Festival Abschied vom System Cannes

Die Kumpelmaschine: Kollektive Erstarrung lähmt das wichtigste Filmfestival der Welt

Eröffnung des Filmfestivals von Cannes 2013: Der Festivalpräsident Gilles Jacob wird von seinem künstlerischen Leiter Thierry Frémaux im Rollstuhl über eine altengerechte Sonderanfertigung des roten Teppichs geschoben. Hinter ihm humpeln Wim Wenders, David Lynch und Peter Greenaway, vertieft in ein Gespräch über ihre Zipperlein. Jeanne Moreau, die zum siebten Mal den Ehrenpreis des Festivals bekommt, lästert über Catherine Deneuve und deren silberne Yves-Saint-Laurent-Krücke. Da die Jury inzwischen Sponsorensache ist, besteht sie ausschließlich aus L’Oréal-Gesichtern, mit Deneuve als Alterspräsidentin. Eröffnungsfilm ist ein neues Werk des fast 80-jährigen Theo Angelopoulos, dem auch die Retrospektive gewidmet ist.

Cannes als luxuriöses Pflegeheim und prominentes Veteranentreffen all der renommierten Regieautoren, die an der Croisette groß geworden und gemeinsam mit dem Festival gealtert sind – das immer noch wichtigste Filmfestival der Welt ließ in diesem Jahr eine Ahnung der gerontophilen Zukunft durchscheinen, die sich wohl bewahrheiten wird, da der 73-jährige Gilles Jacob weiterhin die Fäden in der Hand behalten will. Zwar wurde vor zwei Jahren mit Thierry Frémaux ein künstlerischer Leiter eingesetzt, der Reformen und Verjüngung versprach – im Rückblick erscheint die Doppelspitze aber eher als strategischer Coup, um Kritik an Jacobs selbstherrlichem Führungsstil vorzubeugen. Bei öffentlichen Auftritten verströmt Frémaux irgendwie etwas Prinz-Charleshaftes, wirkt er wie der ewige Juniorchef eines ehrwürdigen Familienunternehmens, der längst aufgehört hat, auf den Abtritt des Alten zu warten.

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Die Folgen dieser kollektiven Erstarrung, verstärkt durch die Arroganz des sadohierarchischen Festivalapparats, waren zum ersten Mal verheerend. Schon länger lief das System Cannes mit seiner zwanghaften Fixierung auf das internationale Regie-Establishment Gefahr, sich selbst zu blockieren. Doch diesmal verschafften friends and family wie Michael Haneke, Raoul Ruiz, Bertrand Blier, Clint Eastwood oder Peter Greenaway dem Wettbewerb nicht das erhoffte Kaliber, trat die mangelnde Entdeckungslust und Risikofreude des Festivals besonders hervor. Mag sein, dass sich unter den Organisatoren auch eine natürliche Trägheit eingenistet hat: Was an Wettbewerbsfilmen nicht aus der konservativen Kumpelmaschine stammt, lässt sich meist durch die bequeme Verfilzung mit französischen Koproduktions- und Verleihinteresssen erklären.

Bei der 56. Festivalausgabe addierten sich all die großen Loyalitäten und kleinen Verstrickungen nun zu einem veritablen Bananenstaatsfestival. Internationale Branchenblätter reagierten mit offenem Hohn, und selbst die sonst stramm solidarische französische Presse vermeldete zaghaftes Missfallen. Dass ausgerechnet Harvey Weinstein, mächtiger Miramax-Chef und Produzentenmonster, keine Gelegenheit ausließ, um gegen den Wettbewerb und die Organisatoren zu poltern, machte die Sache für Cannes nicht besser.

Tatsächlich musste man sich in diesem Jahr, in dem die Vorführungen hin und wieder im kollektiven Wolfsgeheul des Publikums versanken, regelrecht durchsitzen zu den wenigen Filmen, die mehr sind als enttäuschende Reminiszenzen verführerisch funkelnder Autorennamen. Einer der Regisseure, die diesen Autorenbegriff noch verkörpern, weil sie ihn regelmäßig zersetzen und vor dem rhetorischen Austrocknen bewahren, ist Lars von Trier. Seinen neuen Film Dogville muss man sich vorstellen wie eine große cineastische Entrümpelungsaktion. Schauplatz ist eine große, schwarze Bühne. Nur ein paar Kreidestriche markieren das amerikanische Dörfchen Dogville in einem abgelegenen Tal der Rocky Mountains. Es ist erstaunlich, wie schnell sich die Vorstellungskraft in diesem schwarzen Nichts einrichtet, wie selbstverständlich aus den zeichenhaften Andeutungen eine Kleinbürgerwelt entsteht, die nur von einigen realistischen Geräuschen auf der Tonspur unterstützt wird.

