BAUKLÖTZE Aus dem Leeren schöpfen
Die Politiker ringen um die Gestaltung des Landes. Und was machen die Gestalter? Ein Rundgang durch den »Designmai« in Berlin
Mit dem Frühling brach rund um die Wohnung des Reporters in Berlin-Mitte das Design aus. Plötzlich saßen in den Straßencafés am Nebentisch Menschen, die einander beim Wein von der »Stuhlpräsentation« erzählten, die sie eben erlebt hatten. Vor fast jedem zweiten Geschäft rund um den Rosenthaler Platz, vor fast jeder zweiten Galerie hing ein grasgrünes Banner und kündete vom »Designmai«, einer Art stadtweiter Messe für Gestaltungshandwerker und -künstler. Dem Reporter leuchtete das ungeheuer ein. Überall in seinem Viertel sprossen schicke Lädchen und Passagen voll schicker großer und kleiner, grundsätzlich unbezahlbarer Dinge. Eben war in Deutschland die Rezession ausgerufen worden. Da war der Design-Boom nur logisch: Die Menschen wollen ihr letztes Geld in neuen Wohnzimmermöbeln anlegen, in die Verschönerung des heimischen Kokons, in dem sie sich vor der Krise des Gesundheitswesens verkriechen können. Je größer die Ängste, desto größer der Markt für das Gestaltergewerbe, das unserer Nationalpleite einen schönen neuen Anstrich verleiht. Hat einmal jemand ausgerechnet, wie groß der Prozentsatz der deutschen Werktätigen ist, die sich mit nichts anderem beschäftigen als der ständigen Umgestaltung unserer gesellschaftlichen Fassade (oder, wie der Reporter, mit der öffentlichen Diskussion derselben)? Arbeitet eigentlich bei uns noch jemand? Wohnen wir noch, oder spielen wir schon? Wir werden sehen.
In der offiziellen Designmai-Zeitschrift wurde die Veranstaltung ordnungsgemäß eingedonnert. Es galt, Berlin zur Design-Hauptstadt Europas emporzustemmen. Dazu Ulf Poschardt, Buchautor, Medienberater und Gastprofessor an der UdK Berlin, Fachbereich Gestaltung: »Berlin ist die Metropole der Zukunft und wieder einmal werden es die Künste und das Design, Architektur und Literatur sein, die jene Maßstäbe setzen, die Berlin als Motor für Modernität in einer globalisierten Ästhetik etabliert.« Da müssen natürlich alle mitmachen und auch zu Hause die Modernität einer globalisierten Ästhetik etablieren oder wenigstens ein, zwei Motoren. Denn: »Hier können alle groß rauskommen und kein Establishment hemmt Entwicklungen.« Berlin ist eine groovy Sandkiste, und die Kindergärtner sind voll stoned. An die Sandbackförmchen!
Mancher der Teilnehmer war dem revolutionären »Groß rauskommen«-Anspruch des Designmai in diesem ersten Jahr der Veranstaltung vielleicht noch nicht ganz gewachsen, wie jener Design-Store in der Charlottenburger Kantstraße, der zur allgemeinen Überraschung eine Ausstellung internationalen Designs ankündigte. In der Joachimstraße in Mitte entpuppt sich die Ausstellung Neue Ansichten über Storage (also das Verstauen von Dingen) als Arrangement dreier schmaler Regale, in denen man schlichter Blenden wegen das Verstaute nicht mehr sieht; Entwürfe des belgischen Bildhauers Hans de Pelsmakers, die man früher als Schrank ohne Türen bezeichnet hätte und die sicher jenen »Das ist doch mal was anderes!«-Effekt erzeugen, auf den modernistisches Globalisierungsdesign so oft hinausläuft. In einem großen Möbelladen am Fuße des Prenzlauer Bergs sollte der »Magic Matchbox Wettbewerb« laufen, dort liegt aber nur ein Stapel Flugblätter zur Teilnahme am selben aus. Dafür kann man sich in der Dauerausstellung des Geschäfts umtun, einer jener Design-Höllen für Power-Consumer, in der jeder Tisch versucht, nicht wie ein Tisch auszusehen, und die Idee des Louis-Quatorze-Stuhls einmal neckisch in Plexiglas dekonstruiert wird.
