Roman

Suchen, was alle so fürchten

Céline war ein widerwärtiger Kerl, aber sein Roman »Reise ans Ende der Nacht« ist grandios und revolutionär

Manchmal muss man vergessen können, um zu verstehen. Und wer Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht verstehen und genießen möchte, diese Mutter aller schmutzstarrenden und schmutzwühlenden Romane, die es in dieser Saison, 71 Jahre nach ihrer Erstpublikation in Paris, nun endlich vollständig und angemessen übersetzt in Deutsch zu lesen gibt, muss besonders gut vergessen können. Er muss all die unbedarften Céline-Nachfolger vergessen, die seither ihr Glück mit ordinären Inhalten und/oder vulgärer Sprache versuchen, die Houellebecqs, Bret Easton Ellis, die Shoppen-und-ficken-Dramatiker, die von Célines Einsichten und seiner Sprachmelodie Lichtjahre entfernt sind und das mit einem Überangebot an erlesenen Grausamkeiten, Schmuddelkram, ausgedachten Schocks und viel Sch… und A… kompensieren.

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Er sollte aber auch – für den Augenblick eines geistigen Experiments – den wichtigsten Grund ausklammern, der uns die Bücher dieses Autors heute nur mit spitzen Fingern anfassen lässt: den Umstand, dass Céline 1937, fünf Jahre nach seiner Reise ans Ende der Nacht, mit einer Reihe krass antisemitischer und rassistischer Pamphlete hervorgetreten ist. Célines Antisemitismus war nicht der verstockte, den heute manche bei Martin Walser und der Gruppe 47 zu finden meinen – es war unverhüllter mörderischer Judenhass, es waren Sätze, die man keine Sekunde aushalten kann, und Céline hat sich nie von ihnen distanziert, geschweige denn, was immer das wäre, um Entschuldigung gebeten.

Alle Finsternisse dieser Welt

Und dennoch sollte man sich für die Lektüre der Reise einen Augenblick ins Jahr 1932 begeben, als Céline noch nicht als Antisemit hervorgetreten war, ins Jahr 1932, als Sartre und Beauvoir diesen Roman zu ihrem Buch des Jahres erklärten und ganze Seiten dieser literarischen Sprachrevolution auswendig lernten, ins Jahr, als der Ethnologe Claude Lévi-Strauss und der Philosoph und Romancier Paul Nizan Céline ihre skeptische Bewunderung erklärten (beide schrieben damals für die Parteipresse, Lévi-Strauss für L’Etudiant Socialiste, Nizan für die kommunistische Humanité) , in die Zeit, als Gorkij und Trotzkij das Buch lobten und sogar Stalin die russische Übersetzung auf seinem Nachttisch hatte. In die Zeit vor allem, als der nachmalige Antisemit Céline noch ein glühender Anhänger Sigmund Freuds war. Denn wenn die Reise eins ist, dann ein Roman, vielleicht der größte, aus dem Geist der Psychoanalyse.

„Notre grand maître actuellement à tous, c’est Freud“, erklärte Céline im Jahr, als sein Roman erschien, und nannte Freud noch vor allen literarischen Lehrmeistern, zu denen er übrigens auch den Schweizer Ramuz zählte, an dem er den style parlé und die Poesie des Antipoetischen bewunderte. Und Freuds Einfluss ist nicht nebensächlich, er reicht in die innerste Geheimzelle des Romans: Der Titel Reise ans Ende der Nacht – auch er übrigens leicht schweizerisch, er lehnt sich ans Beresina-Lied an, das dem Buch auch als Motto dient – hat eine Doppelbedeutung. Er bezeichnet einerseits, wenn man ihn von den Orten des Romans her liest, die Lebensreise seines Helden, des verlorenen 20-jährigen Medizinstudenten und späteren Arztes Ferdinand Bardamu, durch alle äußeren Finsternisse dieser Welt: durch den Ersten Weltkrieg, durch psychiatrische Kliniken, ins finstere Herz des französischen Kolonialismus in Afrika, durch die Spelunken New Yorks, die entfremdete Fabrikarbeit Detroits und das Elend der Pariser Vorstädte. Es gibt wohl nicht viele Romane, die die gesellschaftliche Dunkelheit der Zwischenkriegszeit in so enzyklopädischer Totalität und so bedrückend von unten, aus der Sicht der Erniedrigten zeigen.

Aber wenn man den Roman statt von den Orten von den Handlungsmotiven her liest, von dem, was Ferdinand in stetem Wiederholungszwang vor allem davonlaufen und ihn „immer tiefer und tiefer in die Nacht“ des eigenen Elends treiben lässt, dann ist Reise ans Ende der Nacht eine Metapher für Freuds Todestrieb. Die Reise des Ferdinand Bardamu ans Ende seiner inneren Nacht ist in der Tat nicht weniger als eine umfassende Erkundung dieses Triebs: „,Nur Mut, Ferdinand‘, redete ich mir selber gut zu, um mich zu stützen, ,wenn du immer so vor die Tür gesetzt wirst, findest du sicher irgendwann heraus, was es ist, wovor sie alle so Angst haben, diese Mistkerle, denn das sind sie, vor dieser Sache, die am Ende der Nacht zu finden sein muss.‘“

Und er hat es herausgefunden. „Töten und sich töten, das wollten sie, nicht auf einen Schlag freilich, sondern nach und nach, mit allem, was ihnen einfiel, altem Kummer, neuem Elend, mit Hass, der noch gar keinen Namen hatte, wenn nicht sowieso richtiger Krieg herrschte“ – das ist wohl der zentrale Satz des Buches; er weist der Handlung, die zu einem Mord treibt, der eigentlich ein provozierter Selbstmord ist, die Richtung. Und es ist ein überaus programmatisch gesetzter Satz: Die Formel „tuer et se tuer“ – vom Übersetzer der neuen Fassung zu „töten, sich gegenseitig umbringen“ vermurkst – ist ein Selbstzitat Célines aus einer seiner wissenschaftlichen Schriften als Mediziner. Sie bezeichnet im wissenschaftlichen Zusammenhang ausdrücklich den Freudschen Todestrieb und war Céline offensichtlich so wichtig, dass er sie wörtlich in seinen Roman schmuggelte.

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  • Von Andreas Isenschmid
  • Datum 29.11.2007 - 11:47 Uhr
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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