Dichter Dran
Hilfe, ist das eng
Moritz Rinke fühlt sich von dicken Politikern umzingelt
Mein Supermarkt heißt »Ullrich«. Bei Ullrich ist der Tiefkühlschrank mit den Frühlingsrollen ungünstig gestellt, viel zu dicht an der Nudelabteilung, man stößt sich. Neulich war’s so, dass circa 15 Kunden davorstanden, und alle sahen aus, als äßen sie täglich mindestens 30 Frühlingsrollen. Man kann sich vorstellen, was das für ein Gedränge war, nicht mal die Tür ging mehr auf! Aber wer glaubt, einige würden nun Abstand nehmen, damit Raum entstünde, der irrt. Nee, so sind die Deutschen nicht. Und so standen sie also alle vor dem Ding und gaben sich gegenseitig die Schuld.
Ich schloss die Augen, und als ich sie wieder aufmachte, sah ich Angela Merkel, 30-mal so dick, Westerwelle auch, Roland Koch, Franz Müntefering, die Agenda-Rebellen und Hans Eichel, alle vorm Tiefkühlschrank. »Geh weg, Guido!«, schrie Hans, »oder ich erhöh die Steuer für die Frühlingsrolle!« – »Warum ist denn das hier so eng?!«, brüllte Roland, und Franz sagte ganz schlau, er und Gerhard hätten doch dargelegt, dass man abspecken müsse, sonst ginge die Tür nie mehr auf. »Wir rühren uns nicht vom Fleck!«, schrien die Rebellen, flankiert vom DGB, und die olle Angela kreischte: »Sollen wir denn hier bis 2010 warten?!« Dann gingen Hans die Nerven durch, und er nahm meinen Ullrich auseinander, weil man den angeblich nach den Scheiß-Maastricht-Kriterien gebaut hat. Na ja, und so standen sie da alle rum, und ich dachte mir, wie lange hält sich eigentlich so eine Frühlingsrolle bei Ullrich; ich meine, werd ich die noch essen können, wenn die da ihre Agenda durchdebattiert haben?
Ich habe keine Ahnung, ob das, was in der Agenda steht, für frische Frühlingsrollen 2010 reicht. Ich hab auch keine Ahnung, was Frühlingsrollen mit der Tabaksteuer zu tun haben und ob unser Kanzler als »Kanzler der Reformen« oder als »Kanzler der Tabaksteuer« in die Geschichte eingeht oder ob es nicht in Wahrheit schon zu spät ist? Ich weiß nur: Unsere Politik ist so wie bei Ullrich vor den Frühlingsrollen. Eine Mischung aus Hektik, Gekreische und Starre. Starr ist die Grundposition vor der unbewegbaren Tür; hektisch und kreischend der Diskurs, wenn nichts mehr geht. Und haben wir nicht schon einmal sehr hektisch über die Reform diskutiert? Kurz nach der Wahl? Steuervergünstigungsabbaugesetz? Eigenheimzulage? Richtig. Dann kam die Resolution 1441, die Außenpolitik, und das Finanzloch war plötzlich weg. Und wenn die Amerikaner immer noch den Irak bombardieren würden, hätten wir auch noch keine Agenda 2010, so einfach ist das mit der politischen Praxis aus Schlagzeilenhektik und Starre. Scheiß-System, wirklich.
Also: Wie lange dauert das jetzt, bis der Raum zwischen Nudelabteilung und Tiefkühlschrank vermessen ist, um ein Deutschland mit erreichbaren Frühlingsrollen zu gestalten? Und ich hoffe, dass die Medien da jetzt dranbleiben und nicht wieder beim nächsten Bush-Manöver meinen Ullrich aus den Augen verlieren!
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.05.2003 Nr.22
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