Roman Suchen, was alle so fürchtenSeite 2/2

Er sah die gewollte Zerstörung

Célines Verhältnis zu Freud hat allerdings nichts vom radical chic, der etwa dem Flirt der Surrealisten mit der Psychoanalyse immer anhaftete. Seine Annäherung an die Psychoanalyse entwickelte sich aus den bedrückendsten Schichten der eigenen Lebensgeschichte: aus den Todes- und Gewalterfahrungen, die Céline im Krieg und als Aufseher in den Kolonien gemacht hat – sie durchdringen die Briefe des 22-jährigen Céline aus Afrika (deutsch im Merlin Verlag) –, und aus der Konfrontation mit dem Arbeiterelend auf den zahllosen Reisen, die Céline als sozialmedizinischer Experte des Genfer Völkerbundes durch Europa, Afrika und Amerika unternahm. Und sie knüpft an einen Teil von Freuds Theorie an, der bis heute gern übersehen wird: an die Entfaltung des Todestriebs, zu der Freud nach der Erfahrung des Ersten Weltkriegs gelangte, als er – genau wie Céline – die Rolle der Gewalt und der triebhaft gewollten Destruktion im Innersten der Gesellschaften erkannte.

Céline schrieb allerdings nicht einen Roman über den Todestrieb, nein, er schrieb gleichsam aus dem Inneren des Todestriebs heraus. Er reagierte auf Freuds Revolution der Triebtheorie und des Menschenbildes auch mit einer umfassenden Revolution der Romanästhetik. Man kann die dem Anschein nach so formlos vor sich hin schwadronierende Reise Punkt für Punkt als einen genau kalkulierten Antiroman lesen. Wo so viele traditionelle Romane, simpel gesagt, der Form, dem Leben, der Selbstfindung des Helden zustreben, nimmt Céline von alldem Abschied und setzt auf eine alles, die Form wie den Inhalt, umfassende, dem Tod zustrebende Auflösung. Keine zehn Jahre nachdem Proust das literarische Hochfranzösisch in einem Raffinement ohnegleichen hatte aufblühen lassen, tut Céline das krude Gegenteil: Gegen das erlesene Vokabular setzt er die ordinärste Umgangssprache samt unzähligen four-letter words, gegen den ausgeklügelten Satzbau setzt er Satzfetzen in grammatikalisch oft windschiefer Wortstellung, und gegen den wohlgebauten Roman setzt er eine mittendrin anhebende, abrupt abbrechende und kaum gegliederte Suada von fast 700 Seiten.

Und er polemisiert in dieser Sprache auch gegen alles, was der französischen Hochkultur lieb und teuer war. Das Menschenbild der moralistes, das noch bei Proust allenthalben durchschimmert? „In unserer Zeit ist es nicht einfach, La Bruyère zu spielen und Charakterstudien zu treiben. Kaum dass man sich ans Unbewusste anschleicht, schon haut es ab, man kriegt es nicht beim Wickel.“

Das Antlitz, diesen Spiegel der Wahrheit, über den noch Camus sagen wird, das man für ihn ab 40 verantwortlich sei? „Ein Irrtum“, Zeichen des „Scheiterns“: „Irgendwann hat man im Gesicht ständig diese Grimasse, die zwanzig, dreißig Jahre oder länger braucht, bis sie endlich aus dem Bauch nach oben in die Visage gefunden hat. Nur dazu dient so was, ein Mensch, eine Grimasse, an der er ein ganzes Leben lang herumbastelt, und das heißt noch nicht, dass er sie fertig kriegt, so schwer und kompliziert ist die Grimasse, die man machen müsste, um seine ganze wahre Seele darin auszudrücken, ohne etwas zu vernachlässigen.“

Und das Höchste der Kultur, „die Wörter“, nach denen Sartre seine Autobiografie benennen wird? „Wenn man sich zum Beispiel mit der Art und Weise beschäftigt, wie die Wörter gebildet und hervorgebracht werden, brechen unsere Sätze unweigerlich unter der Scheußlichkeit ihrer sabbrigen Bühne entzwei. Der mechanische Aufwand, den wir für ein Gespräch treiben müssen, ist viel komplizierter und mühsamer als der für die Ausscheidung. Dieser Kranz aus vorgestülptem Fleisch, der Mund, wie er da zuckt beim Pfeifen und Atmen, wie er sich anstellt, um allerlei schleimige Töne durch das stinkende, kariöse Gehege zu schaffen, die reinste Strafe! Aber es heißt immer, wir sollen das zum Ideal erheben! Schwierig. Schließlich sind wir nichts als Säcke voller lauwarmer, halb verfaulter Innereien, und darum haben wir mit den Gefühlen immer so unsere Schwierigkeiten.“

Und der Antisemit Céline? In diesem ersten Roman, der doch so ganz aus dem Hass kommt, ist nichts davon zu spüren. Der Hass hat eine linke, anarchistische, keine antisemitische Stoßrichtung. Die (verglichen mit dem Kommenden milde) antisemitische Satire in der Vorform des Romans, dem Drama Die Kirche (deutsch bei Merlin), hat Céline im Roman ausgelassen. In Célines zweitem, stärker autobiografischem Roman, Tod auf Kredit, dreht sich der Hass gegen die einfachen Leute, aber erst ein Jahr später wird er offen antisemitisch. In den vollends autobiografischen Nachkriegsromanen ist Céline, oft auf literarisch beachtlichem Niveau, das Opfer seines Verfolgungswahns und eines ressentimentgeladenen Rechtfertigungswahns, den man getrost pathologisch nennen darf.

Es gibt zahlreiche Versuche, Célines Leben, sein Werk und seine antisemitischen Pamphlete zusammenschauend zu deuten. Sie sind wenig überzeugend, wenn sie versuchen, den Antisemitismus aus einer ungelösten Vaterproblematik herzuleiten – wer hätte die nicht? Sie überzeugen mehr, wenn sie auf gemeinsame Situationen des Bedrohungswahns in den Romanen und den Pamphleten hinweisen. Aber keine ist so plausibel wie Prousts alte Annahme, dass der Künstler seine Kunst aus einem anderen Ich schöpfe als sein Alltagsverhalten. Diese Theorie hat den Vorteil, nicht so zu tun, als seien Menschen einheitliche Wesen. Céline war ein extrem widerwärtiger und vollkommen uneinsichtiger Kerl, was seine politischen Ansichten angeht; er war ein eigenartig unzugänglicher Mensch für seine Liebsten; und er schuf mit einem Teil seiner Person, der von den andern weder ganz getrennt noch mit ihnen ganz verbunden ist, einige klassisch gewordene Romane, darunter einen makellosen: Reise ans Ende der Nacht, den es nun, endlich, in einer fast makellosen deutschen Übersetzung gibt. Hinrich Schmidt-Henkel ist dem fiebrigen Grundton von Célines Suada wunderbar nahe gekommen; er hat das Vulgäre erwischt, ohne dafür eine deutsche Dialektimitation zu benutzen (danke), und er hätte bei Célines Wortschatz hie und da noch etwas wilder sein können.

 
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