Vielleicht noch überraschender ist es, dass es von Trier gelingt, eine Starschauspielerin wie Nicole Kidman buchstäblich an die Kette seiner obsessiven, von weiblichen Leidensfiguren geprägten Autorenfantasie zu legen. Kidman spielt Grace, eine junge, von Gangstern verfolgte Frau, die in Dogville Zuflucht sucht – von den Einwohnern wird sie erst willkommen geheißen, dann ausgebeutet, schließlich erniedrigt, gequält und vergewaltigt. Die formale Gratwanderung zwischen Brechtscher Verfremdung und einem Spiel mit einigen wenigen Repräsentationsmitteln ist um einiges komplexer als von Triers Botschaft, die in neun Kapiteln einer Fabel daherkommt: Der Mensch im Allgemeinen und der Amerikaner im Besonderen sind schlecht, und der christliche Erlösungsgedanke ist nur eine einzige groß angelegte Verarschung der Erlöser. Daher kann man die Sünder auch gleich alle abknallen. Die finale Rache an Dogville wirkt wie die sarkastische Umdeutung der Trierschen Märtyrerinnen und ihrer schier unerschöpflichen Leidensfähigkeit.

Während das Massaker bei Lars von Trier noch polemische Stellungnahme innerhalb eines moraltheologischen Diskurses ist, entließen andere Filme den Zuschauer immer wieder ratlos aus ihren gewalttätigen Welten. In Gus van Sants Film Elephant , der überraschenderweise den Regiepreis und die Goldene Palme gewann, hat diese Irritation eine gewisse Logik, schließlich geht es um eine Gewalteskalation, die letztlich unfassbar bleibt. Schier endlos sehen wir den späteren Opfern eines Highschool-Massakers bei ihren endlosen Gängen durchs Schulgebäude zu: Der Außenseiterin mit Brille, einem Pärchen und seiner schüchternen Turtelei, drei Teenie-Freundinnen mit ihren debilen Dialoge über Shoppen und Diäten. Die kleinen Dinge des Schulalltags vermischen sich mit einer Beethoven-Sonate zu ungeheurer Wehmut, so als hafte der sexy Jugend schon immer eine gewisse Todesverfallenheit an – erst später stellt sich heraus, dass es einer der Attentäter ist, der am Klavier sitzt. Es gelingt van Sant, das Highschool-Massaker aus der aboluten Banalität heraus zu erzählen, und doch hat die elegische Schicksalhaftigkeit, mit der er seine hübschen Opfer in die dumpfe Bluttat hineinlaufen lässt, auch einen zynischen Suspense. Dennoch kam kaum ein anderer Regisseur seinen Figuren so nahe wie van Sant bei den Gängen durch triste Schulkorridore – Bewegung, die zum rein filmischen Rhythmus wird.

Auch der türkische Film Uzak (Großer Preis der Jury) lässt sich ein auf die kreisende Bewegung seines Helden. Wir folgen einem Mann auf seinen Wegen durchs winterliche Istanbul, vorbei an Hafenanlagen, verrotteten Schiffen, an den großen Panoramablicken der Stadt. Es geht um einen jungen Mann, der aus der Provinz zu seinem neureichen Cousin zieht. Um große Träume von Reichtum und Ferne, die bald in kleinen Streitereien und Geldsorgen enden. Uzak erzählt von einem, der keinen Platz findet, weil diese überfüllte, harte Stadt mit all ihren Arbeitslosen auf nichts weniger gewartet hat als auf einen sehnsüchtigen Hinterwäldler. Der Regisseur Nuri Bilge Ceylan findet Bilder, deren weite Perspektiven Platz lassen für die Einsamkeit zweier Männer, die in einer Wohnung und doch in zwei Parallelwelten leben. Immer wieder scheint es, als fehle nur ein Wort, um die Erstarrung aufzulösen.

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