Gedichte Sieben Mal läutenSeite 2/2
Die Mode ist eines der Stichworte zu einem heutigen Verständnis der Artmannschen Gedichte: Auf seltsame Weise vermochte und vermag in diesen Texten alles, was sich der Mode entzieht, doch noch zu einer speziellen Mode zu werden. Als einer der letzten europäischen Dichter zog Artmann sich europäische Kleider an, ohne dass sie ihm um die Knie schlotterten. In den Gedichten bleibt der Fundus lebendig, gerade auch deshalb, weil er vom Autor immer nur punktuell eingesetzt wird. Ein Gewand, das Artmann nach Belieben an- und eben auch wieder ausziehen konnte, stellen auch die Dialektgedichte dar. Dem auswärtigen Publikum erschließt sich med ana schwoazzn tintn im vorliegenden Band sprachlich durch ein Glossar und inhaltlich dadurch, dass diese Gedichte auf nichts anderes als das Klischeebild der goldenen Wiener-Stadt bezogen sind. In den beschriebenen Gestalten (allen voran jenem unvergesslichen Ringelspielbesitzer, der in Wahrheit ein Blaubart, das heißt Frauenmörder ist) kommt ein Sadismus der Heimat zum Vorschein, von dem ich wetten möchte, dass er eben nicht nur auf diese eine Heimat beschränkt ist. Auch in seinen hochdeutschen Gedichten, die den bei weitem größeren Teil ausmachen, gibt sich Artmann als ein Nostalgiker ohne jegliche Nostalgie. Die althergebrachten Formen und die verwendeten Redestile werden nicht als ein äußerer Zwang erlebt, sondern als Mittel zur Durchsetzung poetischer Freiheit genutzt.
Das Beste an H. C. Artmann ist, dass der geneigte Leser weder die speziellen Inhalte noch die verwendeten Formen kennen muss, um an ihnen Freude zu haben. Sein Wissen um die Baupläne der Poesie ebenso wie jenes um fremde Sprachen und Kulturen lässt Artmann nicht im Triumphzug durch die Gedichte ziehen. Es ist darin verborgen, und manchmal gewinnt man den Eindruck, als sei es in einer fast schon geheimnistuerischen Weise in sie eingenäht. Für die Schuhfirma Humanic, die zur Überraschung des Fernsehpublikums in ihren Werbespots der späten siebziger Jahre echte Dichter zu Wort kommen ließ, verfasste H. C. einen Spruch, der sich den Österreichern meiner Generation eingeprägt hat und von dem man bis heute lernen kann, was denn nun genau ein Haiku ist: „bei de japana / drogns papiarene schtiefö / des hast daun: gedicht.“
H. C. Artmann fasst die Sprache manchmal mit Glacéhandschuhen an, dann wieder hält er sie in festem Griff. Er lässt die Wörter miteinander und das Ganze mit den eigenen Sprachmasken reagieren. Am Ende ist eines sicher, es heißt wunderbarerweise immer wieder: Gedicht.
7-mal musste man läuten, um in Artmanns Wohnung zu gelangen. Nachdem man mehr als 700-mal umgeblättert hat, ermisst man die Spannweite seines einzigartigen lyrischen Werks: „Jetzo / fällt mir / ein stein / vom herzen / pardautz! / da liegt er.“
H. C. Artmann: Sämtliche Gedichte Hrsg. von Klaus Reichert unter Mitwirkung und in der Anordnung des Autors; Jung und Jung, Salzburg 2003; 799 S., 29,– ¤Sämtliche GedichteSpezialHrsg. von Klaus Reichert unter Mitwirkung und in der Anordnung des AutorsH. C. ArtmannBuchJung und Jung2003Salzburg29,–799- Datum 22.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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