle Greve-Bauten ähneln sich, sie sind stoisch im Auftritt und verkümmert im Detail. Auch sein eigener Firmensitz macht keine Ausnahme. Vor ein paar Jahren erst hat er dies Bürogestade im Quartier Winterhude auftürmen lassen und taufte es auf den Namen Alstercity. Diese ähnelt tatsächlich einer Stadt in der Stadt, auf sanfter Anhöhe gelegen, umgeben von einem Kranz aus Backsteinzeilen. Im Zentrum schießt ein verspiegelter Glasturm empor, und dort, im 17. Geschoss, hat Helmut Greve sein Büro. Blickt er aus dem Fenster, dann liegt ihm Hamburg zu Füßen, und viele seiner Besitztümer rücken ganz nah, die Einkaufszentren, Hotels, Bürofinger und Seniorenbauten. Die Stadt wirkt plötzlich so, als sei sie bei Helmut Greve zu Hause – und in gewissem Sinne ist sie es wirklich. Selbst einen Einkaufsbummel kann der gebürtige Hamburger unternehmen, ohne sein Heim zu verlassen. Eine kleine Passage hat er sich unten in seiner Alstercity einrichten lassen, mit Supermarkt, Schuster, Weinlädchen und Reinigung. Fast alle Ladenflächen sind vermietet, und doch wirkt die Szenerie merkwürdig steril und gestellt, wie die Kulisse für einen, der unbedingt Stadt spielen möchte, im Maßstab eins zu eins.
Was erzählen uns diese Häuser, was sagen sie über ihren Bauherrn? Warum plant Helmut Greve so unbescheiden groß und so bescheiden schön? Wie kommt es, dass jemand so wenig übrig hat für die Ästhetik seiner Architektur, obwohl er doch die Künste fördert, sogar zwei Stiftungen für Wissenschaft und Kultur gegründet hat, den Aufbau eines Studiengangs Musikmedizin in Hamburg finanzierte, eine begehbare Bauskulptur errichten ließ und selbst die Renovierung des legendären Theaters im Zimmer bezahlen würde? Auf diese Fragen eine Antwort zu bekommen ist nicht einfach. Auch in seinem hohen Alter kennt Greves Terminkalender kaum Lücken, und wer ihn näher kennen lernen möchte, der muss viele Faxe schicken, muss oft anrufen und sich in Geduld fassen. Irgendwann aber kommt dann der Tag, und man betritt sein fahles Riesenfoyer. Gespenstisch leer, DDR-nackt ist dieser Vorraum; nur einige Glasvitrinen stehen herum. Und auf dem Fußboden prunkt eine Bronzeplakette, darauf die Namen von Prof. Dr. Helmut Greve und Dr.Hannelore Greve. Beide lassen nun bitten.
Ein älterer Herr kommt uns entgegen, weich und jovial, begleitet von seiner Frau. Fast immer treten die Greves gemeinsam auf, zu zweit wickeln sie ihre Bauvorhaben ab, zu zweit haben sie ihre Kulturspenden geplant. Er geschäftig, bescheiden, im gedeckten Anzug; sie im roten Lederkleid und mit weiß lackierten Fingernägeln. Ein Paar, so gegensätzlich wie die Welt, die sie bauen und bewohnen. Die beiden leben in Extremen, sind knauserig und verschwenderisch, sparsam und üppig, sie sind außen ganz anders als innen.
Hoch oben in seinem Konferenzraum in der Alstercity hat Helmut Greve ein armlanges, mit vielen Schnörkeln überzogenes Messingfernrohr aufgebaut, an der Stirnwand steht eine teure Edelholzkommode, darüber hängen zwei zartweich gemalte Ölporträts seiner Eltern und ein Stammbaum von erstaunlichen Ausmaßen. Ganz ähnlich sieht es im großen Einrichtungshaus für englische Stilmöbel aus, das Hannelore Greve leitet: außen der Waschbeton des tristen Hochhausviertels City Nord, innen zwei goldgewandete Mohren mit verschlungenen Leuchtern auf dem Kopf; außen Speedy Autoservice, innen ein erlesener Couchtisch, getragen von Schwanenhälsen aus Plexiglas, die Schnäbelchen goldglänzend. Noch im kleinsten Detail zeigt sich, wie introvertiert diese extrovertierte Welt ist. Hinter Greves abweisenden Fassaden gibt es den warmen Stolz auf das Erworbene und die Lust an der Tradition.
