Aufstand"Weg mit der Partei!"

Sie waren die Ersten: Am 31. Mai 1953, zwei Wochen vor dem Aufstand des 17. Juni in der DDR, erhoben sich Arbeiter und Studenten in Pilsen, um gegen die kommunistische Diktatur zu kämpfen von Ivan Pfaff

Die Geschichte der antikommunistischen, antisowjetischen Freiheitsbewegung im Ostblock, die erst 1989 über das implodierende Moskauer System triumphieren sollte, beginnt in unseren Schulbüchern meist mit dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR, der sich jetzt zum 50. Mal jährt.
Doch so kühn diese Revolte war – der Ruhm, sich nach Stalins Tod als Erste erhoben zu haben, gebührt den Arbeitern im böhmischen Pilsen.
Auch ihr Protest entzündete sich an wirtschaftlichen Nöten und wuchs sich in Windeseile zum Aufstand gegen das Regime aus, der auf andere Städte übergriff. Polizei und Militär schlugen ihn schließlich blutig nieder.

Stalin war gerade drei Monate tot, da flackerte auch schon am westlichen Rand seines Imperiums der Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft auf. Am 17. Juni 1953 demonstrierten die Arbeiter in Ost-Berlin und überall in der DDR; drei Jahre später sollte es in Polen zum Generalstreik, in Ungarn zum Volksaufstand kommen. Doch den Anfang machten die Tschechen. Die Arbeiter im westböhmischen Pilsen waren die Ersten, die sich vor genau 50 Jahren, in den letzten Tagen des Mai 1953, gegen die Diktatur erhoben.

Dabei war die Machtübernahme der KPC in Prag erst fünf Jahre her. Mittels Drohung, Terror und nicht zuletzt durch Einflussnahme Moskaus hatten die Kommunisten (die aus den ersten freien Wahlen 1946 in Böhmen mit 40 Prozent, in der Slowakei mit 30 Prozent der Stimmen hervorgegangen waren) die Regierung an sich gerissen und am 7. Juni 1948 auch den ersten Nachkriegspräsidenten der Tschechoslowakei, Edvard Benes, aus dem Amt gedrängt. Das kommunistische Terrorregiment beherrschte bald das ganze Land, und die Staatspolizei bildete einen Staat im Staate. Die Mitglieder anderer Parteien wurden ausgeschaltet, verfolgt, eingesperrt, viele gar ermordet. Benes' Nachfolger, der Kommunistenführer Klement Gottwald, machte nicht einmal vor seinem engsten Weggefährten Rudolf Slánský Halt, dem Verfechter des "nationalen Weges zum Kommunismus". Auf Moskaus Wink hin ließ Gottwald ihn, des "Trotzkismus-Titoismus" überführt, im Dezember 1952 hinrichten.

Schon der IX. Parteitag 1949 hatte Slánskýs Ideen verworfen und beschlossen, die traditionelle Leichtindustrie (Textil, Glas et cetera), der die CSR vor dem Krieg den zehnten Platz unter allen Industriestaaten der Welt verdankte, vollständig ab- und stattdessen eine Schwerindustrie aufzubauen und dabei vornehmlich auf Rüstung zu setzen. Diese Neuorientierung aber führte innerhalb kürzester Zeit zu einem beispiellosen wirtschaftlichen Niedergang, ja, zu einem regelrechten Zusammenbruch des Wirtschaftslebens und einer steigenden Verarmung der Bevölkerung. Gerade die Arbeiterschaft bekam das besonders heftig zu spüren und wurde immer unzufriedener. Nicht einmal der (bis heute nicht ganz geklärte) Tod Gottwalds am 14. März 1953, nach der Rückkehr aus Moskau, wo der KPC-Führer an Stalins Beisetzung teilgenommen hatte, schien neue Perspektiven zu öffnen.

Rote Fahnen werden zerrissen, Gefangene befreit

Konfrontiert mit einer drückenden Lebensmittelknappheit (die Landwirtschaft wurde gerade kollektiviert), mit einer Inflationsrate von 28 Prozent und zunehmender Arbeitsverweigerung, wussten Gottwalds Nachfolger keinen anderen Rat, als eine drastische Währungsreform durchzuführen, die am 31. Mai 1953 das Bargeld im Verhältnis 50 : 1 entwertete (Löhne, Renten und Sparguthaben 5 : 1). Die Verluste wurden durch die Abschaffung der Lebensmittelkarten und eine gewaltige Teuerung am neu eingeführten "freien Markt" noch vervielfacht. Die gleichzeitige Erhöhung der festgelegten Arbeitsnormen um 23 Prozent und ein neues, an höhere Leistungen gebundenes Lohnsystem heizte die explosive Stimmung unter den Arbeitern weiter auf. Zumal sie sich betrogen sahen: Nur 36 Stunden vor der Bekanntgabe der Währungsreform hatte Staatspräsident Antonín Zápotocký noch öffentlich beteuert, ein solcher Schritt käme überhaupt nicht infrage, da die Krone "fest" sei.

Am Abend des 31. Mai um 22 Uhr bringt der Rundfunk erstmals die Meldung. Blitzschnell verbreitet sie sich in den Hallen der traditionsreichen Pilsener Maschinenbaufabrik Skoda; 17 000 Arbeiter der Nachtschicht treten spontan in den Streik. Nach der Ankunft der Frühschicht um sechs Uhr beschließt man, in die Stadt zu ziehen. Vorher sollen noch die Kollegen in den Eisenwerken von Ostrau und Kladno sowie in weiteren Betrieben alarmiert werden. Da kommt es zu einem ersten schweren Zwischenfall: Ein Schuss fällt - es ist kurz nach sieben, ein gereiztes Mitglied der Betriebswache hat versucht, die entrüsteten Arbeiter davon abzuhalten, das verriegelte Haupttor der Werke zu stürmen. Der Mann wird von den aufgebrachten Arbeitern gelyncht, die ganze Wache entwaffnet und das Tor aufgerissen. Kurz nach neun Uhr erreicht der Protestzug den Pilsener Hauptplatz.

Wie später den Demonstranten in Ost-Berlin, so geht es auch hier den protestierenden Menschen zunächst nur um ökonomische Ziele. Doch bald schon wendet sich der Zorn ganz allgemein gegen das Prager Regime, vor allem, nachdem ein KPC-Funktionär versucht hat, die aufgebrachten Menschen einzuschüchtern und zur Rückkehr in die Betriebe zu drängen. Es sollte ihm nicht gut bekommen: Wutentbrannt trampelt ihn die Menge zu Tode.

Jetzt gibt es kein Halten mehr. Gegen Mittag stürmen 6000 Arbeiter das prachtvolle alte Rathaus, schleppen die Akten heraus und verbrennen sie auf offener Straße. Verstärkt um fast 2000 Studenten der Pilsener Maschinenbaufakultät, beherrscht die offen revoltierende Masse bis zum frühen Abend die ganze Stadt. Die Menschen errichten Barrikaden auf den Zufahrtsstraßen, besetzen die Telefon- und Telegrafenzentrale, die Kreisverwaltungen der Partei-, Staats- und Sicherheitsorgane und vernichten auch deren Akten; das Gebäude der Staatssicherheit geht in Flammen auf. Die Stadtpolizei und die Volksmiliz, die keinen großen Widerstand leisten, werden entwaffnet und alle Hoheitszeichen des Systems, die man in die Hände bekommt, öffentlich verbrannt.