Matrix Reloaded Nichts als digitale Dönekes
Matrix Reloaded macht aus der Hacker-Guerilla pflichtbewusste High-Tech-Kämpfer
Sie ist das schönste, praktischste, größte Spielzeug, das es je im Kino gegeben hat. Eine Denkfigur, in der die Albträume einer sich selbst überschlagenden Unterhaltungsindustrie genauso Platz haben wie altmodische Ideologiekritik, das Unbehagen am Virtuellen und der Ärger über den vergessenen EC-Karten-Code. Als die Brüder Larry und Andy Wachowski vor vier Jahren die Matrix erfanden, setzten sie eine Metapher frei, die sich bald wie ein mythopoetischer Virus verselbstständigte. Ihr gleichnamiger Actionfilm begründete eine bis ins kleinste Detail medientheoretisch ausdifferenzierte Saga, in der ein Häuflein aufrechter Cyberrebellen gegen eine von Maschinen installierte Scheinwelt kämpft. Die Vorstellung einer Technik, die den Menschen beherrscht und seine Seele mithilfe eines real existierenden Supercomputers versklavt, brachte ein kulturpsychologisches Stimmungsgemisch aus pauschalem Antitechnizismus, Entfremdungsängsten und neumodischen Verschwörungstheorien auf den Punkt und machte zu einem der einflussreichsten Science- Fiction-Filme.
Infantiler Blockbuster
In Cannes jedenfalls entwickelte die Marketing-Matrix der Warner Brothers ihre ganze beeindruckende Dominanz, die sich zumindest auf das in überlebensgroße Keanu-Reeves-Transparente gehüllte Hotel Carlton einigermaßen dekorativ auswirkte. Busladungen voller Journalisten, die im Luxushotel am Cap d’Antibes einen ganzen Tag lang zusammengepfercht wurden für Vier-Minuten-Interviews mit den Filmdarstellern, sowie ein gigantomanisches Themen-Feuerwerk über der Côte d’Azur, das die vom Festival initiierten Schriftprojektionen der Installationskünstlerin Jenny Holzer wie lächerlichen Kinderkram hinwegwischte, lassen die kommerziellen Übergrößen erahnen, um die es hier geht – titelte die französische Tageszeitung am Tag nach der Festival-Premiere. Ein Videospiel, für das mehrere zusätzliche Filmstunden gedreht wurden, sechs computeranimierte Kurzfilme, die in den Kinos seit Wochen einen aufgesplitterten Prolog der Saga ergeben, verbinden sich mit der Wucht einer weltweiten Franchisingkampagne. Auch die Deutsche Bahn bringt ihre Kunden mit „im Stil von gehaltenen Sonderzügen zum Kinoereignis 2003“. Während sich der Hype um
Natürlich ist der Verdacht, dass unsere Wahrnehmung auf einer einzigen groß angelegten Illusion beruht, so alt wie die Welt, finden sich die Vorläufer der Matrix-Idee in Platons Höhlengleichnis genauso wie in Condorcets Wahrnehmungskritik, der marxistischen Verdinglichung oder Adornos allmächtiger Kulturindustrie. Dass es aber ausgerechnet einem Actionfilm gelingt, medienphilosophische Fragen auf massenwirksame Weise zu formulieren, wurde zur Herausforderung für eine akademische Welt, die plötzlich begeistert ihre eigene Anschlussfähigkeit an ein Produkt der Populärkultur entdeckte und sich in Publikationen wie philosophischen Symposien dem „epochalen Schwellenfilm“ (Elisabeth Bronfen) stellte. „Hier wird eine Philosophie in der Filmform gemacht, mit der man kaum konkurrieren kann“, schreibt Boris Groys, der in gar den Tod der Philosophie zu erblicken glaubt. die emblematische Zeile sowie die elegante filmische Osmose zwischen vermutlicher Wirklichkeit und virtueller Scheinwelt machten den Blockbuster zum ewig hungrigen Fleischwolf der Theoreme, durch den bald jeder angesagte Philosoph und Kulturwissenschaftler seine Thesen drehte. Mit der Steifheit eines Professors, der etwas erstaunt über den Rand seiner Lesebrille schaut, konzedierte etwa Peter Sloterdijk, dass durch den Film der Wachowski-Brüder „die Vorausahnungen einer mehrwertigen Ontologie von der Hermetik innerhalb der Nietzscheschen und Heideggerschen Diskurse überspringen in die massenkulturelle Anschauung“. Kurz: brachte die Philosophie in die Multiplexe.
