Es gibt unzählige Geschichten über H.C. Artmann, und es gibt ein geheimes Zentrum, um das sich all diese Geschichten drehen: Der Mann war ständig unterwegs. In ganz Europa hat sich Artmann herumgetrieben – zu einer Zeit, als dies noch nicht als eine höhere Form des Tourismus galt, sondern als Vagabondage. Wenn er seinen Pass verloren hatte, stieg er schon einmal zu Fuß über ein Grenzgebirge. Wenn er Geld besaß (und entgegen den vielen Mythen, die sich um ihn ranken, besaß er nicht selten welches), legte er auf erste Klasse Wert. Als Dracula trat er bei Lesungen in allen wichtigen deutschsprachigen Städten auf. Einmal fuhr er mit dem Taxi von Klagenfurt die ganze Wegstrecke nach Paris.

Er war unendlich formbewusst

An der Wohnungstür in Berlin war ein Schild angebracht: "Hans Carl Laertes Artmann – 7mal läuten". In späteren Jahren hat er sich in ebenjenem Wien niedergelassen, von dem aus er Ende der fünfziger Jahre ins nördliche Europa aufgebrochen war. Die Automobile von Freunden und Bekannten brachten ihn am Wochenende aufs Land: Fahrten ins Blaue, die kein Ziel, aber eine gemeinsame Richtung hatten, entlang abseitiger Spuren. Wer mit H.C. Artmann reist, reist auf ungewöhnlichen Routen: mit Linné durch Lappland, mit dem Wurstel durch Wien, mit Menschenfressern durch nächtliche Städte, mit Nosferatu durch schattige Gassen oder mit Fantomas in schnellen Autos. Aus welchen Gegenden die Kameraden auch kommen mochten, der Dichter wusste über ihre Herkunft Bescheid: "ich bin die liebe mumie / und aus ägypten kumm i e."

Trotz seiner scheinbar so starken Verwurzelung in Wien ließ sich H. C. Artmann lieber als einen deutschen Dichter denn als einen österreichischen Schriftsteller bezeichnen. Gruppen mied er, auch wenn es sich dabei um so honorige Vereinigungen wie die Gruppe 47 handelte. Die Einladung zur Mitwirkung schlug er mit dem Hinweis aus, dass er im Alter von zehn Jahren bei den Pfadfindern gewesen und seither keinem Verein mehr beigetreten sei. Auch von der Wiener Gruppe, als deren Vater er gilt, behauptete er, dass es sie eigentlich niemals gegeben hat. Als H. C. Artmann vor drei Jahren starb, wurde schlagartig klar, dass dieser große Einzelgänger ohne eigentlichen Nachlass geblieben war. Nur ein bescheidener Stapel mit einigen vergessenen Manuskripten hat sich in den Wohnungen in Wien und Salzburg gefunden. Alles andere war verstreut oder verschmissen worden.

Für entsprechende Textsammlungen bedurfte es eines sorgsamen Herausgebers. In Klaus Reichert hat das Werk von H. C. Artmann einen solchen gefunden. Nach der mehrbändigen Prosasammlung Grammatik der Rosen (1979) liegt unter seiner Herausgeberschaft jetzt ein umfangreicher Lyrikband vor, der alles versammelt, was greifbar war, und der ein echtes poetisches Testament bildet. Artmann selbst hat an der Gliederung des Bandes noch mitgewirkt, die Zusammenstellung folgt den einzelnen Gedichtzyklen und Buchveröffentlichungen, an einigen Stellen ist es zu Umstellungen gekommen. Eine dieser nachträglichen Korrekturen ist mir aufgefallen, weil sie mein Lieblingsgedicht aus dem Band Aus meiner Botanisiertrommel (1975) betrifft. Von Artmann wurde der Text, der wie alle Gedichte dieses Buches nach dem Muster der deutschen Volksliedstrophe geformt ist, aus dem ursprünglichen Zusammenhang genommen und von Reichert in die letzte Abteilung mit Verstreuten Gedichten gestellt: "ganz versteckt in wildem wein / haust des wieners mütterlein, / schneeweiß weht ihr blondes haar, / weil sie nie beim zahnarzt war. // witwe sein voll müh und plag, / ist kein schöner namenstag, / doch ein gärtlein in stadlau / reicht zum trost der alten frau […]."

Wer hätte sich Mitte der siebziger Jahre dieser belasteten Form annehmen und sie in einer solchen Leichtigkeit einsetzen können, wenn nicht H.C. Artmann? Und wer hätte zwanzig Jahre vorher im Wiener – oder exakter gesagt: Breitenseer – Dialekt schreiben können, ohne nicht sofort als reaktionär gebrandmarkt zu sein? Der neue Sammelband, der mit seinem roten Einband und seinem kompakten Satzspiegel wie eine Bibel wirkt, macht es in der ganzen Fülle der Gedichte klar: Artmann war ein unendlich formbewusster Dichter, dessen Spektrum vom "teutschen" Alexandriner über Epigramme und persische Quatrainen bis zu den reihenden Verfahren der konkreten Poesie reicht.

Witz steht neben Trivialem

Anders als es in dem avantgardistischem Umfeld üblich war, dem Artmann kurze Zeit angehörte, werden die lyrischen Formen hier nicht zerstört, sondern mit neuen und teilweise recht ungewöhnlichen Inhalten gefüllt. Der Witz kommt neben die Melancholie, das Triviale neben das Gelehrte und das antiquiert Gekünstelte neben den letzten Modeschrei zu stehen, sofern dieser nur schräg genug ist, um vom Autor wahrgenommen zu werden.