Er war ein Glücksfall für unsere Zeitung: Hanno Kühnert, der eigenwillige Schwabe, der uns von seiner selbst gewählten Einsiedelei im Badischen bei Freiburg aus Dampf machte.

Für den examinierten Juristen war es zwingend, sich Ungerechtigkeiten, auf die er stieß, vorzunehmen und für Leser und Zuhörer – er arbeitete auch für den WDR – aufzubereiten. Er war ein guter Jurist, korrekt in der Darstellung, unbestechlich und scharf im Urteil. Seine Entschiedenheit war wahrlich nichts für harmoniesüchtige Gemüter. Gerd Bucerius, dem Verleger der ZEIT, ebenfalls ein Advokat von hohen Graden, stockte bei der Lektüre Kühnertscher Texte hin und wieder der Atem. "Er verprellt unsere Leser", fauchte er. Doch Hanno Kühnert ließ sich nicht beirren. War er von einer Sache überzeugt, konnte er zuspitzen, zuweilen auch überspitzen, ja verletzen. Genauigkeit und Schärfe seiner Aussage waren ihm wichtiger als eine elegante Formulierung.

Seine Themenvielfalt war beachtlich. In Karlsruhe bei den obersten Gerichten war er zu Hause, seine Urteilskritik wurde allseits geachtet. Die Reform des Paragrafen 218 und die diversen Richtersprüche dazu begleitete er. "Werden demokratische Richter Carl von Ossietzky endlich freisprechen?", fragte er 1989 in einem Artikel. Er brach eine Lanze für lästige Querköpfe wie jenen Anwalt, dem er ein "erbittertes, dringliches Rechtsbewußtsein" attestierte: "Sind sie wirklich nur Querulanten?" Der Fall Kaspar Hauser faszinierte ihn ebenso wie ihn die Verhinderung einer Reform des Staatshaftungsrechts empörte. Und auch diesesThema trieb ihn um: Todkranke Patienten sollten über ihr Ende selbst befinden dürfen.

Seine Liberalität, seine radikal demokratische Haltung machten ihm Leben und Arbeit nicht leicht. Wo abgeschliffen wurde, blieb er kantig. Zornig registrierte er den journalistischen Qualitätsverfall der neunziger Jahre. Im deutschen Journalismus war Hanno Kühnert seit den Siebzigern eine wichtige Stimme, bewundert ob seines großen Wissens, beliebt ob seines souveränen Humors. In Redaktionen allerdings hielt er es nie lange aus, der Unangepasste wählte das Alleinsein in seinem alten Bauernhaus, das er selbst renoviert hatte. Dort starb Hanno Kühnert am 16. Mai. Er wurde 69 Jahre alt. Haug von Kuenheim