Taschenbuch Zart schreiben ist eine Moral

Es gibt Menschen, die sind in die Macht verknallt, und andere, die sind es in die Ohnmacht. Das gilt nicht zuletzt für Schreibende: Der Schreibtisch ist eine hervorragende Schaltstelle der Macht; ein Strich auf Papier, und Legionen fallen! Man kennt diesen Ton der Herrschsucht, und so klug kann ein publizierender Liebhaber der Macht gar nicht sein, man spürt zwischen den Zeilen seine Klage darüber, dass die Menschen in Massen nicht daran denken, ihm zu folgen.

Der ohnmächtige Schreiber dagegen zelebriert seine Machtferne; sein Ekel vor der Macht (und vor dem, was ein Ohnmächtiger dafür hält) ist ergreifend. Dieser Ekel hat aber auch etwas Pompöses, ist also der Macht verwandt, von der man sich vor Publikum leidenschaftlich abwendet. Intellektuelle, deren Machtbedürfnis im Buch steht, sind auch als Ohnmachtsliebhaber fragwürdig: Gutmenschen, die sich überlegen fühlen, weil sie die Widersprüche des Handelns und Wandelns billig verachten; Leute, die es ablehnen, jene gesellschaftliche Instanz zu sein, die sie gerne spielen.

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Aus der Perspektive dieser Antithese, die die menschliche Komödie der literarischen Berufe unaufhörlich zur Aufführung bringt, habe ich Roland Barthes’ Chronik, erschienen im Merve Verlag, gelesen. Es ist naturgemäß ein schmales Buch, denn die Sanftheit, also der prononziert nicht großmächtige oder gar gewaltsame Zugriff, ist ein Thema des Buches. Die Chronik umfasst kleine Stücke, Überlegungen, Wahrnehmungen, Pointen und Besinnlichkeiten, die den nachdenklichen Autor und seine Gegenstände nur leicht berühren. Diese Leichtigkeit ist – quod erat demonstrandum – kein Verlust an „Tiefe“, und schon gar keiner an Aussagekraft.

In der Chronik spielt Barthes auf die Meinung an, diese Texte (die ursprünglich im Nouvel Observateur vom 18. Dezember 1978 bis zum 26. März 1979 erschienen sind) wären das Gleiche wie die Mythen des Alltags, nur schlechter. Aber Barthes’ Mythen des Alltags hatten von vornherein ein systematisches Interesse: Genuss und Entlarvung der Kulturlügen. Roland Barthes, der „Mythologe“, kritisierte sich in den Mythen des Alltags aber schon selbst: Vielleicht ist das Entlarven der Mythen selbst ein Mythos, und in der Chronik heißt es über das „Entmystifizieren“ beinahe endgültig: „Im Namen welcher Partei soll entmystifiziert werden, jetzt, wo die Macht überall ist (große und düstere – wenn auch naive – Erkenntnis der Leute meiner Generation)? Wer die Manipulation anprangert, gehört selbst zu einem System der Manipulation: vereinnahmt, das wäre die Definition des zeitgenössischen Subjekts. Es bliebe so nur noch, einer Stimme Gehör zu verleihen, die von nebenan, von woandersher kommt: einer beziehungslosen Stimme.“

In der herrschenden Publizistik ist es umgekehrt: Um überhaupt zu einer Stimme zu kommen, benötigt man gewöhnlich Beziehungen. Diesen verleiht man dann Ausdruck. Für einen Chefredakteur wäre die beziehungslose Stimme in der Zeitung der reine Wahn, und unter der „Stimme von nebenan“ würde er vielleicht die des Verlegers oder gar irgendeines Politikers verstehen. Der Chefredakteur lässt sich freilich von niemandem etwas sagen! Die Idee der Pressefreiheit lebt nämlich nicht zuletzt von dem Talent der Subjekte, die Einsicht in ihre Vereinnahmung zu vermeiden.

Roland Barthes’ Chronik steht dagegen im klassischen Zeichen der Quadratur des Kreises: in der Zeitung den Diskurs der Zeitung zu unterbieten, vorzuführen, „dass das Mindere nichts Minderwertiges ist, sondern eine Gattung wie andere auch“. Gerade in der Presse, so Barthes, sollte man versuchen, „dem Prestige großer Proportionen zu widerstehen, und so den Eifer der Medien bremsen, das Ereignis selbst zu erzeugen (ein neues historisches Faktum)“.

Es ist die „Prominenz“ eines Autors wie Roland Barthes, die diesen edlen Plan vereitelt: In der Zeitung, in der er schreibt, wird er selbst zum Ereignis, das er mit seinen Texten unterlaufen möchte. Aber weil er „als jemand, der schreibt“ auch ein Künstler ist, rennt er mit seinen „Nichtigkeiten“, mit dem „Aufgreifen von Zwischenfällen, die in der Woche meine Sensibilität berühren“ auch nicht die offenen Türen des Feuilletons ein, in dem man bekanntlich auf einer Glatze Locken dreht. Schreiben als Kunst ist jene „Kraft der Sprache, die den Sinn der Dinge vermehrt und ihn schließlich aufhebt“. Zart schreiben, sagt Barthes, sei seine Moral. Das ist aber nur realistisch: Schreiben ist keine Macht, könnte nur im Dogmatismus (im „de facto-Einvernehmen einer Idee und einer Macht“) eine werden.

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