sichtverhältnis Von der Schwierigkeit, die Schönheit im Dorf zu lassen

Der Fotograf Marc Brinkmeier kommt aus dem Dorf Humfeld im westfälischen Landkreis Lippe, zwischen Weser und Teutoburger Wald. Dorthin kehrte er im vergangenen Sommer in einer Art Selbstversuch für einige Monate zurück. Er hatte in Berlin und Kapstadt gelebt, und mit 27 konnte er sich kaum etwas Fremderes vorstellen als den Ort, in dem er aufgewachsen war und der gerade mal 1800 Einwohner zählte. Irgendwann stand er mit seinem Vater am Fenster, und beide blickten hinunter auf die Straße, als zwei Mädchen vorbeiliefen. »Da gehen wieder zwei so … Dorfschönheiten«, sagte sein Vater von oben herab, halb ironisch.

Dorfschönheiten! Wie das klingt! Ein bisschen gemein natürlich. So, als sei die Schönheit nur in Dörentrup schön und in Lemgo nur noch hübsch und in Dortmund bereits eine von vielen. Und wer weiß, was in Berlin wäre oder New York.

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Andererseits: Wer weiß, was in Berlin oder New York wäre!

Das ist der Unterschied zwischen Stadt- und Landkindern – dass die Landkinder irgendwann wegmüssen, wenn aus ihnen etwas werden soll. Gehen oder bleiben? Der so genannten Dorfschönheit steht diese Frage schon mit 13 ins Gesicht geschrieben. Auch wenn sie am Ende doch Zahnarzthelferin oder Professorin für Soziologie wird, sie entkommt ihr nicht. Auch wenn sie weiß, was alle dünnen Mädchen heute auswendig hersagen können, nämlich dass das Modeln ein verdammt harter Job sei, kein reines Vergnügen, große Disziplin erfordere, und dann die Einsamkeit fremder Hotelzimmer…

Allerdings erfordert auch eine Lehre als Zahnarzthelferin große Disziplin, und gibt es nicht Claudia Schiffer aus Rheinsberg, die gerade in Anwesenheit von Madonna geheiratet hat, oder Heidi Klum aus Irgendwo-bei-Köln, die neulich beim Knutschen mit dem Sänger der Red Hot Chili Peppers fotografiert wurde (und von diesem dann angeblich verlassen wurde, aber was soll’s). Und vor einigen Wochen stand in der Gala, dass Jennifer Aniston, die Frau von Brad Pitt, jetzt auf eine Diane Kruger eifersüchtig sein muss, die eigentlich Diane Heidkrüger heißt und aus Harsum bei Hildesheim kommt: Sie hat als Model Karriere gemacht – Jil Sander, Chanel, Giorgio Armani –, und nun dreht sie an der Seite von Hollywoodstar Brad Pitt. Auf einem Foto hält Brad Pitt sie im Arm, und sie lächelt zur Seite, in die Kamera. So kann’s gehen.

»Könntest du dir vielleicht vorstellen, dich fotografieren zu lassen?«

Dorfschönheit. Das Wort kann herabsetzend sein, »nur eine…«. Oder einen Widerspruch bergen, zwischen dem Dorf und der Schönheit, der provinziellen Enge und Begrenztheit aller Möglichkeiten auf der einen Seite und der Schönheit auf der anderen, mit der so viele Märchen beginnen, »Und sie war wunderschön und hatte langes, seidiges Haar«. Der Schönheit, die irgendwann »entdeckt« wird und die Türen öffnet zur großen, weiten Welt, zur »Gesellschaft«, die erst in einem Schloss einen würdigen Rahmen findet oder auf einer Plakatwand.

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