IRAK Die Geheimdienstfalle
Amerika sucht Saddam Husseins Waffenarsenal und findet wenig. Hat das US-Verteidigungsministerium die Welt getäuscht?
Mitte Mai könnte die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak eine neue Wendung genommen haben. Bei Mossul fanden amerikanische Soldaten zwei verdächtige Lastwagenanhänger. Seither haben amerikanische Experten die Geräte in den Trailern analysiert und Theorien über die Verwendung diskutiert. Inzwischen sind sich die Fachleute, zivile wie militärische, sicher: Es handele sich, sagen sie, um zwei der achtzehn mobilen Biowaffenlabore, von denen US-Außenminister Colin Powell der Welt vor dem Krieg berichtet hatte.
Dieser Fund löste in Washington Erleichterung aus. Denn die Glaubwürdigkeit der Regierung Bush hängt davon ab, dass Saddam Husseins Terrorarsenal keine amerikanische Erfindung war. Zwar können die Experten bisher nicht nachweisen, dass in den Lastwagen tatsächlich Biokampfstoffe produziert worden sind. Jedoch, so ihr Urteil: die Anordnung der Geräte lasse keinen anderen Schluss zu.
Trotz dieses Fundes ist die Suche nach ABC-Waffen bislang ein Debakel gewesen. Zwar zweifelten auch die Vereinten Nationen nie daran, dass es in den neunziger Jahren ein irakisches Waffenprogramm gab. Ihre Schätzungen waren jedoch etwas bescheidener als die der US-Regierung. Und doch beängstigend genug: 80 Tonnen Senfgas, 10 Tonnen Antrax, tausende Liter VX-Gas und Tabun stehen unter anderem auf der Liste der Agenzien, deren Vernichtung das irakische Regime nie nachgewiesen hat. Wo ist das alles geblieben? Vernichtet, wie Saddam Husseins Regierung behauptete?
Die Washington Post hat in den vergangenen Wochen die 75. Exploitation Task Force, den amerikanischen ABC-Spürtrupp, begleitet. Deren Kommandant spricht inzwischen von einer „surrealen“ Situation. Wochenlang haben die Suchtrupps von Colonel Richard McPhee den Irak vergeblich nach geheimen Waffennestern durchkämmt. Etwa 3000 mögliche Verstecke könnte es allein für chemische und biologische Waffen geben, schätzen westliche Geheimdienste. 600 Orte mit potenziellen ABC-Depots hat das US-Verteidigungsministerium auf eine Liste gesetzt. Vor gut zwei Wochen meldete der Unterstaatssekretär für Nachrichtenwesen im Pentagon, Stephen Cambone, 70 von diesen 600 Objekten seien durchsucht worden. Das mag so klingen, als sei erst ein Anfang gemacht. Aber die Soldaten im Irak scheinen mit ihrer Geduld am Ende. „Meine Einheit hat keine chemischen Waffen gefunden, soviel steht fest“, sagt McPhee. Sein Stellvertreter, Captain Tom Baird, geht noch weiter: „Ich glaube nicht, dass wir etwas finden werden.“
Was als Frustration der Soldaten begann, hat sich inzwischen sogar im amerikanischen Kongress verbreitet. In der vergangenen Woche beauftragte der Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses den CIA-Chef, zu prüfen, wie die offenbar fehlerhafte Zielliste entstehen konnte. Vier CIA-Pensionäre sollen bisherige Erkenntnisse und frühere Behauptungen miteinander vergleichen. Die Untersuchung, heißt es, gehe auf eine Anregung Donald Rumsfelds zurück, was einigermaßen amüsant ist. Denn der Verteidigungsminister gilt allgemein als Urheber der Malaise.
Wettlauf der Spione
In der jüngsten Ausgabe des Magazins New Yorker beschreibt der investigative Reporter Seymour Hersh, wie das Pentagon aus Unzufriedenheit über die CIA und andere Traditionsspione seine eigene kleine Abteilung für Geheimdienst-Analysen, das Office of Special Plans, gründete, mit glühenden Kriegsbefürwortern besetzte und dann kleine Indizien zu harten Beweisen wachsen ließ. „Das war keine nachrichtendienstliche Information“, sagt Patrick Lang, ehemaliger Nahost-Chef des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency, „das war politische Propaganda.“ So entstand offenbar der Druck auf CIA & Co., gleichzuziehen und das eigene Material ähnlich aggressiv zu interpretieren. Sogar Präsident Bush verbreitete offenkundig gefälschte und im Kreis der etablierten Agenten kritisch beäugte Informationen über einen irakischen Uran-Kauf im Niger.
Major Kenneth Deal, Kommandant des Suchteams 3 im Irak, fasst seine bisherige Mission folgendermaßen zusammen: „Wir gehen hin, wir wissen nicht, was wir suchen – und wir finden es nicht.“ Bis zur Entdeckung der Biowagen hatten die Meldungen über „verdächtige Funde“ bestenfalls humoristischen Wert.
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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