momente der entscheidung, folge 14 Tödliche Vision

Seit ihrer Gründung im Jahre 1883 wollte die AEG den Branchenriesen Siemens übertrumpfen. Überlebt haben das nur die berühmten drei Buchstaben

Im Dezember 1994 sorgt ein Gerücht für Unruhe: Daimler-Benz, so heißt es, wolle sich von der Vision des Technologiekonzerns verabschieden; Ziel sei nun der „integrierte Verkehrskonzern“. Für die AEG, die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft, sind das schlimme Nachrichten. Denn der Traditionskonzern ist 1988 in höchster Not unter das Dach von Daimler-Benz geschlüpft, nun passt er nicht mehr ins Konzept. Im November 1995 entscheidet der Aufsichtsrat des Daimler-Benz-Konzerns, das Elektronikunternehmen aufzulösen. In den nächsten Monaten folgt der Ausverkauf. Unternehmensbereich für Unternehmensbereich wird abgestoßen, eine Industrie-Legende wird demontiert. Im Juli 1996 findet die letzte Hauptversammlung der AEG statt, dann ist das Unternehmen Geschichte.

Der Kurswechsel bei Daimler-Benz war nur der letzte Akt im Drama um den kometenhaften Aufstieg und den qualvollen Niedergang der AEG. Der deutsche Elektroriese sei ein klassisches Beispiel für unternehmerisches Versagen, schreibt Peter Strunk, der acht Jahre bei der AEG tätig war und Zugang zu den Konzernarchiven hatte, in seiner Firmengeschichte. Bei der AEG sei „ein unterkapitalisiertes Unternehmen mit schwachem Management und einer gewissen Dosis Pech zu einem kommerziellen Desaster“ geworden, kommentiert die Financial Times das Ende des Traditionskonzerns.

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Die Geschichte der AEG beginnt im April 1883 in Berlin mit Edisons Glühlampe und der Gründung der Deutschen Edison-Gesellschaft für angewandte Elektricität (DEG) durch Emil Rathenau. (Erst vier Jahre später wird die DEG in Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft umbenannt.) Mitgründer sind ein Bankenkonsortium – und Siemens. Der Gründer des Branchenprimus will an der hellen Zukunft der Edison-Glühlampe teilhaben, nicht ahnend, dass er damit seinem schärfsten Konkurrenten Geburtshilfe gibt. Denn Rathenau schafft aus dem Nichts einen Großkonzern. Mit einem Dutzend Beschäftigten geht es ins erste Geschäftsjahr. Nur zwei Jahre später beginnt die DEG mit dem Aufbau von Vertriebsniederlassungen im Ausland. Eine atemberaubende Expansion beginnt, die sich nicht lange auf Glühlampen beschränkt: Es folgen Dampfmaschinen, Dynamos, Elektromotoren, Lokomotiven, Straßenbahnen, Kraftwerke, die Gründung einer „Elektrobank“ zur Finanzierung der wachsenden Geschäfte, der Einstieg in die drahtlose Telegrafie mit Telefunken, Schreibmaschinen, Flugzeugbau. Die AEG wächst und wächst.

Rathenaus Konzern ist aggressiv, innovativ und äußerst risikobereit. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs ist er das größte deutsche Unternehmen der Elektroindustrie, größer noch als Siemens, der geschäftspolitisch konservativere Antipode.

Doch die AEG kann ihre Spitzenstellung nicht lange halten. Emil Rathenau stirbt im Juni 1915; sein berühmter Sohn Walther Rathenau, Präsident der AEG, später Außenpolitiker, wird im Juni 1922 von braunen Schlägertrupps ermordet. Der Verlust der Rüstungsaufträge und Einbrüche auf den Auslandsmärkten belasten den Konzern nach Kriegsende. Zudem rächen sich nun der hohe Grad an Fremdfinanzierung und der Mangel an Rückstellungen: Die AEG ist konjunkturanfällig und gerät in der Weltwirtschaftskrise 1929/30 das erste Mal an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Es sollte schlimmer kommen. Während die Chefs von Siemens bereits 1944 von der geplanten Einteilung Deutschlands in Besatzungszonen erfahren und große Teile ihrer Herstellung in den Westen verlagern, verliert die AEG nach Ende des Zweiten Weltkriegs knapp 75 Prozent der Produktionskapazitäten durch Enteignungen und Demontagen. Allen Schicksalsschlägen zum Trotz wiederholt sich das Wachstumswunder der AEG. Auf Basis der noch intakten Vertriebsorganisation gelingt der Neuaufbau im Rekordtempo. Erneut wird ein aggressiver Expansionskurs eingeschlagen, wieder finanzieren ihn die Banken, wieder wird der Blick auf den großen Konkurrenten Siemens gerichtet. „Es müssen alle Anstrengungen gemacht werden, um diesen Vorsprung aufzuholen“, bekundet AEG-Vorstandschef Hans Boden 1959. Kaufen, kaufen, kaufen: Zwischen 1967 bis 1971 übernimmt die AEG nahezu 50 Firmen für insgesamt 3 Milliarden Mark. Dank der großzügigen Banken mausert sich der Konzern bis 1970 zum viertgrößten europäischen Elektronikkonzern. Siemens ist in Sicht.

Einmal mehr steckt im schnellen Wachstum bereits der Keim für die spätere Katastrophe. Erneut ist die AEG äußerst anfällig, hat im Gegensatz zum Rivalen Siemens kaum Rücklagen gebildet und damit keine Reserven für Krisenzeiten. Die Übernahme teils maroder Unternehmen zahlt sich nicht aus, der Jahresüberschuss schrumpft, statt des Gewinns wächst der Schuldenberg: 1970 drücken den Konzern Verbindlichkeiten in Höhe von über 2,5 Milliarden Mark. Gleichzeitig werden Krisensignale wie der Verlust von Marktanteilen im Stammgeschäft und technische Probleme im Kernkraftbereich schlicht ignoriert.

Konzernchef Hans Groebe will zwar konsolidieren, schließt aber einen Kurswechsel aus. Am 13. Juni 1972 schlägt Finanzvorstand Johannes Semler bei seinen Kollegen Alarm: „Wir dürfen uns keine Umsatzausweitung ohne höheres Ergebnis oder gar zulasten des Ergebnisses leisten. Unkontrolliertes Wachstum wird in der Medizin Karzinom genannt und führt im Allgemeinen zum Tode.“ Doch Semler steht allein – und nimmt Ende Dezember 1973 seinen Hut. Die Krise lässt sich nicht mehr verbergen.

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