medizin Von der Ruhe der Seele

Der Chirurg Eckhard Nagel führt ein Leben zwischen Krankenbett, Kirchentag und Rürup-Kommission. Besuch bei einem Christen

Als der Bundeskanzler anrief, um den Arzt Nagel in den Nationalen Ethikrat zu berufen, operierte der Mann gerade einen tumorkranken Bauch, den andernorts ein Kollege nach dem zwölften Eingriff aufgegeben hatte. Es war der furchtbare Bauch der Frau Klar (Name geändert), die nun, fast zwei Jahre später, von jenem denkwürdigen Tag berichtet. Unterdessen spricht Nagel im Nebenzimmer wieder am Telefon. Jetzt ist Bernd Rürup dran. Zu dessen Kommission, die mit ihren Vorschlägen die sozialen Systeme der Republik gesund machen soll, gehört, als einziger Arzt, auch Nagel. Doktor der Medizin, Doktor der Philosophie. Jener Frau Klar hatte er damals gesagt: „Ich denke, ich kann viel für Sie tun.“

So könnte die Geschichte über Eckhard Nagel beginnen, würde sie davon handeln, wie einer vor lauter Verantwortung für Rummel sorgt. Herr über Tod und Leben. Leiter des Zentrums für Transplantationsmedizin in Augsburg, C4-Professor am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften in Bayreuth (das er ebenfalls leitet), Vater dreier Töchter, seit Juni 2001 stellvertretender Vorsitzender des Nationalen Ethikrats, seit September 2001 einer von drei Präsidenten des Deutschen Evangelischen Kirchentags, dann kam noch Rürup, es ließen sich weitere Ämter nennen, eine Veröffentlichungsliste, und der Mann ist erst 42.

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Die zahllosen Grundsatzfragen in Nagels Arbeit aufzuführen würde auf keine Zeitungsseite passen, geschweige denn die Abwägungen, die er trifft. Alles viel zu komplex, PID, Stammzellforschung, Hirntodkriterien, Fallpauschalen, Lebendspenden, Leistungskataloge – und gerade jetzt ist wieder bioethisches Neuland in Sicht, zum ersten Mal sind im Labor künstliche Eizellen gezüchtet worden. Alles in allem ergäbe das eine Geschichte über Ämterhäufung und den Verdacht auf die Unfähigkeit, nein zu sagen, über endlose Zielkonflikte, Zerrissenheit. Ein Kratzen an allen Oberflächen.

Doch wenn Nagel etwas verkörpert, dann ist es nicht Zerrissenheit, sondern die Ruhe der Seele. Cool wäre genau der falsche Ausdruck.

Deshalb geht die Geschichte so: Nach Stunden im Augsburger Operationssaal, das Mittagessen ist ausgefallen, sitzt der Mann an diesem ersten glühend heißen Nachmittag des Jahres in der Teambesprechung und kaut, Biss für Biss, eine Schwarzbrotstulle. Dann noch eine. Nagel ist groß, kräftig und von einer unaufwändigen Eleganz. Schlingen kann er wahrscheinlich gar nicht. Trinkt sein Wasser, Schluck für Schluck, und geht dabei, die Stimme hebt sich kaum, mit den Kollegen die Themen durch: Organspendetag, Stand der Wartelisten, Kommerzialisierung der Transplantationsmedizin.

Das wär’s für heute? Danke. Visite.

Als habe jemand die Außenzeit auf ein patientenverträgliches Tempo verlangsamt, geht die Visitegruppe von Bett zu Bett, Nagel stellt den Fokus der Aufmerksamkeit auf sein Gegenüber ein, auf Augenhöhe. Erinnert sich an Details aus Gesprächen vergangener Wochen, als redete er nicht jeden Tag mit Dutzenden von Leuten. Er spricht nicht des Kanzlers Niedersächsisch, sondern das reine hannoversche Hochdeutsch. Rürup ruft mitten in der Visite an. „Geht jetzt nicht, rufe zurück.“ Naiv nennt ihn mancher, das sagt er selbst, weil ihm die Welt der Machtkonflikte und Lobbyisten oft fremd ist. Aber Naivität ist etwas anderes als Seelenruhe. Keiner seiner Mitarbeiter, und das sind viele, hat je erlebt, dass er die Gelassenheit verlor.

Der Mann von Frau Klar bemerkt, dieser Chirurg Nagel habe „begnadete Hände“, und tags drauf erzählt Eckhard Nagel, wie er sich mit Fußballspielen an der amerikanischen Universität sein Studium verdiente: nicht nur die Hände hoch begabt also, auch die Beine. Der Kopf sowieso: Dem hat die Studienstiftung ein Stipendium verliehen, und Nagel ist damals bis ins Ministerium marschiert, um zu erwirken, dass er Medizin und Philosophie und Geschichte studieren durfte. So hat er über Freuds Psychoanalyse promoviert, außerdem noch über die Bedeutung von Nahrungsfetten in der Pathogenese von Morbus Crohn, hat in den USA, in Frankreich, in England und Deutschland studiert.

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