Kunst Der Traum vom Frieden gebiert Monster
Das Deutsche Historische Museum eröffnet den Neubau mit einer Europa-Ausstellung
In ihrer Rede hatte die Kuratorin Marie-Luise von Plessen die Politiker ermahnt, „doch auch einmal die Texte zu lesen“. Tatsächlich dokumentiert die mit der das Deutsche Historische Museum den Neubau eröffnet, den kraftvollen inneren Monolog des Kontinents und die tiefe Verschränkung der Friedensidee mit der europäischen Identität. Sie beweist, dass all das, was ein Bentham, Kant, Benjamin Constant, Saint-Simon vorgedacht haben, noch heute aktuell ist. Victor Hugos Wort vom „Vaterland ohne Grenzen“, gerichtet an die Mitglieder des Friedenskongresses von 1872, könnte auch jetzt eine Europa-Rede zieren. Wenn es darum geht, zu zeigen, dass Europa ebenso wie durch Kriege auch durch Friedensschlüsse geformt wurde, dann ist diese Ausstellung gelungen.
Dennoch verlässt man sie eher irritiert. Wer in das Kellergeschoss, noch animiert vom lichten Treppenhaus, eintritt, meint, einen liturgischen Raum zu verlassen, um Kleinodien eines Domschatzes im Halbdunkel zu besichtigen. Die Statue der Eirene mit dem Pluto-Knaben auf dem Arm, Wohlstand spendend, weist den Weg durch die Kojen. Er beginnt mit dem Mythos und der Selbstenzifferung des Erdteils, dem Entstehen der europäischen mental map. Außerordentliche Leihgaben leuchten auf, darunter die ottonische Borgia-Weltkarte von 1000 nach Christus aus den Vatikanischen Museen, aber auch Trouvaillen wie das Antwerpener Kriegsschiff Fin de la guerre, dass den Friedensschluss mit PhilippII. feiert. Daneben der Vorschlag von Leibniz an LudwigXIV., Ägypten anzugreifen, um den europäischen Frieden zu wahren, was später dann Napoleon realisierte. Der Parcours geht über die res publica christiana und ihr Ende in den Religionskriegen, die Entstehung der Nationen und die bürgerlichen Revolutionen bis zur menschenrechtlichen Begründung des ewigen Friedens. Die Exponate sind vielschichtig, bilden geistige Sichtachsen und Querverbindungen, eine Kette von Klein-Essays, die der Betrachter weiterzuschreiben hat.
Der erste Rundgang endet ambivalent: mit dem Genrebild der Königin Victoria, der Großmutter Europas, mit ihren Enkeln. Glanz und Saturiertheit des bürgerlichen Zeitalters. Aber daneben steht unheilvoll die berühmte britische Karikatur von Bismarcks Abschied: der Lotse verlässt das Schiff. Der Besucher betritt die Rolltreppe und fährt zum zweiten Rundgang. Dort der Schock des 20. Jahrhunderts. Der Blick fällt auf eine metaphorische Obszönität: den Entwurf eines Friedensdenkmals von de Tarnowsky – aus einem britischen Panzer stülpt sich eine Siegesgöttin, während der Panzer über Schützengräben rollt. Titel: Triumph der Humanität. Zwischen den Etagen liegt die Zäsur, das große Trauma von 1914, das die Ideenwelt erschütterte. Nicht zuletzt zerbrach damals die Friedensidee der internationalen Arbeiterbewegung. Mit dem 20. Jahrhundert wird der essayistische Beziehungsreichtum kakophonisch und das Ausstellungskonzept zum Problem. Es will die Chronologie der Kriege durch „die Zeitachse von Textquellen zum ewigen Frieden“ (von Plessen) ersetzen. Aber die Schrecken der Neuzeit sprengen die Ideengeschichte. Der Massenkrieg, die Revolutionsgräuel, der Archipel Gulag, der Holocaust, Hitlers arisches Europa, das sozialistische Friedenslager, der Kalte Krieg und der kalte Frieden – die Exponate geraten in drangvolle Enge. Geschichte überrennt das Konzept.
Merkwürdig hastig wirkt dann das gute Ende, der Prozess der europäischen Einigung, die deutsch-französische Freundschaft, die KSZE-Schlussakte; eine Ecke Solidarno™ƒ, eine Kabine 1989, ein Winkel Maastricht, Filmdokumente, Reden, Animationen. Gewiss, die Ausstellung betreibt weder eine ursprungsmythische Verklärung der europäischen Friedensidee noch einen Triumphalismus des guten Endes. Sie schließt durchaus zweideutig: Mit Lysippos Kairos, der Allegorie des glücklichen, aber flüchtigen historischen Augenblicks, und Gunter Demnigs Friedensrolle, einem düsteren Bleiband, auf dem alle Friedensverträge von 260 vor Christus bis 1981 eingeprägt sind.
Aber diese Zweideutigkeit wirkt zu aphoristisch. Die Schrecken der Geschichte werden zitiert, aber nicht bearbeitet. Thematisiert wird nicht, in welchem Maße die europäischen Utopien selbst die Monster freisetzten. Der Traum vom überseeischen Eldorado hat zum Völkermord, das europäische Sendungsbewusstsein zum Kolonialismus und zur Weltherrschaft getrieben. Die Idee des ewigen Friedens steigerte sich zur Perversion einer endgültigen Lösung, sei es durch die Herrschaft einer Klasse oder Rasse. Gerade wegen der Vielzahl von Exponaten vermisst man den Hinweis, wie Friedenssehnsucht blind machen kann – den Hinweis auf München 1938. Kurz: Die Ausstellung stößt nicht zu der Dimension vor, die Freud im Unbehagen in der Kultur entfaltet. So mischt sich großes Gelingen mit gescheiterter Ambition. Und dann steht der erschöpfte Besucher wieder im hellen Raumwunder Peis, etwas bedrückt; hinter ihm liegen Ideen und ein Albtraum.
Bis zum 25. August, Katalog 25, Euro
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
- Serie Kunst
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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