Soziale Gerechtigkeit Schattenboxen im leeren Ring
Mehr Freiheit? Oder mehr Gleichheit? Philosophen streiten über Gerechtigkeit
Es gab eine kurze und glückliche Zeit, da war das Selbstbewusstsein der nordatlantischen Welt durch nichts zu erschüttern, höchstens durch einen Angriff vom Mars. Mit einer ausgeklügelten Mischung aus Kapitalismus, Demokratie und Sozialstaat hatte der Westen ein Maß an sozialer Gerechtigkeit verwirklicht, das es nie zuvor in der Geschichte der Menschheit gegeben hatte. Aus dieser Zeit stammen viele Gerechtigkeitstheorien, die felsenfest an eines glaubten: dass es auch in Zukunft Wachstum gibt, viel Arbeit und Kinder sowieso.
Lang liegen die Stunden des Triumphes zurück. Heute kämpfen viele reiche Länder mit dem Verschwinden der Arbeit und mit sozialen Verwerfungen, die Soziologen für undenkbar hielten. Vor aller Augen kehrt Armut in die Metropolen zurück, und es wächst das, was Politiker verschämt als „soziale Disparität“ bezeichnen: Die Reichen werden reicher, während mittlere Einkommen stagnieren und viele Arme ärmer werden.
Beispiel Amerika. Zu Recht ist das Land stolz auf sein Wachstum, doch trotz der „Goldenen Neunziger“ gibt es in den Vereinigten Staaten mehr Armut als in jeder anderen großen Industrienation. Die Steuerpolitik der vergangenen 25 Jahre, so schreibt der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Paul Krugman, habe dafür gesorgt, dass der stark wachsende Wohlstand der Reichen an den anderen Schichten nahezu spurlos vorübergegangen sei.
Tatsächlich sind die Einkommensunterschiede in den USA wieder so groß wie in den zwanziger Jahren. Die reichsten 13000 Familien verfügen über fast genauso viel Geld wie die 20 Millionen ärmsten. Während das Nettoeinkommen des obersten Prozents der Bestverdienenden seit 1980 um 157 Prozent stieg, wuchs das durchschnittliche Familieneinkommen um gerade 0,5 Prozent. Die Chefs der größten Konzerne erhalten ein durchschnittliches Jahresgehalt von 37,5 Millionen Dollar. Wenn sich diese Entwicklung fortsetze, meint Krugman, sei Amerikas Irrweg in die Plutokratie nicht mehr aufzuhalten (ZEIT Nr. 46/02).
Beispiel Bundesrepublik, immerhin laut Weltbank das neuntreichste Land der Erde. Auch hier nehmen die Ungleichheiten wieder zu zwar nur leicht, aber doch kontinuierlich. Das reichste Fünftel der Gesellschaft verfügt über fast 37 Prozent der Einkommen. Knapp zehn Prozent der Bevölkerung leben in so genannter Einkommensarmut, davon sind 2,7 Millionen Sozialhilfeempfänger. Bedrohliche Entwicklungen gibt es, trotz stark gestiegener Transferleistungen, im Bereich von Familien, und zwar bis weit in die Mittelschicht. Unter den Heranwachsenden leben 17 Prozent in finanziell unsicheren Verhältnissen. Was Deutschland deutlich von vergleichbaren Ländern unterscheidet, ist die Bildungsungleichheit und der Einfluss sozialer Faktoren auf den Werdegang. Niemand, von den Wohlstandsflegeln der Generation Golf einmal abgesehen, wird behaupten, Deutschland ersticke unter einer Kuscheldecke übertriebener Gleichheit.
Man könnte so fortfahren – und dürfte doch nicht vergessen, dass „Einkommensarmut“ eine relative Größe ist: Einkommensarm ist ein Haushalt, der über weniger als 1200 Euro brutto im Monat verfügt, das heißt über weniger als die Hälfte eines Durchschnittseinkommens. Und mögen die wachsenden Einkommensunterschiede auch zutiefst beunruhigend sein, so fragt sich doch, ob sie im strengen Sinne des Wortes eines sind: nämlich ungerecht. Die knapp vier Millionen Euro Jahresgehalt, die ein Vorstandsmitglied bei DaimlerChrysler durchschnittlich verdient, offenbaren zwar den moralischen Zustand der prosperierenden Klasse – aber in welchem Sinn sind sie ungerecht? Ist nicht Ungleichheit die Bedingung für ein Wachstum, das am Ende allen zugute kommt? Und erschöpft sich Gerechtigkeit wirklich in Verteilungsgerechtigkeit?
Bei so viel Verwirrung über das, was „gerecht“ und was „ungerecht“ ist, erhoffen sich manche neue Orientierung von einem alten, unendlich einflussreichen Werk: von der Gerechtigkeitsphilosophie des im vergangenen Jahr verstorbenen Philosophen John Rawls. In seiner 1971 geschriebenen Abhandlung Eine Theorie der Gerechtigkeit hatte Rawls bekanntlich folgendes Gedankenexperiment vorgeschlagen: Angenommen, eine Gruppe von Menschen könne noch einmal ganz von vorn anfangen und sich gemeinsam die Prinzipien einer gerechten Gesellschaft ausdenken – also ohne zu wissen, ob der Einzelne später als Konzernchef oder Tellerwäscher, Glücksritter oder Pechvogel seinen Platz in der Gesellschaft finden wird. Auf welche idealen Gerechtigkeitsgrundsätze könnte sich die Gruppe im „Urzustand“ wohl verständigen?
Rawls war überzeugt, hinter dem „Schleier des Nichtswissens“ würden sich alle Beteiligten auf eine Gesellschaft einigen, in der jeder, ob reich oder arm, eine faire Chance besitzt, seine Begabung und seine Interessen zu verwirklichen. Diese wohl geordnete Gesellschaft wird die Grundgüter – berufliche Stellung und Vorrechte, Einkommen und Besitz – gerecht verteilen und Ungleichverteilung nur dann als legitim erachten, wenn der Schlechtestgestellte daraus einen Vorteil bezieht. Der Einkommensunterschied zwischen einem Pförtner und einem Manager wäre also nur dann gerecht, wenn die ungleiche Entlohnung den Pförtner besser stellt. Die bessere Bezahlung ist für den Manager ein Anreiz, und so haben am Ende alle mehr Geld zur Verfügung, als es der Fall wäre, wenn alle gleich entlohnt würden.
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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