Mittlerweile übersteigt das Eingelagerte das Ausgestellte um ein Vielfaches. Ausrangierte Kunstwerke und abgelegte Relikte bestücken gewaltige Schattenmuseen. So geht es nicht weiter, rufen schon die Ersten. Leere Kasse, voller Keller – unsereins ginge da auf den Flohmarkt. Auch Kulturfunktionäre diskutieren, ob der Inhalt der Depots nicht verkauft werden könnte. Wäre es nicht für alle das Beste, die Dinge in den Kreislauf des Lebens zurückzuführen? Dann könnten sie den Menschen wieder Freude bereiten oder kraft unsachgemäßer Behandlung ein gnädiges Ende finden, um Platz zu schaffen für Neues.

Stürmt die Depots! war dieser Tage ein Zeitungskommentar überschrieben. Darin kommt die Autorin zu dem Schluss, dass man die Depots – nein, lieber doch nicht stürmen sollte. Die Sachen könnten ja noch zu etwas gut sein, man weiß nie, und wie soll man entscheiden, was rauskommt? Kennen wir. Geht uns auch so. Was der Gesellschaft die Depots, das sind uns unsere Keller, Dachböden und Rumpelkammern, der Platz unterm Bett, hinten in der Garage und oben auf dem Schrank, die Schubladen und Fächer, Jacken- und Manteltaschen. Wir alle sind heimliche Depotanleger und -verwalter. Schon daher sollte man in der Debatte den Mund nicht zu voll nehmen. Denn wie viel aus unseren Trödelkisten ist niemals auf den Trödel gelangt? Wie oft sind wir ins Gucken und Lesen, ins Drehen und Wenden gekommen, um schließlich manchem guten Stück wieder einen Ehrenplatz in der ständigen Ausstellung unserer Wohnung zu geben?

Was führt den Menschen ins Depot, wenn nicht Platzmangel oder Geldnot? Als Kinder bereits haben wir ängstlich gespannt im Keller und auf dem Dachboden gestöbert, Kisten geöffnet, Kostüme anprobiert. Was die eine Generation aus Scham oder Überdruss aussortiert hat, wird für die nächste zum Abenteuer. So geht es auch dem Eindringling im Depot. Als Entdecker einer verräumten Wirklichkeit spürt er andachtsvoll durch die Gänge. Früher oder später allerdings treibt es auch den Verstauer an den Ort der Verstauung zurück. Was wir weggepackt haben, weil wir es nicht mehr aufregend fanden, wird wieder aufregend, wenn wir vergessen haben, was es war. Wir erinnern uns vage und beginnen, wie wild zu suchen: nach dem Ding, dann nach einem anderen Ding, das irgendwie mit diesem zu tun hat, und nach dem Gefühl, das uns damals zu der Entrümpelung trieb.

Menschheitspsychologisch befinden wir uns alle an diesem Punkt: der Wiederkehr des Verstauten. Die erste Phase unserer Geschichte war bestimmt von Jagen und Sammeln (und meist sofortigem Verbrauchen), die zweite von atemlosem Produzieren (und ebenso atemlosem Zerstören), die dritte, gegenwärtige, ist – bei aller Fortdauer der ständigen Neuerung und auch Zerstörung – bestimmt von Bewahren, Restaurieren und Gedenken. Wir leben im Zeitalter von Retro und Revival, Dokumentation, Denkmal und Depot.

Welche Geschichte aber erzählen uns die Dinge in den Depots? Sie sind wie alte Tagebücher. Sie sprechen von verblassten Leidenschaften und überholten Erkenntnissen, kitschiger Sehnsucht und ideologischer Verblendung. Die Depots sind Vergangenheit zweiten Grades. Sie enthalten nicht das, was über seine körperliche Präsenz hinaus unserem Dasein Bedeutung gibt, sondern das, was für immer bedeutungslos, unbedeutend bleiben soll. Nicht wenige Menschen verbrennen vor ihrem Tod ihre Tagebücher, um das Bild zu bewahren, das sie mühsam von sich aufgebaut haben. Die Peinlichkeit der Vergangenheit soll nicht unter die Augen einer neuen Gegenwart kommen.

Darum auch hat die Veräußerung von heimlichem Besitz immer etwas Verzweifeltes, ob es sich um Gedanken, Musik oder Möbel handelt, ob wir sie zu Markte oder auf den Müll tragen. In einer Geschichte von Raymond Carver stellt ein Mann seine gesamte Wohnungseinrichtung auf die Straße, nachdem ihn seine Frau verlassen hat. Ein junges Paar, das vorbeikommt, kauft ihm für eine symbolische Summe das Ehebett und den Fernseher, den Schreibtisch und die Stereoanlage ab. Aber noch lange danach kann sich das Mädchen vom Eindruck der Verzweiflung nicht lösen.

Ähnlich geht es uns, wenn wir den Nachbarn beobachten, wie er Kiste um Kiste zum Müll schleppt, Bilder, Bücher, Stofftiere, Erinnerungskram – da will einer seine Vergangenheit loswerden. Und uns selbst packt die Verzweiflung, wenn wir endlich mal ganz viel wegschmeißen und verkaufen wollen. Denn wer aussortiert, bestimmt auch, was bleibt. So stellt sich jedem, der seine Depots stürmen will, die Frage: Wer bin ich, was ist mein Leben, was meine Zukunft? Unter Umständen bleiben leere Räume unbewohnbar zurück. Dann doch lieber als heimlicher Messie nach außen ein ordentliches, gepflegtes Bild abgeben, sich keine Fragen stellen und munter weitersammeln wie bisher.

Wenn die Museen jetzt ihre Depots öffnen müssten, griffen wir bei aller Solidarität natürlich trotzdem zu. Denn jede Sammlung dokumentiert vor allem die Bemühungen früherer Sammler, und je weiter etwas in die Peripherie rückt, umso wahrscheinlicher kommt es eines Tages als Trash zurück. So wechseln die veräußerten Dinge nur von einem Depot ins andere – wann immer eine Retro-Welle verebbt und wir wieder Kisten in den Keller schaffen. Bereit für die nächste Renaissance einer neuen alten Zeit.