Gedichte

BucklichtMännlein

Zum Tod des österreichischen Dichters Heimrad Bäcker

In seiner Heimatstadt Linz ist am 8.Mai der Dichter Heimrad Bäcker einen Tag vor seinem 78. Geburtstag gestorben. Die Methoden konkreter Dichtung hat er weiter getrieben als mancher andere, die Menge des Hervorgebrachten ist aber insofern ungefähr gleich geblieben wie bei den weniger gründlichen Kollegen, weil er den eitlen Stolz auf die Methoden weggelassen hat.

Weglassen war überhaupt seine größte Kunst. Während aber andere, etwa in der Wiener Gruppe, schon Jahrzehnte vor ihm aus Allerweltsbüchern so viel ausgeschwärzt haben, dass endlich die ersehnten putzigen Einzelteile übrig blieben, von keiner Banalität erlöst, hat Bäcker es verstanden, aus den Schriftzeugnissen des Holocaust Sätze, Wendungen, einzelne Wörter herauszuschneiden, an denen in der Vereinzelung blitzartig erfahrbar wird, was in dem längeren Dokument halb verschüttet bleibt, weil der bloße, vor sich hin trottende Zusammenhang und der sich fortzeugende Behördenjargon den Leser betäuben und die Wirklichkeit der Vernichtung genrehaft überpolstern. So entstanden seine Sezier-Bücher Nachschrift und Nachschrift II.

Aus dem ersten Band wurde 1988 das Hörspiel Gehen wir wirklich in den Tod? ; ihm fehlen alle Eigenschaften eines Hörspiels (außer dem Gewinnen zahlreicher Preise): Es hat keine Geräusche, keine Musik, keine Szenen, einen rhythmischen, aber keinen dramatischen Verlauf und nur eine einzige Stimme, die von Heimrad Bäcker.

Heimrad Bäcker trug die Haartracht Mynonas, ein bucklicht Männlein mit Asthma, ein gut getroffener Expressionist der zwanziger Jahre, unzweifelhaft die Erscheinung des KZ-Überlebenden. Dies ist eine Lebensleistung, das Werk ist Person geworden, Heimrad Bäcker hat sich verwandelt.

Nach dem Anschluss Österreichs war Bäcker in die Hitlerjugend gegangen („die einzigen, die mich nie wegen meines Buckels verhöhnt haben“). Für die HJ wurde er Jugendredakteur bei der Tages-Post in Linz; noch 1988 hat er mir das Fenster seines damaligen Büros gezeigt.

Gleich nach Kriegsende entdeckte er das nahe gelegene KZ Mauthausen. Es gab seinem Leben und Schaffen einen Brennpunkt. Er hat das Lager schriftlich und fotografisch dokumentiert und Artefakte daraus bewahrt. Aus diesen und anderen Sachen entstand im vorigen Jahr eine große Ausstellung in dem Oberösterreichischen Landesmuseum Linz (hervorragender Katalog im Verlag Droschl, herausgegeben von Thomas Eder und Martin Hochleitner). In Linz hat Bäcker die Zeitschrift und Buchreihe Neue Texte gegründet; Letztere wird heute bei Droschl in Graz weitergeführt.

Von Schuldt (Schriftsteller, Hamburg/New York) erschien zuletzt „Olga at the Cosmic Door. New York’s Branded Words“

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  • Von Schult
  • Datum
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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