Der Irak In einem besetzten Land

Der Ausgang des Krieges entscheidet sich im Frieden. Alles redet vom Wiederaufbau – doch davon ist nichts zu sehen. Die Besatzer sind ratlos, es wird weiter geplündert. Eine Reise durch den Irak

Tikrit Mindestens einmal muss gesagt werden, wie groß die Heimatstadt Saddam Husseins ist: Sie ist kleiner als sein Präsidentenpalast Saladin, den er in Tikrit hat bauen lassen. Es muss gesagt sein, dass diese Stadt ein Kaff ist, denn es sollte ja eine Art Stalingrad Mesopotamiens werden: Zehntausende Soldaten der Republikanischen Garden hielten sich hier angeblich verschanzt. Sie sollten den Invasoren ein letztes, verlustreiches, blutiges, grausames, fürchterliches Gefecht liefern. All das hat man gehört, im Fernsehen, das ganz verzweifelt auf den Endkampf Saddam Husseins wartete. Tikrit hat die Erwartungen nicht erfüllt. Die Stadt hat die Gelegenheit verpasst, in die Geschichtsbücher einzugehen. Es fehlte ihr an Kampfeswillen.

Aber das ist vorbei. Es geht um die Zukunft – um den Wiederaufbau, und der soll so gigantische Ausmaße annehmen wie die verpasste Schlacht um Tikrit.

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Der Irak nach Saddam Hussein? Lernen wir von Deutschland und Japan nach 1945; diese historischen Vergleiche wurden herangezogen, wenn von der Neuordnung des Trümmerlandes die Rede war. Es geht im Irak um etwas ganz Großes, um Milliarden aus dem Ölgeschäft, um zu bauende Straßen, um Krankenhäuser, um Schulen und nicht zuletzt um Demokratie. Kurzum: Es geht um einen neuen Staat – er müsste also leicht zu finden sein.

In Tikrit trifft man zunächst die klein gewachsene Soldatenfrau Blunt. Sie steht vor dem Palast Faruk, dem zweiten Präsidentenpalast, der vermutlich ebenfalls größer ist als die Stadt. Blunt ist Pionierin der US-Armee, mithin Expertin fürs Bauen unter schwierigen Bedingungen. „Die Leute hier“, sagt sie, „arbeiten mit. Sie sind tatkräftig, und wir kommen voran!“ Konkreter wird Private Blunt nicht, entweder weil sie es nicht darf oder weil noch nichts Konkretes geschehen ist. Es wäre schön, wenn man jemanden sprechen könnte, der dazu autorisiert ist, mehr zu sagen, oder jemanden, der mehr Überblick hat. Aber das ist nicht möglich, weil alles erst im Aufbau begriffen ist, auch die Niederlassung der US-Armee innerhalb des Palastes. Es gibt nichts zu erfahren über den Wiederaufbau in Tikrit, jedenfalls nicht von der US-Armee – und sie, nur sie ist die bestimmende Macht im Irak.

Im Teehaus Arabische Kavallerie, dessen Besitzer an der größten Kreuzung Tikrits nach Kunden Ausschau hält, hat keiner der Gäste etwas von Wiederaufbau gehört. Natürlich warten alle darauf. Denn niemand hier hat Arbeit. Außerdem, sagen die Gäste, sei es gar nicht wahr, dass die Tikritis von Saddam Husseins Herrschaft profitiert hätten. Natürlich, der Bau der beiden Paläste hat vielen Arbeit gegeben, über Jahre hinweg. Am Palast Saladin wurde zwölf Jahre lang gebaut. Aus dem ganzen Land sind Menschen gekommen, um sich in die Dienste von Saddam Husseins Größenwahn zu stellen. Aber das war nur eine Episode. „Oudscha, das Heimatdorf Saddams, hat alles bekommen“, sagt später einer auf der Straße, der sich nicht vorstellen will, weil er Angst hat vor den Anhängern Saddam Husseins. Oudscha steht heute leer. Alle Dorfbewohner sind geflüchtet aus Furcht vor den Amerikanern oder vor der Rache der Tikritis, die sich über Jahrzehnte von Oudscha unterdrückt fühlten. Niemand ist zu sprechen.