Der Reporter fühlt sich behumst. Er verlangt Genugtuung. Die Firma Redesign-Deutschland offeriert einen »Designmai-Spezial-Studiengang Diplom-Design«. Oder ist das gar keine Firma? Ist es eine Agentur? Eine Künstlergruppe? Menschen sitzen in einem Ladenbüro in der Torstraße in Mitte auf weißen Stühlen an weißen Schreibtischen, die alle aus gleich großen Quadraten zusammengeschraubt sind, was sehr streng aussieht. Die Menschen an den weißen Tischen sind assoziiert mit der Regalfirma modocom, die schön hässliche standardisierte Bücherregale verkauft, und mit dem Bauunternehmen Belfas (oder der Künstlergruppe? dem Phantom?), das ein standardisiertes Fassadensystem anbietet, mit dem man zum Beispiel dekonstruktivistische Architektur wieder rekonstruktivieren kann, bis auch ein Museum des architektonischen Grenzgängers Frank Gehry aussieht wie eine Schuhschachtel.
Das verrät ein wenig wahre Widerborstigkeit, Heilung vom Wahn des Teuren und Aparten. Titel der ersten Vorlesung im Redesign-Deutschland-Shop: Die größten Missverständnisse der Designgeschichte. Im Raum versammeln sich an einem Dienstagabend junge Designer, Metropolitaner im klassisch individuellen Outfit. Sie könnten auch junge Schauspieler oder DJs sein, Kreative, die sich in der Kunst des kreativen Power-Dressing üben. Der computerisierte Diavortrag ist staubtrocken und ungefähr so inspiriert wie die Präsentation einer neuen Wellpappe auf einer Papierherstellermesse. Die jungen Designer lauschen aufmerksam und schreiben mit. Es geht um die Design-Leitsätze »Form follows function«, »Less is more« und »Ornament ist Verbrechen«. Die Diplomstudiengangsstudenten notieren sich das Geburtsdatum des Bostoner Architekten Louis Henry Sullivan (es ist der 3. September 1856), der Prototypen von Wolkenkratzern, Geschäftshäusern und Warenhäusern entwickelte und den man zu den bedeutendsten Architekten der Welt zählt. So geht es zu im Metropolen-Sandkasten Berlin: Wenn die Kindergärtner stoned sind, tun die Kinder ganz heimlich wahnsinnig kreuzbrave Dinge und bilden sich. Die Frage, wo die Widerborstigkeit des Unternehmens sich verstecken mag, bleibt ungelöst. Nirgends vielleicht. Rebellisch bricht der Reporter das Studium ab.
Am nächsten Morgen folgt er dem Lockruf der Bürste. Sie stellt das Logo der »Deckadresse« dar, eines Showrooms, vor dem das grüne Banner flattert. Neben der Bürste wacht Anne Kunz, die Freundin von David Hiepler, dem Partner des Architekturfotografenduos »hiepler, brunier,«. An den Wänden Fotografien von Minigolfbahnen, in der Mitte eine Ausstellung von Möbeln des Architekten Marc Hensel, alle ganz weiß, karg und eckig. Ein Beistelltisch auf dünnen Stahlbeinen, die man auseinander schrauben kann, um ihn tiefer zu legen. Schade, dass er wackelt. Ein Wandregal mit Türen im Querformat, für die man große Teile seiner Wohnung räumen müsste, um sie aufschwingen zu können. Ein Bett mit extra breitem Holzkastenrand, an dem man sich die Schienbeine wund hauen kann.
Als Kunstinstallation funktioniert all das vorzüglich und wirkt ganz und gar durchgestaltet und schön. Auch das Nichtfunktionieren der Möbel könnte zum Konzept gehören: Wenn man von zu Hause auszieht, beginnen die Jahre an Bierkisten-Tischen, auf Holzpaletten-Betten. Da wackelt immer alles, und man stößt sich dran. Nicht die Funktionalität entscheidet, sondern die allgemeine Anmutung von Unabhängigkeit. Marc Hensel hat dieses Wackeln ins Durchgestaltete übersetzt: Man stößt sich immer noch daran, es wirkt immer noch improvisiert, aber es ist teuer und apart. Das Gestaltungsgewerbe als Aufstand gegen die Eltern – als wäre Kontrolle über das Aussehen des Seins schon eine Kontrolle des Seins. Die Sätze von »Form follows function« und »Ornament ist Verbrechen« werden hier lustig auf den Kopf gestellt, da die Möbel funktionell aussehen, aber nicht funktionieren. So wird das Funktionale unfreiwillig zum Ornament.
Schwierigkeiten werden umgangen, wobei man fröhliche Haken schlägt
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