Der Muff der Verbürgerlichung
Am tiefsten begab sich Slavoj ◊i≈ek in die immanente Zeichen- und Symbolwelt der Science-Fiction-Saga. Ganz ernsthaft stellte er in einem Vortrag die Frage, ob Toiletten als Portale zwischen der wirklichen Wirklichkeit und der Scheinwelt der Matrix nicht besser geeignet wären als die von den Filmhelden benutzten altmodischen Telefone: „Ist nicht die Sphäre, in die Exkremente verschwinden, nachdem wir die Klospülung betätigt haben, eine der Metaphern für das schrecklich-erhabene Jenseits des präontologischen Ursprungschaos, in das die Dinge verschwinden?“
Der zweite Teil, Matrix Reloaded, wird wohl kaum zu metaphysischen Klempnerfragen und lustvoller Science-Fiction-Philologie einladen. Da er sich zur symbolischen Ordnung des Vorgängers recht epigonal verhält, spinnt er dessen abstraktes Universum aus Orakeln, philosophischen Anspielungen, unsichtbaren Städten und allerlei Erlöseresoterik nicht weiter in den virtuellen Orbit hinein. Auch seine Dramaturgie, die aus den seltsam schwebenden, offenen Figuren klassische Identifikationsträger formt, wird wenig Stoff für kulturwissenschaftliche Symposien abwerfen. Stattdessen schauen wir den 68ern der Cyberzukunft staunend bei ihrem Marsch durch die Institutionen zu: Zusammen mit ihren unter der Last ihrer Verantwortung gebeugten Helden verströmt die Handlung nämlich den Muff der Verbürgerlichung. Besaßen Carrie-Anne Moss, Keanu Reeves und Laurence Fishburne in Matrix noch die Aura einer partisanenhaften Stadtguerilla, die schnell und unberechenbar zuschlug, erscheinen sie in Reloaded als Elitekrieger von Zion, einer hierarchisch auftretenden Sektierer-Stadt, deren Parlament samt multikulturellen Gewändern und Frisuren entfernt an einen Grünen-Parteitag erinnert. Natürlich wäre es ungerecht, ausgerechnet einem Grüppchen militanter Science-Fiction-Helden den Weg ins Establishment zu verwehren, dennoch hat es etwas Albernes, wenn Keanu Reeves beim Beratungsgespräch mit dem Kanzler-Chef von Zion die Stirn in grämliche Fischer-Falten legt. Eine futuristische Vision der Love Parade verdeutlicht zudem, dass die ästhetischen Grenzen zwischen politischem Sendungsbewusstsein, militärischer Elite und Kastendenken in Matrix Reloaded hin und wieder etwas verschwommen vor sich hin pixeln: Während das Volk von Zion eine sich ins unendliche erstreckende Rave-Party feiert, barfuß auf dem schmutzigen Schlammboden stampft und schwitzende schwarze Körper zu harten Rhythmen aneinander klatschen, treffen sich Neo und Trinity, Messias und Geliebte, bei Kerzenschein zum Erlösersex auf einer Art Bettaltar. Die verkrampft-ästhetisierte Erotik der Szene, eine Hand voll sexualisierte Aperçus sowie die ausladend dekolletierte Monika Bellucci verweisen nur umso deutlicher auf ein Grundproblem von Matrix Reloaded: die völlige Abwesenheit des Körperlichen. Dabei entstand das Tableau, in dem sich die Theorie-Exkurse glücklich einnisten konnten, im ersten Teil gerade durch das numerische Spiel mit Körper und Geist. Einerseits das vergängliche Fleisch, andererseits die emanzipiert durch Festplatten flitzende Seele, hier die dreidimensionale Verletzlichkeit, da ein welthaltiges Computerprogramm, dessen Gesetze sich durch den reinen Willen außer Kraft setzen lassen. In der Fortsetzung verschwinden solche Antagonismen in einer Nummernrevue digitaler Dönekes, deren Serialität an die flotte Unverbindlichkeit eines Computerspiels erinnert. Tatsächlich wirkt die angeblich spektakulärste Autoverfolgungsjagd der Filmgeschichte eher wie eine lustige Fahrt auf der digitalen Carrera-Bahn, werden Keanu Reeves, Carrie-Anne Moss und Laurence Fishburne zu Puppen, die nach den Launen der Programmierer tanzen: Schauspielerdateien, an denen die Tricktechniker eine auf Dauer reichlich selbstgefällige Virtuosität erproben. Fremdbestimmte Körper, Menschen, die von Programmen beherrscht werden – gerade in Cannes, wo sich Darsteller fortwährend auf höchst konkrete Weise materialisieren, wirkte der digitale Zirkus nach ein paar Tagen nurmehr wie ein vorübergehender Wirbelwind über dem roten Teppich, der danach geradezu erleichtert zu seiner Glamour-Routine zurückfand. Zurück bleibt die schöne Ironie, dass die Matrix- Welt nun ebenjene leblose Autorität des Virtuellen reproduziert, gegen die ihre Hacker-Helden einst in den Kampf zogen.
- Datum 22.05.2003 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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