Wohin sich also wenden, wenn man den Wiederaufbau in Tikrit sucht? Noch einmal zu dem Präsidentenpalast, wo sich die US-Armee verschanzt hält. Wieder steht Private Blunt Rede und Antwort. Sie sagt mit freudig erregter Stimme: „Kommen Sie heute doch um sechs. Wir sprengen das Hotel Tikrit, weil es nicht mehr zu retten ist. Das können sie aufnehmen. Das gibt ein wunderbares Bild!“

Kirkuk Hier laufen die Dinge besser. Das war zu erwarten, denn in Kirkuk waren die Sieger mehr als willkommen: „Vectory!“ steht über dem verbrannten Standbild von Saddam Hussein und weiter: „Thank you Mister Bosh and Mister Blear!“ Ein herzlicher Empfang, zweifellos. Die US-Armee hat sich dementsprechend heimisch eingerichtet, vor allem auf dem Ölfeld Baba Gur Gur. Die Soldaten fühlen sich dort so sehr zu Hause, dass sie niemanden einlassen, auch nicht wenn jemand überprüfen möchte, ob die irakische Ölindustrie wieder instand gesetzt wird.

Die Petrodollar nämlich sollen den Irak wieder aufbauen, das war zumindest die Vorkriegshoffnung. Jetzt aber stellt sich heraus, dass die amerikanischen Konzerne zögern, im Irak zu investieren. Die Lage ist ihnen zu instabil. Die Besatzer möchten bis Ende des Jahres die Produktion auf drei Millionen Barrel pro Tag bringen. Das entspricht ungefähr dem Vorkriegsniveau. Aber das reicht gerade mal, um die rund 400 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden des Iraks zurückzuzahlen. Für den Wiederaufbau bleibt da nichts übrig.

Es ist nicht so, dass die GIs von Baba Gur Gur Neugierige direkt abweisen; sie schicken sie von einem Ende der Stadt zum anderen, von einem Militärposten zum nächsten, bis der Tag zu Ende geht, ohne Erkenntnisse gebracht zu haben.

Das Personal des Rathauses von Kirkuk ist da kooperativer. Am Treppenaufgang stehen vier Schreibtische, dahinter sitzt jeweils ein Uniformierter. An jedem Schreibtisch hängt ein großes Plakat. Darauf steht: „Araber“, „Assyrer“, „Kurden“, „Turkmenen“. Wer sich um eine Stelle beim Rathaus bewirbt, der kann sich hier eintragen, geordnet nach Volksgruppen. Das ist wichtig, denn Kirkuk ist eine multi-ethnische Stadt. Sie braucht Fairness, um nicht zu explodieren. In den ersten Tagen nach der Befreiung bestand die Gefahr, dass es zu dieser Explosion kommt.

Gefechte zwischen Kurden und Arabern kosteten rund 30 Menschen das Leben. Einige Kurden machten sich nach dem Fall der Stadt daran, Araber zu vertreiben. Saddam Hussein hatte diese Araber im Laufe der vergangenen Jahrzehnte mit Geld und Land nach Kirkuk gelockt. Es war Teil seines Plans, den Norden zu arabisieren. Nun sollte das Ganze nach Meinung mancher Kurden rückgängig gemacht werden. Das ist bisher nicht gelungen, weil die US-Armee vertriebene Araber wieder in ihr Recht gesetzt hat. Der Friede ist wieder hergestellt, und das ist ein wesentlicher Baustein des Wiederaufbaus in Kirkuk – denn ohne Zusammenhalt der Volksgruppen geht hier nichts und auch nicht im restlichen Irak.

Im Rathaus soll es denn auch ein aus den drei Volksgruppen zusammengesetztes Komitee geben, das über die täglichen Dinge der Stadt entscheidet. Zunächst aber gibt Hauptmann Cronkey in den Gängen des Rathauses Auskunft. Auf die Frage, wer die Stadt regiere, antwortet er: „Wir helfen den Einwohnern, die Dinge in Gang zu bringen!“ Und wenn man ihn dann fragt: „Das heißt, Sie führen die Geschäfte der Stadt?!“, sagt er: „Eigentlich schon …“, und unterbricht sich. Er bereut, die politisch unkorrekte Wahrheit ausgesprochen zu haben und verweist auf einen höher gestellten Offizier, der auf diese „politischen“ Fragen antworten könne. Der höhere Offizier findet sich freilich nirgendwo in Kirkuk.

Und doch geht etwas voran in Kirkuk. Vor den Toren des Ölfeldes Baba Gur Gur stehen Tausende von Irakern Schlange. Es sind die Bediensteten der irakischen Ölgesellschaft, die ihren ersten Lohn seit drei Monaten ausbezahlt bekommen. Die Menschen müssen durch ein Spalier aus Stacheldraht hindurchgehen. Am Ende der stacheligen Gasse stehen zwei Jeeps und ein halbes Dutzend Fallschirmspringer der US-Armee. Auf einem der Jeeps haben die Soldaten gewaltige Musikboxen aufgebaut. Softrockmusik fließt daraus hervor und macht dem Muezzin Konkurrenz, der irgendwo weiter drinnen in der Stadt zum Gebet ruft.

