Religion macht Angst – den Ungläubigen und Andersgläubigen jedenfalls, uns Fernsehzuschauern, dem aufgeklärten Europa. Da sind die Selbstmordattentäter im Namen Allahs, die islamisch befeuerten Brandherde von Palästina über Tschetschenien bis Kaschmir. Aber schon das Kopftuch einer muslimischen Lehrerin oder ein EU-Beitritt der Türkei kann die Fundamentalismusfurcht wecken. Und sie gilt keineswegs dem Islam allein. Nichts dürfte den amerikanischen Präsidenten in den Augen der Alten Welt fremder und unheimlicher erscheinen lassen als seine Frömmigkeit. Verständnislos sieht man die christliche Rechte in den Vereinigten Staaten noch die militanteste israelische Politik unterstützen, weil ihr das Heilige Land eben heilig ist. Die Religion hat mitten in der Moderne wieder ihr Haupt erhoben, und das Gesicht, das sie zeigt, wirkt grimmig und bedrohlich.

Der Papst funkt dazwischen

Was für ein Kontrast zu der freundlichen Miene, die das Christentum in den letzten Maitagen auf dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin tragen wird! Der Papst hat noch einmal ein bisschen dazwischengefunkt und erklärt, warum es aus katholischer Sicht einstweilen kein gemeinsames Abendmahl mit den Protestanten geben könne. Die Zweihunderttausend und mehr aus beiden Konfessionen werden sich in Berlin nicht groß darum scheren. Theologische Klarheit oder gar Schärfe, überhaupt das Strittige und Sperrige im Glauben sind kein Hauptbedürfnis des zeitgenössischen deutschen Christenmenschen. Man möchte sich untereinander versöhnen und verbrüdern, und draußen will man für das Gute eintreten, für die Mühseligen und Beladenen.

Es gibt nicht den mindesten Grund, gering davon zu denken. Dass Menschen menschlich miteinander umgehen, ist in einer Pfarrgemeinde, einer konfessionellen Schule, einem christlichen Krankenhaus immer noch etwas wahrscheinlicher als anderswo. Man muss das laut sagen, gegen alle, denen beim Thema Kirche nur ihre Steuererklärung oder der letzte Skandal mit pädophilen Priestern einfällt. Aber leise wird man doch fragen dürfen, warum die Gotteshäuser so leer sind, in denen dieses sympathische Evangelium gepredigt wird.

Niemand, der bei Sinnen ist, wird von den Fanatikern unserer Tage Glaubenseifer lernen wollen. Aber die Ecken und Kanten der eigenen Botschaft abzuschleifen, sich klein zu machen – diese Anpassungsstrategie vieler hiesiger Christen, Theologen und Kirchenführer führt in Langeweile und Irrelevanz. Als der EKD-Ratsvorsitzende Kock und unser evangelischer Bundespräsident das Kreuzzüglertum George W. Bushs geißelten, mag die Sorge vor der religiösen Legitimation von Kriegen begreiflich gewesen sein (obwohl der Irak-Feldzug nie so begründet wurde). Doch war dahinter noch etwas anderes zu spüren, ein Schock über ungenierte Bekenntnisfreude schlechthin, ein Peinlichkeitsgefühl im Angesicht von Überzeugungsstärke. Man kam sich ungeheuer fortgeschritten und überlegen vor, wo es doch auch einen Augenblick des Nachdenkens wert gewesen wäre, warum das Christentum in Amerika eine lebendige Religion ist, bei uns dagegen eher ein Museum mit angeschlossenen karitativen Eigenbetrieben. Mit Glaubensscham erwirbt man keinen Respekt.

Denn Respekt ist es, was die Kirchen vor allem brauchen und worauf sie ihren Ehrgeiz richten sollten. Auf Gehorsam können sie nicht mehr hoffen, und Liebe werden sie auch mit der beflissensten Nettigkeit nicht von allen gewinnen. Aber Achtung ist möglich. Die pluralistische Gesellschaft sehnt sich geradezu nach erkennbaren Haltungen und Figuren, nach Felsbrocken im Meinungsbrei. Sie hat sich dem Lebensschutz-Rigorismus der katholischen und evangelischen Bischöfe in der Bioethik vielleicht nicht angeschlossen – doch ist sie neugierig, aufmerksam, nachdenklich geworden. Und warum wohl haben die konfessionellen Schulen solchen Zulauf, viel mehr, als sie verkraften können? Weil man ihnen Maßstäbe zutraut, ein Bild vom Menschen als Richtschnur des Erziehens, einen Kompass im Meer der Standpunktlosigkeit.

Natürlich auch, weil sie als leistungsfreudig gelten. Und das ist gleichfalls nicht uninteressant für die Zukunft des Christentums in der Moderne: Ein kleiner Schuss Elitebewusstsein, neben aller Demut und Nächstenliebe, würde dem Glauben und den Gläubigen im 21. Jahrhundert nicht schaden. Es ist ja nicht mehr so wie vielleicht zur Zeit unserer Urgroßeltern, dass die Duckmäuser in die Kirche gehen und die Ausnahmemenschen gegen Gott rebellieren. Religiosität heute verlangt vielmehr eine Portion Nonkonformismus, ein etwas längeres kulturelles Gedächtnis, den Sinn für eine Dimension mehr in der Wirklichkeit. Kein Grund, die Nase hoch zu tragen, wohl aber den Kopf.

Der Respekt der anderen ist ohne Selbstachtung nicht zu haben. Das Christentum muss sich etwas wert sein in der Konfrontation mit Ungläubigen wie mit Andersgläubigen. Der evangelische Berliner Bischof Huber spricht gelegentlich von der "interreligiösen Schummelei", von einer falschen Bescheidenheit und Konfliktscheu im Umgang besonders mit dem Islam. Es ist wahr, dass auch die Christenheit ihre Fanatiker hatte und hat. Aber dass die moderne Welt mit ihren Freiheiten dem Westen, dem Abendland entstammt, ist trotzdem kein Zufall. Wo Papst und Kaiser sich stritten, konnte kein Gottesstaat entstehen, und diese Urtrennung von Himmel und Erde, Glauben und Macht, Recht und Gewissen ist die Mutter der Liberalität. Ob Muslime das auch wollen und wie sie es mit ihrer Tradition vereinbaren können, danach darf man sich erkundigen. Und von den Materialisten wiederum Auskunft erbitten, ob das ganz nackte Diesseits wirklich eine lebenswerte Welt darstellt, ohne die Balance durch jenen unauflöslichen Rest, den das Christentum über Jahrhunderte in der Geschichte des Fortschritts und der Emanzipation gegenwärtig gehalten hat.