sozialstaat Der Hiob der Nation

Florian Gerster hat einen der schwierigsten Jobs, die das Land zu vergeben hat: Er soll die Bundesanstalt für Arbeit umkrempeln und den Sozialstaat neu sortieren. Begegnung mit einem Mann, der den Trägen Beine machen will

Als Florian Gerster sich darauf vorbereitet, dem Land eine neue, alarmierende Zahl zu nennen, steht Ernst Müller auf seinem Balkon und schaut hinüber zu Florian Gerster. Er sieht nur verspiegelte Fensterscheiben. Obwohl er den Chef der Bundesanstalt für Arbeit nicht persönlich kennt, hat er ein bisschen Angst vor ihm, ein mulmiges Gefühl, deshalb möchte er in der Zeitung lieber Ernst Müller heißen. „Ich hab nichts gegen den Gerster“, sagt der Elektriker Müller, es ist diese Ansicht einer benachbarten Übermacht, die ihn beunruhigt. Ein Koloss aus Glas und Beton, der den Himmel ausfüllt. Im Boden steckt ein riesengroßer Nagel, von einem Künstler effektvoll installiert. Der Nagel ist schief in den Boden gerammt, so, als habe mit ihm eine höhere Gewalt wütend auf Deutschland gezielt und den Sozialstaat, Abteilung Arbeitslosigkeit, knapp verfehlt. Neben dem großen glitzernden Hochhaus steht ein kleines, hässliches Hochhaus, Müllers Zuhause. Ein grauer Klotz, stufenförmig gebaut, einer abgebrochenen Treppe gleich.

Die Zahl, die Gerster dem Land gleich zu verkünden hat, überrascht Müller nicht. Es wird wieder eine Millionenzahl sein, die mit 4 beginnt. Wie erfolgreich Gerster ist, darüber wird die Zahl hinter dem Komma entscheiden. Sinkt die letzte Ziffer, wird man sagen: Sein Weg ist richtig. Steigt sie, kriegt Gerster Prügel. Wird aus der 4 vor dem Komma im Laufe der nächsten Monate gar eine 5, wird Gerster vermutlich gefeuert. „Ganz einfach“, sagt Müller und lacht hämisch.

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Florian Gerster lächelt vorsichtig, als er seine blassviolette Krawatte richtet und zum Pressesaal eilt, um das zu tun, was ihm am wenigsten behagt, „die Kassandra von Deutschland spielen“. Die Zahl? „4,5 Millionen“, wird er in Mikrofone sprechen müssen, 4,5 Millionen Menschen ohne Arbeit.

Florian Gerster hat nicht viele Freunde. Wenn alles glatt ginge auf dem deutschen Arbeitsmarkt, wären Gerster und seine Leute überflüssig. Jeder wünscht sich, es wäre so. Hätte man Gersters Job in der Zeitung annonciert, hätte man damit werben müssen, dass eine der meistbeachteten und meistgehassten Positionen in der Bundesrepublik frei geworden sei. Vom Kanzler bekam Gerster vor gut einem Jahr den Auftrag, diese Anstalt umzukrempeln, um bei der Lösung des größten deutschen Problems mitzumachen: Massenarbeitslosigkeit. „Das ist meine größte Baustelle“, machte Gerhard Schröder seinem Parteigenossen Gerster damals klar, „ich möchte dich bitten, als Bauleiter diese Baustelle zu übernehmen.“ Als Sozialminister in Rheinland-Pfalz hatte sich Gerster zuvor einen Ruf als arbeitswütiger Aufräumer erworben. Geradlinig, prinzipienfest, resistent gegen faule Kompromisse.

Ein ungemütlicher Mann, wie geschaffen für ungemütliche Zeiten. Jetzt steht ein SPD-Sonderparteitag ins Haus, den einige Sozialdemokraten „ein zweites Godesberg“ nennen. „Sozialabbau-Parteitag“, schimpfen andere. Leute vom Schlage Gersters stehen in den Startlöchern, um den Sozialstaat neu zu sortieren. Sozialdemokraten mit Taschenrechnern. Ist das so schlimm?

Florian Gerster zweifelte nie, dass er für Schröders Agenda 2010 stimmen wird, „ohne Abstriche“. Das bedeutet zum Beispiel: höchstens 18 Monate Arbeitslosengeld für Ältere, nicht mehr 32 Monate wie jetzt noch. Arbeitslosenhilfe, die bisher nach der Phase des Arbeitslosengeldes – mitunter ein halbes Leben lang – gezahlt wird, soll auf das Niveau des Sozialhilfesatzes gesenkt werden. Den trägen Verteilungsstaat will Gerster zu einer Job-Beschaffungsmaschine umbauen. Seinen Leuten in Nürnberg hat er eingebläut, dass sie Arbeitsämter als Agenturen verstehen sollen, die „wirtschaftlich denken“, mit gleich viel Nähe zu Arbeitgebern und Arbeitslosen. Er sagt: „Bisher sind das ja überdimensionierte Sozialämter.“

Auf einer fränkischen Landstraße, auf einer Autofahrt in die Nacht, spricht Gerster viel über ein fernes Land, zu dem er aufbrechen will. In jenem Land herrscht keine Ruhe mehr. Es funktioniert. Wie eine Fabrik. Pausenlos wird daran gearbeitet, wieder Arbeit zu bekommen. Das Leben kreist um die Frage: Wie finde ich einen Job? Wie schnell? „Alles voller Aktivität“, schwärmt Gerster über jenes Land, zu dem sein Land sich verwandeln möge. „Die Menschen heute“, sagt er, „irren sich, wenn sie meinen, sie hätten Zeit. Sie haben keine Zeit.“ Deswegen die gewaltigen Probleme mit den Langzeitarbeitslosen. Deswegen sein Appell, sofort eine neue Stelle aufzutun, statt lange abzuwägen. „Eine Woche Arbeitslosigkeit kostet Hunderte Millionen im Haushalt der Bundesanstalt. Das ist den meisten nicht bewusst.“

Haben Sie sich in Ihrem Berufsleben jemals geirrt, Herr Gerster?

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