Im Gespräch ist Helmut Greve mindestens so ambivalent wie seine Häuser. Einerseits möchte er gar nicht viel sagen, es gebe ja auch kaum etwas zu berichten. Andererseits liebt er es zu erzählen: von seinem bauenden Urahn oder von seinem Vater, der ihm zwei Grundstücke hinterließ, mit denen vor über 50 Jahren alles begann. Gern spricht er auch über die Beamten, die ihm die Zeit rauben, oder über all die Undankbaren, die ihm sein Geld, seinen Erfolg neiden und den Mäzen Greve nicht würdigen wollen. Sogar mit Farbeiern haben sie ihn und seine Frau schon beworfen, damals, als sie auf den Campus der Hamburger Universität kamen, um eine 70-Millionen-Mark-Spende für zwei neue Flügelbauten am Hauptgebäude zu verkünden. Das bespritzte Kleid war nicht mehr zu retten, schenken wollten sie trotzdem.
Immer wieder ist ihnen das passiert: Sie wollten Geld geben und stießen auf Widerwillen, auf Leute, die sich von ihren Spenden bedrängt oder bevormundet fühlten. Erst kürzlich gab es wieder Streit, diesmal über einen Anbau, den die Musikhochschule bekommen soll, bezahlt von Greves; die Nachbarn protestierten ebenso gegen die Entwürfe wie der Oberbaudirektor, und erst nach langem Hin und Her konnten die Stifter ihren Willen durchsetzen. Andere Hilfsangebote mussten sie hingegen stornieren, weil ihre Unterstützung nicht angenommen wurde, bei der Planung eines Museums für Musikinstrumente zum Beispiel. Mitunter überfordern die Greves offenbar die allgemeinen Vorstellungen vom Geben und Nehmen; man traut ihrer Freigebigkeit nicht. Und in der Tat – ganz frei ist sie wirklich nicht. Stets knüpfen die Greves an ihre Spenden ein Bündel an Forderungen, bei den Flügelbauten etwa wollten sie partout einen Architekturwettbewerb verhindern, alle Pläne sollte ihr Hausarchitekt liefern. Schließlich biete eine Ausschreibung keineswegs die Garantie für gute, schöne Architektur, argumentierte Helmut Greve. Doch ging es den Stiftern keineswegs nur um Ästhetik, sie wollten vor allem Kontrolle.
Auch nach Jahren des Wachstums, nach der Gründung von fast 20 Unter- und Nebenfirmen, führen die Greves ihren Konzern immer noch wie einen überschaubaren Familienbetrieb und kümmern sich um jedes Detail. Deshalb arbeiten sie nicht, anders als andere Bauinvestoren, mit unabhängigen Architekten; stattdessen beschäftigen sie ein Team von zehn Planern in ihrem Hause. Wenn dann wie jüngst in Lokstedt die Projektschilder aufgestellt werden, dann steht darauf nur ein Name: Prof. Dr. Helmut Greve.
Längst zählte ihn das manager magazin zu den 100 reichsten Deutschen, doch kann er sich mit seiner Quadratmeter-Million nicht zufrieden geben. Aus seinen Erzählungen spricht eine merkwürdige Unruhe, vor allem dann, wenn er vom Krieg berichtet, von seiner Zeit als Marineoffizier, von seinen Orden, davon, dass seine Kameraden zu einem Einsatz mussten, von dem nur wenige zurückkehrten. Er hingegen, der junge Helmut, blieb damals verschont, er durfte bei seiner Braut sein und nach dem Krieg einen neuen Anfang wagen. Seither ist für ihn das Leben ein Geschenk, so groß, dass es ihn immer wieder verwundert. Und er fühlt sich verpflichtet, dies Geschenkte nicht zu vergeuden, das Größte daraus zu machen, es zu nutzen bis zuletzt. Auch deshalb, weil sein Glaube ihm dies abverlangt.
