peru Kapellen auf der Landebahn
Absage an die Spinner: Die geheimnisvollen Steinbilder in den peruanischen Anden taugten nicht als Weltraumbahnhof für Außerirdische
Heute wäre die Landung selbst für einen Flugschüler kein Problem. Flach liegen die Bahnen in der Ödnis, gesäumt von säuberlich aneinander geschobenen Steinen. Problemlos würde eine Cessna oder eine einmotorige Antonow im Zielort Nasca oder Palpa aufsetzen. Die Maschinen wirbelten einzig Staub auf in der knochentrockenen Pampa Perus.
Außerirdische Luftschiffer dagegen hatten am selben Ort vor Jahrtausenden mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Schon im Anflug entdeckten sie an allen Ecken und Enden der markierten Pisten massive Bauten aus Stein, Lehm und luftgetrockneten Ziegeln. Daneben fingerten zehn Meter hohe Masten in den Himmel. Auch Lamas hatten sich, saftiges Gras kauend, auf die Landebahnen verirrt. Wo zum Teufel sollte einer da seine galaktische Aeroplane unfallfrei aufsetzen?
Der Forscher, der den Besuchern aus dem All die verkehrstechnischen Schwierigkeiten bereitet, heißt Jörg Fassbinder. Der Geophysiker in Diensten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege hat mit seinem Cäsium-Magnetometer in den Untergrund geschaut und Überreste zahlreicher Gebäude geortet. Wären also, wie von Spinnern seit Jahrzehnten postuliert, in dieser Anden-Gegend einst Raumschiffe gelandet – die damalige Bausubstanz auf dem Flughafengelände hätte es ihnen schwer gemacht.
Weitaus wahrscheinlicher ist, dass Mastenwald und Immobilien damals jegliches Landemanöver unmöglich gemacht haben. Damit ist die Schnapsidee endgültig vom Tisch, wonach es sich bei den gigantischen Scharrbildern von Nasca und Palpa – seit 1995 Weltkulturerbe der Unesco – um Flugpisten für Außerirdische gehandelt habe. Seit Erich von Däniken 1968 in seinen Erinnerungen an die Zukunft geschrieben hatte, die rätselhaften Zeichnungen sähen aus wie Start- und Landebahnen, hat sich diese These in vielen Köpfen festgesetzt. Und die Forscher hatten damit ein grundsätzliches Problem: Je irrwitziger eine Theorie, desto schlechter lässt sie sich widerlegen. Lange blieb einem beim Streiten nur das Haareraufen; jetzt kann man sich immerhin auf fundierte wissenschaftliche Daten berufen.
Alternativvorschläge fielen Experten unterschiedlicher Couleur stets in Hülle und Fülle ein: Die Dresdner Mathematikerin Maria Reiche hielt die Geoglyphen für das größte Astronomiebuch der Welt. Die amerikanische Archäologin Helaine Silverman tippt auf Familienwappen, mit denen Großgrundbesitzer ihre Ländereien absteckten. Und der New Yorker Wünschelrutengänger David Johnson ist überzeugt: In der Einöde haben die Menschen den Verlauf unterirdischer Wasservorkommen markiert.
Aber Fassbinders Magnetbilder lassen nun keinen Zweifel mehr, dass die Leute von Nasca und Palpa die Ebenen als Bauland genutzt haben. Um herauszufinden, was unter dem Staub im Dreck liegt, musste er keinen Spaten ansetzen. Unermüdlich stakste er in diesem Frühjahr durch den schattenlosen Backofen; ein Schlapphut schützte ihn vor der Sonne. Im Abstand von einem halben Meter zog er seine Geraden über dem Geoglyphen mit dem Namen reloj solar – Sonnenuhr. 16 Kilometer legte er täglich zurück. Schritt für Schritt verschaffte er sich Einblick in die Unterwelt. Das Cäsium-Magnetometer, das er dabei mitschleppte, ist ein 20 Kilogramm schweres Ungetüm aus Holz. Daran festgeklebt sind Schläuche und metallene Kästchen. Was aussieht wie ein zu groß geratener Eigenbau aus dem Kinderzimmer ist das präziseste Instrument seiner Art. Das bizarre Konstrukt misst – exakter als jedes andere Gerät weltweit – das irdische Magnetfeld und entdeckt kleinste Unregelmäßigkeiten. Diese werden durch Anreicherungen ferrimagnetischer Minerale im Untergrund hervorgerufen und bringen Fassbinder auf die Spur verborgener Gemäuer, Gräber, urzeitlicher Ziegelöfen oder Grillplätze. So genannte Maghemite etwa zeugen von gebranntem Ton. In Abfallgruben, Palisaden und Gräbern sondern Bodenbakterien Magnetit oder Greigit ab. Trägt man die dadurch hervorgerufenen Magnetfeldstörungen in eine Karte ein, erhält man einen Blick in den Boden.
Im Rahmen eines Sonderprojekts des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) beteiligen sich derzeit die unterschiedlichsten Disziplinen an der Ergründung der geheimnisvollen südamerikanischen Steinbilder, die Menschen der Nasca-Kultur auf einer Fläche von insgesamt rund 100 Quadratkilometern schufen. Neue Techniken sollen den Geisteswissenschaften Support liefern, denn noch immer ist nicht endgültig geklärt, warum und wann die oft 100 Meter großen Tierbilder und die kilometerlangen Linien entstanden. Irgendwann vor 1400 bis 2200 Jahren sind die Granitsteine zur Seite geräumt worden, sodass noch heute Strukturen aus der Luft zu erkennen sind.
In den letzten Jahren hat insbesondere Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut – unterstützt von der Schweizerisch-Liechtensteinischen Stiftung für Archäologische Forschungen im Ausland – die Vorstellungen von der Nasca-Kultur generalüberholt. Er war als Erster zwischen den Geoglyphen auf Gebäude gestoßen, die er als „kleine Tempel“ interpretierte. Hier hätten, vermutet der Bonner, die Nasca Wasser- und Fruchtbarkeitsriten abgehalten: eine Vorstellung, die beim Anblick der Wüste irritiert. Reindel stieß auf Reste von Feldfrüchten, Meerschweinchen und Muscheln – vermutlich Opferbeigaben. In höheren, heute komplett trockenen Tallagen grasten damals Lamas. Das Klima, sagt Reindel, hatte den Menschen „einen grünen Garten Eden“ beschert. Sogar Reste einer Sintflut spürte er in der Nähe auf – die Folge gewaltiger Klimaschwankungen. Wo heute Wüste ist, gingen einst Schlammlawinen nieder und vertrieben die Bauern.
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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