biomedizin Rätselhafter Scharfblick

Die Moken-Kinder in Thailand können unter Wasser besser sehen, als der Augenarzt erlaubt. Forscher wollen klären, wie ihnen das gelingt

Als die schwedische Biologie-Doktorandin Anna Gislén von der Universität Lund sich mit vier Kollegen und ihrem Chef Eric Warrant nach Thailand aufmachte, wollte die Truppe dort eine klaffende Erkenntnislücke der Augenheilkunde schließen helfen: Wie eigentlich, so lautete die Forscher-Frage, können die Kinder der dort ansässigen Volksgruppe der Moken kleine Muscheln, Seegurken und anderes nahrhaftes Getier vom Meeresboden klauben? Tauchen und einfach zugreifen, möchte man meinen, doch so einfach ist das nicht. Beim Heimflug trugen die Wissenschaftler eine erstaunliche Erkenntnis im Gepäck: Manche Thai-Kinder können viel besser sehen, als jeder Augenarzt glauben mag – aber nur unter Wasser und ganz ohne Taucherbrille.

Das kann eigentlich nicht funktionieren. Für gewöhnlich sieht der Mensch unter Wasser mit bloßen Augen so schlecht, dass er auf Armlänge kaum die Finger seiner Hand zählen kann. Das liegt daran, dass die Scharfsicht in frischer Luft durch die Ablenkung der Lichtstrahlen in der Hornhaut, der Linse und dem Glaskörper im Auge bedingt ist. Unter Wasser aber gibt es diesen Effekt nicht – Wasser besitzt fast die gleichen Brechungseigenschaften wie Hornhaut und Glaskörper. Vom lichtbrechenden Apparat bleibt nur noch die Augenlinse, um das Abbild der Umwelt auf die Netzhaut zu zwingen. Ohne Taucherbrille sieht daher die Unterwasserwelt sehr verschwommen aus.

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Für die Moken-Kinder gilt das anscheinend nicht. Die Moken, eine kleine indigene Minderheit, leben seit Jahrtausenden ausschließlich als See-Nomaden auf Booten oder am Meeresufer. Sie ernähren sich vor allem aus dem Ozean. Die Erwachsenen harpunieren allerlei schwimmende Beute, und die Kinder sammeln Nahrung vom Meeresboden. „Sie sind wie Delfine“, sagt Gislén, „die schwimmen und tauchen, lange bevor sie laufen können“.

Die Gesetze der Optik können dadurch aber nicht außer Kraft gesetzt werden. Wie also finden die Kinder kleine Muscheln in der verschwommenen Wasserwelt? Beim Versuch, das Rätsel zu lösen, baten die schwedischen Wissenschaftler vor Ort europäische Urlauberkinder und taucherprobte Moken-Sprösslinge zum Unterwassersehtest.

Das war eine schwierige Versuchsanordnung, berichtet Anna Gislén: „Die Moken können nicht lesen oder schreiben, und sie sind sehr scheu.“ Erst mit der Hilfe einiger sprachkundiger Stammesmitglieder gelang es, die Familien für die Belange der Forschung zu gewinnen.

Die Aufgabe lautete: Die Kinder sollten aus 50 Zentimeter Entfernung Tafeln mit horizontalen und vertikalen Strichmustern unterscheiden. Bei den europäischen Kindern fiel das Ergebnis erwartungsgemäß aus: Betrug der Abstand der Striche auf den Tafeln weniger als 2,5Millimeter, mussten sie passen. Der Befund lautete: Unter Wasser sind sie annähernd blind.

Die Moken-Kinder hatten zuerst ganz andere Schwierigkeiten mit dem Sehtest. „Sie kennen das Konzept vertikal und horizontal gar nicht“, sagt Gislén, „das spielt in ihrer Lebensumwelt keine Rolle. Aber sie sind sehr intelligent und haben schnell begriffen, was wir von ihnen wollten.“ Und dann zeigten sie ihren Altersgenossen aus Europa, was sie drauf haben: Im Durchschnitt sahen die Moken-Kinder unter Wasser dreimal so gut, das scharfsichtigste schaffte die Unterscheidung noch bei Strichabständen von einem Millimeter.

Noch fehlt allerdings den Forschern der Durchblick in der Frage, mit welchen Tricks die kleinen Taucher das schaffen. Sicher ist: Sie können im Wasser ihre Pupillen maximal verengen, berichten die Wissenschaftler im Fachblatt Current Biology; das verbessert die Bildqualität auf der Retina bereits erheblich. Den Rest an Scharfsicht, lautet die Folgerung, erreichen sie offenbar, indem sie die Brechungskraft der Linse bis zur Grenze strapazieren. Fünfzehn Dioptrien, errechneten Gislén und ihre Kollegen, müsse die Linse der Kinder leisten, um ihre Sehleistungen unter Wasser zu erklären.

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