Warum diese Musik gespielt wird? Ein riesiger Soldat namens Kurtz gibt die Antwort: „Gestern haben wir mit der Auszahlung begonnen. Es war das Chaos. Die Menschen haben sich fast zu Tode getrampelt. Deshalb haben wir den Stacheldraht angebracht, und deshalb spielen wir die Musik.“

Stacheldraht, das ist verständlich, aber Kuschelrock? „Ja“, sagt Kurtz, „es beruhigt die Leute. Die Musik weicht sie auf, macht sie friedlicher.“ Kurtz zuckt mit den Schultern. „Unsere Arbeit besteht im Wesentlichen in Learning by Doing. Es ist ja das erste Mal, dass wir die Geschäfte einer Bank führen!“

Kerbala Die Stadt ist ein Heiligtum der Schiiten. Hier stehen die prächtigen Moscheen von Imam Hussein und seinem Bruder Abbas. Die goldenen Kuppeln leuchten, und die Gläubigen strömen zu Hunderten herbei. Auf dem Platz, der die beiden Moscheen verbindet, brennt die Sonne gnadenlos, und Kinderhändler bieten den Pilgern Erfrischungsgetränke an: Pepsi-Cola, vor allem.

Die US-Armee bemühte sich während des Krieges, Kerbala aus den Kampfhandlungen herauszuhalten. Eine Beschädigung des Hussein-Schreins hätte die Schiiten gegen die Invasoren aufbringen können. Es ist nicht geschehen, und die Schiiten begrüßten den Sturz Saddams, der ihr grausamer Verfolger war. Eine wichtige Voraussetzung für den Wiederaufbau. Vorerst aber herrscht Misstrauen.

Im Rathaus Kerbalas sitzt Akram Zubaidi, der sich Bürgermeister nennt. Er wurde nicht gewählt, weil es keine Wahlen gibt. Ein Komitee aus Honoratioren hat Zubaidi dazu bestimmt, die Geschäfte der Stadt zu führen. Als Erstes zeigt er ein Flugblatt her. „ In diesen Tagen“, steht darin, „sollte ein Konvoi mit Hilfsmitteln in Kerbala ankommen. Die Fahrer des Konvois haben die Ware aber an Schwarzhändler verkauft. Mit dem Geld kauften sie Schafe. Die Herde haben sie nach Saudi-Arabien und Kuwait getrieben. Das ist Diebstahl. Schafe sind wertvoll. Wir wollen, dass die ganze Welt weiß, dass dies geschehen ist. Wir haben die USA aufgefordert, etwas dagegen zu tun. Vergeblich!“

Das klingt belanglos, aber es verweist auf ein Grundproblem im heutigen Irak: die porösen Grenzen des Staates. Die Schließung der Grenze sollte ein Teil des Wiederaufbaus sein – aber vorerst bleibt der Irak ein offenes Land, aus dem alles Wertvolle ungehindert herausfließt wie Blut aus einem verletzten Körper: von den Schätzen des Bagdader Nationalmuseums bis zu den Schafen Kerbalas.

Nadschaf Das ist die heiligste Stadt der Schiiten, hier liegt Ali begraben, der Vater der Schiiten. Nadschaf ist heute eine Art religiöse Republik. Al Hawza, das Theologenseminar der Ajatollahs, bezahlt die Bediensteten der Stadt, vom Müllmann bis zum Verkehrspolizisten. Alles funktioniert, auch die Gesetzgebung. Wer diesbezüglich Unsicherheiten hat, der begibt sich vor das Haus des Ajatollahs Mohammed al-Sistani, des religiösen Oberhauptes der Stadt. Die Schiiten kommen zu Hunderten hierher, mit ihren Nöten und ihren Fragen. Die Antworten des Ajatollahs al-Sistani hängen an einer Säule vor dem Haus aus. Da steht zum Beispiel die Frage: „Finden wir von unseren Toten nur mehr Knochen, müssen wir sie vor der Beisetzung einer Leichwaschung unterziehen?“

Eine drängende Angelegenheit in diesen Tagen, in denen bei der Stadt Hilla ein Massengrab mit geschätzten 15000 Leichen gefunden wurde, alles Schiiten, ermordet von Saddam Husseins Schergen. Wie man um sie in rechter Weise trauert, auch das gehört zum Wiederaufbau eines durch die Jahrzehnte der Diktatur moralisch zerrütteten Landes. Al-Sistani gibt eine klare, dem Islam gemäße Antwort auf diese Frage: „Sie müssen die Knochen nicht waschen, es sei denn, der Körper ist an der Brust noch intakt.“

Die Religiösen regieren Nadschaf. Sie sind der natürliche Gesprächspartner für jeden, der das Land wiederaufbauen will. Die USA wollen das nicht so recht einsehen. Die Schiiten sind für die Amerikaner seit der Revolution im Iran 1979 ein Schreckgespenst, wie eine ansteckende Krankheit werden sie gemieden und isoliert. Ganz so, als könnten die Schiiten einen neuen Chomeini hervorbringen, der es schafft, die Weltmacht zu demütigen.