In diesem Glauben gründet vieles von dem, was Greve ausmacht. Als engagiertes Mitglied bei den Mennoniten, einer christlichen Gemeinschaft mit pietistischer Prägung, hat er gelernt, dass man fleißig und zurückhaltend sein soll. Dass es eine Tugend ist, zu teilen. Und man trotzdem gehalten ist, mit seinen Pfunden zu wuchern. Allein, wie das alles zusammenpassen könnte, Strebsamkeit und Zurückhaltung, Reichtum und Bescheidenheit, das konnte ihm niemand sagen. Vielleicht begann sich deshalb irgendwann das Außen vom Innen zu lösen.
Achte nicht auf den äußeren Schein, baue billig und niemals verschwenderisch – dies ist seither das eine Motto. Und das zweite: Verschwende dich an andere und achte nicht darauf, was es dich kostet.
Befriedet hat er diese Gegensätze nie. Wer ihn reden hört, merkt rasch, wie eigennützig seine Uneigennützigkeit oftmals ist. Greve schenkt, damit ihm gegeben wird. Eine verdruckste Eitelkeit treibt ihn um und verfolgt ihn bis in die Nebensätze. Sein Juraexamen bestand er – mit Prädikat! Seit einigen Jahren arbeitet er nebenher für die Republik Ungarn – als Honorargeneralkonsul! Und dass er auch in Berlin gewaltige Bürohäuser baut und in Düsseldorf ein Modezentrum hingestellt hat, das größte Europas!, das soll natürlich nicht unerwähnt bleiben. Ebenso wenig wie seine Hilfe für die Armen in Südamerika oder „die größte private wissenschaftliche Stiftung seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland“!
Wenn man seinen Lebenslauf liest, könnte man meinen, das Stiften sei der eigentliche Beruf des Helmut Greve. Auf zwei Seiten listet er auf, was er wo gebaut hat; dann folgen sechs Seiten, auf denen die Ehrenämter und Spendenvorhaben des Ehepaars aufgezählt werden. Selbst kleine Projekte dürfen nicht fehlen, die Förderung einer Pilgerfahrt behinderter Menschen nach Lourdes oder eines Deutsch-Intensivkurses für ungarische Studenten. Tue Gutes, damit du davon künden kannst – dies ist das unausgesprochene Leitthema der Greves. Ihr Name soll sich allen einprägen, er leuchtet uns von den Fassaden der City Nord ebenso entgegen wie von einem Gedenkstein, der eigentlich an Fanny Hensel, geborene Mendelssohn Bartholdy, erinnern soll – und doch mehr über die Stifter sagt als über die zu Ehrende.
Kaum jemand scheint sich an diesem Gebaren sonderlich zu stören, kein Politiker in Hamburg würde es wagen, die Greves zu kritisieren. Lieber spekuliert man auf weitere Schenkungen – und deshalb kein Wort über all die Planungsfehler. Selbst die Baubeamten, so hört man aus der Behörde, üben sich mitunter in vorauseilendem Schweigen, niemand will die Stifter verärgern. „Hamburg hat Anlass zu Hochachtung und Dankbarkeit“, sagte der ehemalige Bürgermeister Henning Voscherau, als Helmut Greve 80 wurde.
Tatsächlich, die Stadt hätte diesen Anlass, sie könnte glücklich sein mit den beiden Mäzenen. Allerdings nur, wenn für Greves die Kultur schon beim Bauen begänne. Wenn sie den städtischen Raum nicht länger nur als Abstellfläche ihrer Renditetürme begriffen. Wenn auch die Architektur endlich zum Objekt ihrer Großzügigkeit würde.
- Datum 22.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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