Soziale Gerechtigkeit Mittendrin außen vor

Armut ist schlimm. Noch schlimmer ist das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Eine Reportage aus dem Berliner Wedding

Peter Manasse ist stolz. Früh um halb acht wacht er mit seinem Kumpel Werner Blesing am Flüsschen Panke darüber, dass die Schüler sicher in den Unterricht kommen, ohne Drogen, Überfälle, Raufereien. Scheue und coole Kinder, Kopftuchmütter und Alte mit riesigen Hunden, alle nicken ihm zu, ein Vater flüstert: „Pass doch mal auf, ob meine Tochter wieder schwänzt…“ Manasse ist wer – als „Kiezläufer“, der im Auftrag des „Quartiersmanagements“ in einem der härtesten sozialen Brennpunkte Berlins Ordnung und Nachbarschaft fördern soll.

Für ihre Streifzüge rund um die Soldiner Straße im Wedding haben die Kiezwächter nicht nur eine Art Uniform aus Windjacke und Segler-Jeans selbst erfunden, sondern überhaupt das Berufsbild. „Wir sorgen dafür, dass Müll und Gerümpel von den Straßen verschwinden“, erklärt der 41-jährige Manasse. „Wir helfen jedem. Oder wir sagen Zuwanderern, dass sie die Bäume vor ihren Läden gießen sollen. Wenn das Viertel schöner aussieht, wird es auch für Geschäftsleute wieder lukrativer!“ Über all dies führt der frühere Möbelpacker, tätowiert und mit Hertha-BSC-Kette, penibel Buch. „Ich liebe meinen Job“, sagt er. „Weil ich respektiert werde und etwas bewegen kann.“

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Aber Peter Manasse hat auch Angst. Seine für den zweiten Arbeitsmarkt gebastelte Stelle muss beim Senat jedes Jahr neu beantragt werden. Und so könnte der Kiezläufer bald wieder wie vorher auf Arbeitslosen- und Sozialhilfe angewiesen sein.

Materiell macht das wenig aus; auch jetzt verdient er kaum mehr, mit knapp 1100 Euro netto bei 570 Euro Miete für sich und seine asthmakranke Frau. Die Preise bei Aldi kennt er auswendig, kulturell ist gar nichts drin. „Das Aquarium haben wir verkauft, wir erlauben uns nur eine Katze und mal Lotto.“ Gewiss, sagt er, manchmal fühle er schon „so was wie Neid“. Doch schlimmer sei es, wenn man „als angeblicher Sozialschmarotzer auf dem Amt wie ein Stück alter Kuchen behandelt wird. Dabei würde man gern gebraucht.“

Nutzlos und mittendrin außen vor zu sein: Dieser Demütigung begegnen die Kiezläufer bei den Bewohnern ihres Quartiers jeden Tag. Und nicht nur sie fürchten, dass mit der Summe aus Berliner Sparpolitik, Kürzung der Arbeitslosenhilfe und politisch gefördertem Verdrängungswettbewerb um knappe Arbeit sie selbst und die noch Ärmeren durchfallen könnten. Auch der SPD-Bezirksstadtrat für Soziales Christian Hanke sorgt sich. Zwar wirbt er für Schröders Agenda 2010, weil er auf ihre Arbeitsplatzwirkung hofft. Doch wenn Jobs für chancenreichere „Arbeitsmarktnahe“ reserviert bleiben, „dann weiß ich nicht, was für die Ungelernten, die Jungen ohne Berufserfahrung, die Alleinerziehenden oder die Älteren über 40 bleibt“.

Äußerlich wirkt der Wedding zwar in seiner Melange aus Grün und Gewerbe, Gründerzeit-Mietskasernen und Völkermischung lebendig. Doch in den Neunzigern hat das traditionelle Arbeiterviertel mit der Schließung großer Firmen wie AEG und Osram erst einen gut Teil seiner Beschäftigung verloren, dann viele bürgerliche Familien, die ihre Kinder wegen des hohen Ausländeranteils lieber im Speckgürtel zur Schule schicken. Noch tiefer zog der Sog der Wirtschaftskrise ganz Berlins, wo die Armutsquote auf 15,6 Prozent angestiegen ist; allein in den letzten drei Jahren um 2,1 Prozent. So sind heute im Wedding 23,4 Prozent der Bewohner arbeitslos, 12,8 Prozent beziehen Sozialhilfe. Und im Soldiner Kiez konzentrieren sich die Armutsrisiken besonders dicht.

Manasse und Blesing lieben ihn trotzdem. Die Trinker an der Panke: „Die wollen doch arbeiten. Wenn sie zu lange nichts finden, haben sie nur nicht mehr die Kraft.“ Die türkischen und arabischen Händler: „Die schaffen wenigstens Jobs und Lehrstellen.“ Das Soldiner Eck: „Hier wird um die Wahrheit nicht herumgeredet.“ Erste Gäste kippen dort unter Girlanden Sangrita, und eine Wahrheit lautet, dass die zierliche Wirtin in drei Monaten vier Raubüberfälle erlebt hat, dabei sei ohnehin kaum noch was in der Kasse.

Vor der Döner-Bude seines Vaters sitzt ein junger Türke. Er schaut herüber und sagt nur ein Wort: „Langeweile.“ Weil den Kunden das Geld ausgeht, schafft es die Familie ohne Sozialhilfe nur noch so eben. Auch seinen Freunden fehle jede Perspektive, sagt der 25-Jährige, „deshalb rauchen sie sich mit Drogen die Birne fett“. Was er versteht: „Unsere Eltern konnten noch was zur Seite legen. Aber wir kommen nur mit ihrer Hilfe über die Runden.“ Seinen Namen will er ebenso wenig sagen wie sein Freund, der Libanese: „Ihr Reporter macht nur unsere Straße schlecht.“ Wenn die Zeitungen über Jugendgangs, Schießereien und Parallelgesellschaften in der „Verbotenen Stadt“ berichten, dann erleben diese Jungs das als Angriff, als weitere Bestätigung ihres Ausgeschlossenseins.

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