Das Misstrauen wird von Herzen erwidert. Mohammed al-Hakim entstammt der mächtigen Familie der al-Hakims. Er ergeht sich in weitschweifigen Erklärungen über den Respekt, den die Schiiten nun im Irak erwarten, und den Zusammenhalt zwischen Ethnien und Religionen. Alles vernünftige, vor allem selbstbewusste Worte: „Es gibt keine Sicherheit, bis heute nicht. Die Amerikaner garantieren sie nicht. Sie sollten das Land verlassen!“

Basra Mit dem Arzt Abdel Karim muss man nicht über Wiederaufbau reden, er spricht lieber über einfache Dinge: über Schmerzmittel, über Gummihandschuhe, über Infusionsnadeln. Das alles nämlich fehlt im Teaching Hospital von Basra. Weil es fehlt, sterben Leute in diesem Hospital, ohne dass sie es müssten. Zum Beispiel Fauzi Saleh. Der liegt da, ist nur mehr Haut und Bein und zeichnet ein Lächeln auf sein mürbes Gesicht, wenn man ihn begrüßt. Der Arzt Karim sagt: „Er wird morgen sterben, vielleicht auch übermorgen.“ Fauzi ist 23 Jahre alt, ein Bombensplitter hat ihm während des Krieges den Unterleib aufgerissen. Seine drei Brüder waren auf der Stelle tot. Der Vater Maayuf hat überlebt und steht nun neben dem Krankenbett und wartet darauf, dass auch sein letzter Sohn stirbt. „In einem normalen Krankenhaus“, sagt der Arzt Karim, „würde er überleben. Aber das ist kein normales Krankenhaus.“

Wer wissen will, warum, der stößt tief in die Schwierigkeiten des Wiederaufbaus vor. Das Internationale Rote Kreuz in Basra berichtet, es habe bereits siebenmal die Hauptwasserleitung zu den Krankenhäusern reparieren lassen. Achtmal wurde sie zerstört. Die Tausende von Dollar teuren Apparaturen an den Wasserpumpen finden sich dann auf einem der Märkte Basras wieder – der Preis: ein paar Dollar. Das ist die Folge der immer noch andauernden Plünderungen. Mancher hier spricht von Sabotage, denn allzu viele Leute im Irak wollen beweisen, dass das Leben unter den Besatzern schlimmer ist als unter Saddam Hussein. Statt Wiederaufbau gibt es also Abbau.

„Die Versorgung der Stadt ist technisch leicht zu bewerkstelligen“, sagt der Delegationschef des IKRK in Basra, Andres Kruisi, „das Problem ist das komplette institutionelle Vakuum.“ Mit anderen Worten: Es gibt keinen Staat, keine Polizei, keine Soldaten, keine Richter, keine Gefängnisse. Es gibt nichts, auf das man aufbauen könnte.

Bagdad Das ist die Hauptadresse in Sachen Wiederaufbau. Hier sitzt das Office of Reconstruction and Human Aid (Orha). Hier müsste man am meisten erfahren. Ein Bus führt auf das etliche Quadratkilometer große Gelände des Palastes bis zum Hauptquartier von Orha. Er hält vor einem Tor. Nach einigen Minuten kommt ein kräftiger Mann heraus. Staff-Sergeant J. J. Johnson! Er ist Pressesprecher, aber dann ist es mit den Eindeutigkeiten schon vorbei. „Orha?“, fragt er nach, „da sind Sie richtig. Aber ich kann Ihnen nichts sagen, weil wir noch nicht richtig funktionieren.“ Dann gibt er die Nummern einer Reihe von Leuten preis, von denen er selber sagt, dass sie vielleicht, aber nur vielleicht etwas wissen könnten.

„Aber was macht Orha eigentlich?“

„Wir“, antwortet J. J. Johnson, „bringen Leute, die im Irak etwas unternehmen wollen, mit der Regierung in Kontakt! Wir bringen sie zusammen, sozusagen.“

„Aber es gibt doch keine Regierung?!“

„Doch, doch…“, dann denkt er einen Moment lang nach, „na ja, sagen wir, es gibt das Skelett einer Regierung!“

 
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