Glück im Unglück – gibt’s das auch beim Super-GAU Scheidung? Kommt es vor, dass Kinder die Trennung ihrer Eltern ohne Schäden überleben? Schwierig ist es immer für die Kleinen, wenn die Großen sich nicht mehr lieben und auseinander gehen, oft traurig. Aber ob ein Unglück daraus wird, das den ganzen zukünftigen Lebensweg der Scheidungskinder verschattet, das hängt, behaupten die Autoren Largo und Czernin, davon ab, ob die Großen ihre Kleinen weiterhin lieben und ihnen das auch zeigen.

Remo H. Largo ist Professor für Kinderheilkunde in Zürich, Monika Czernin ist Journalistin, beide haben persönliche Erfahrung mit dem Thema Trennung. Das Verdienst ihres Buches ist, dass es die sehr unterschiedlich gewirkten Stränge im Beziehungsknäuel Scheidung säuberlich entwirrt. Da sind Vater und Mutter und ihre gemischten Gefühle füreinander. Da ist (häufig) der oder die Neue, seine/ihre fehlende oder vorhandene Bereitschaft, sich auf die Kinder einzulassen. Da sind womöglich fremde, "mitgebrachte" Kinder, die jetzt als Stiefgeschwister den Scheidungswaisen Aufmerksamkeit stehlen – oder schenken. Da sind Oma und Opa, Nenntanten und Nachbarn, die sich plötzlich merkwürdig verhalten, die Partei ergreifen oder sich zurückziehen, jedenfalls häufig nicht helfen, die Situation zu entspannen. Und da sind Vater und Mutter und ihre je eigentümlichen Beziehungen zu ihren Kindern.

Treue ist für Kinder kein Wert

Dass diese Beziehungen sich durch eine Scheidung nicht ändern müssen, dass die organisatorischen Schwierigkeiten, die meist auftreten (getrennte Wohnungen, Besuchsregelungen), mit den Gefühlen, die zwischen dem Vater und den Kindern, die zwischen der Mutter und den Kindern gewachsen sind, nichts zu tun haben müssen (und dass diese Schwierigkeiten minimiert werden sollten) – das sind Einsichten, die Largo und Czernin anhand vieler Beispiele entwickeln.

Die Kinder, so Autor und Autorin, interessieren sich in erster Linie dafür, ob sie im Herzen, in den Armen und in den Häusern ihrer Eltern weiterhin zentral wichtige Persönlichkeiten sind. Gelinge es, ihnen diese Sicherheit zu vermitteln – und dafür seien glaubwürdige Gefühlsäußerungen, Küsse und gemeinsame Erfahrungen wichtiger als große Worte, Geschenke und pflichtgemäße Besuche –, kämen sie über eine Trennnung hinweg und verkrafteten die Verdoppelung ihrer Elternhäuser ähnlich problemlos wie das Aufwachsen mit zwei Muttersprachen (beziehungsweise einer Mutter- und einer Vatersprache), wozu die ungeheure Anpassungsfähigkeit der kindlichen Psyche beitrage.

Das klingt trivial, ist es aber nicht. Aus diesen Gründen: Die Eltern machen es den Kindern oft besonders schwer, weil sie ihre Söhne und Töchter – bewusst oder unbewusst – dazu nötigen, ein Elternleid mitzutragen, das für die kindliche Seele (noch) gar nicht entzifferbar ist. Viele Scheidungseltern projizieren ihre eigene Beschämung und Zukunftsangst, ihr Bewusstsein des Scheiterns und ihre moralischen Skrupel auf die Kinder und glauben, die Kleinen müssten unter dieser Kaskade von Defiziten genauso zusammenbrechen wie sie. In der Welt kleiner Kinder aber spielen Ideale wie die Haltbarkeit einer Ehe oder die Treue zwischen Mann und Frau gar keine Rolle, dort ist es auch per se nicht entwürdigend, wenn der Papa woanders wohnt als die Mama. Mit einem Wort: Der größte Teil all der Sorgen und Nöte, in die Eltern mit einer Scheidung geraten, sind erwachsene Sorgen und Nöte, die an den Kindern vorbeirauschen, und zwar je kleiner die Kids noch sind, umso restloser. Kriegen es die Eltern hin, während und nach der Trennung dasselbe Ausmaß an Geborgenheit und Liebe zu vermitteln wie vorher und niemals, niemals, niemals ihren Expartner vor den Kindern abzuwerten, dann gehen die Kinder den steinigen Weg der Trennung mit, ohne (bleibenden) Schaden zu nehmen.

Bloß: Ist das zu schaffen? Gibt es nicht Studien, wie die von Judith S. Wallerstein aus den USA, die genau das Gegenteil behaupten – nämlich dass Scheidungskindern in der Regel ein Leben lang eine Wunde bleibt (ZEIT Nr. 51/02)? Glückliche Scheidungskinder gibt es auch nach Largo/Czernin tatsächlich nur in jenen Sonderfällen, in denen es die Erwachsenen verstehen, ihre (angespannten) Beziehungen zueinander von denen zu den Kindern sehr weitgehend zu lösen und sich ansonsten einvernehmlich, rücksichtsvoll und vernunftgeleitet zu trennen. Wer schafft das? Und: Was ist mit der Mehrheit der Fälle, in denen die Verletzungen so tief gegangen sind, dass das angeschlagene Selbstwertgefühl und die schrumpfende Liebesbereitschaft der Erwachsenen unweigerlich in Zumutungen auch für die Kinder, in einen Entzug von Zuwendung und Zärtlichkeit, ausarten?