Musik Kopf und Bauch

Der Komponist Wolfgang Rihm erhält in diesem Jahr den Siemens-Preis, der als Nobelpreis des Musikbetriebs gilt

Das muss man erst einmal können: in kleidsame Worte fassen, was da gerade in Töne gefasst ist. sind Versuche für Klaviertrio, auch: über ,Klaviertrio‘, jene möbellastige Besetzung, die es nicht mehr gibt, die aber noch herumsteht. Wie in verlassenen Räumen kann hier Unerlaubtes geschehen. Wir werden zu Zeugen befremdlicher Szenerien.“ Dies schreibt der Komponist Wolfgang Rihm anlässlich einer Aufführung seiner achtzehn Jahre ist das her. Der Text zeigt, wie viel Wolfgang Rihm von sich fordert – nämlich immer auch das Recht, Fragen zu stellen an das eigene Werk. Das ist Pflicht.

Wolle man seiner Musik näher kommen, sagt er, gehe das mit Analytik, die reiche jedoch nicht aus. Es funktioniere auch über den Bauch, doch nur teilweise. Rihm will „ein Ineinander und Gleichzeitigkeit von Kopf und Bauch“. Genug ist nie genug, er geht immer aufs Ganze. Schon als Kind war das so. Zwar schrieb er nicht wie der Violinist Frank Peter Zimmermann ins Poesiealbum: „Ich will ein Weldgeiger werden“, hatte aber wohl ähnlich Umfassendes im Sinn, wie er heute bekennt, als „Selbstbeauftragter, Selbstbelohner, Selbstbestrafer“ und, jawohl: „Selbsterschaffer“. Bei solchen Selbstbetrachtungen im Quadrat geht ein Lächeln durchs rundschlaue Gesicht; es ist dieses Rihmsche Genießerlächeln. Dann ist allemal noch ein Glas vom besten Bordeaux drin, und der Aschekegel der Zigarre wird besonders sorgsam gehütet.

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Rihm beherrscht (nach Studium und Lehrjahren bei Karl-Heinz Stockhausen und Klaus Huber) sein Handwerk meisterhaft. Umso mehr kann er sich stofflich an Extreme heranwagen. Seine ersten musiktheatralischen Arbeiten gelten nicht von ungefähr Faust und Yorick und Jakob Lenz, Cioran und Nietzsche und Artaud zählen zu den Penaten. Auch sie gehören zu den „Ausgesetzten der Erde“, von denen Jahre später der scharf sezierende Verstand des Lyrikers Durs Grünbein spricht (in manchem ein Bruder im Rihmschen Geiste übrigens): „Bei ihnen scheint alles radikal auf die Frage hinauszulaufen, die der Maler Böcklin einmal gestellt haben soll: ,Wissen Sie denn, ob die ganze Erde nicht nur ein großes Tier ist und wir sind die Parasiten darauf?‘“

Relativ früh hat Rihm eine eigene Tonsprache gefunden, die – in welcher Besetzung auch immer – einen hohen Wiedererkennungswert hat, ohne dass man von einem Sound sprechen wollte. Zwischen spätromantischem Gestus und expressiver Aufgeladenheit horcht Rihm nach innen, in sich hinein, wo es nicht besonders gemütlich sei, wie er gelegentlich angemerkt hat, und das war kein Witz. Fünf Abgesangsszenen nennt er beispielsweise seine gebrochenen Wunderschönheiten für Mezzosopran, Bariton und großes Orchester.

Es ist offensichtlich, dass man sich mit solchem Spiel auch Gegner schafft in der Avantgardeszene. Teile davon sehen die repräsentative und auch gern repräsentierende Figur Rihm manchmal scheelen Auges an: Er nun wieder! Und, schon wahr: Wolfgang Rihm hat für einen zeitgenössischen Komponisten geradezu gigantische Erfolge vorzuweisen. Aber was soll daran schlecht sein, was verdächtig? Seine Produktivität? Seine Fähigkeit, sich Aufträgen gegenüber anzuverwandeln? Doch wohl nicht. Rihms Stücke, namentlich seine Bühnenstücke, werden nachgespielt und lösen noch Jahre nach ihrer Entstehung Denkprozesse aus, die ihrem Schöpfer nur lieb sein können – als da wären, um gerade mal die herausragenden zu nennen, das Poème dansé Tutuguri und die Oper Die Eroberung von Mexiko. Aber nicht nur Rihms Intellektualität, gepaart mit Sinnlichkeit, ist frappierend, sondern nebenbei, doch nicht zuletzt, seine Freundlichkeit und sein Humor. Kollegialität ist nicht nur ein Wort, wenn er in Donaueschingen als einer unter vielen sitzt, die ihren Horizont erweitern wollen (von Rihm lernen heißt: loben lernen), stets ein Ziegelsteinpaket an Zeitungen oder gleich eine halbe Bibliothek auf dem Schoß, um notfalls sofort Leserbriefkärtchen schreiben oder Gedankenblitze notieren zu können: Meistens treffen die dann mitten hinein in ein neues Stück. Über 400 Kompositionen zählt der Rihmsche Katalog schon, aber wer hätte Mozart je dafür gescholten, dass er ein Vielschreiber und Fast-alles-Verwerter war?

Ein Guru ist Rihm nicht; man darf, soll, muss andere Götter neben ihm haben. Aber er arbeitet flächendeckend: Seine Musik fließt großmächtig vor sich hin (Vers une symphonie fleuve I/II), hetzt munter aus Lust am Geschwindigkeitsrausch vor sich hin (Gejagte Form) oder wandert solistisch mal eben hinunter an den Fluss, um zu schauen, was so bleibt von uns außer dem bisschen Stil (Styx und Lethe, für Violoncello und Orchester). Die Zeitalter wechseln langsam: „Selbst aus dem Schluß der Götterdämmerung (1876) stürzen immer noch unsere Scheite“, steht in Gottfried Benns Kleinem Kulturspiegel, was aber nicht heißt, dass uns die Nachgeborenen kein Feuer mehr machen könnten. Rihms letzte Uraufführung vom vergangenen Sonntag lässt darauf schließen, dass er zuversichtlich ist: Insula felix handelt von einem Mann und seiner Muse. Und man hört: Um die Beziehung steht es gut.

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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  • Schlagworte Musik | Karlheinz Stockhausen | Mexiko | Bordeaux | Donaueschingen
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