Wie viele Tote braucht Afrika, ehe die Welt aufmerksam wird?" Der deutsche Diplomat in Burundi beantwortete seine Frage gleich selbst: "500 plus… Das ist mein Erfahrungswert."

Dem UN-Sicherheitsrat, werden Zyniker hinzufügen, reicht diese Zahl offenbar nicht. Nach dem jüngsten Massaker im Ostkongo, bei dem 966 Menschen ermordet wurden, rafften sich die Herren in New York zwar auf, "alle Optionen" zu prüfen, aber auf eine schnelle Verstärkung der Friedensmission, die sie seit Herbst 1999 in das Krisengebiet entsandt hatten, konnten sie sich zunächst nicht einigen. Sie hatten in diesen Tagen wichtigere Dinge zu entscheiden. Man sei für die Probleme Afrikas blind, weil man nur auf den Irak schaue, klagte Sergio Vieira de Mello, der UN-Hochkommissar für Menschenrechte – und neue Irak-Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen.

Afrikas Probleme: Im Zentrum des Kontinents tobt seit viereinhalb Jahren ein Krieg, dem mindestens zwei Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind; nach anderen Schätzungen sind es mehr als doppelt so viele. Das große Schweigen hat wohl auch mit der Natur dieses Konflikts zu tun: Er ist zu kompliziert, zu unübersichtlich geworden, und je genauer man ihn untersucht, desto schwerer fällt es, Lösungen zu finden.

Um die Ursachen des Kongo-Krieges zu verstehen, muss man ins Jahr 1994 zurückgehen, zum Völkermord in Ruanda, bei dem 800000 Menschen umgebracht wurden, ohne dass die Völkerfamilie einen Finger gerührt hätte. Die Massenflucht der génocidaires und Hunderttausender ihrer Handlanger und Mitläufer hinüber in das damalige Zaire destabilisierte die Kivu-Provinzen an der Grenze und führte (grob vereinfacht) drei Jahre später zum Sturz des Despoten Mobutu Sese Seko. Rebellenchef Laurent Kabila, der neue Präsident, war bei seinem Siegeszug von Ruanda und Uganda militärisch unterstützt worden. Als die Alliierten erkannten, dass er nur ein Wiedergänger Mobutus war, wandten sie sich von 1998 an gegen ihn. Kabila wiederum suchte sich neue Waffenbrüder – Simbabwe, Angola, Namibia –, und am Ende waren fast alle Nachbarstaaten in den Krieg verwickelt. Madeleine Albright, die ehemalige US-Außenministerin, sprach damals vom "ersten afrikanischen Weltkrieg".

In Wirklichkeit ist die Lage noch viel verworrener, aber wer will das auf der Nordhalbkugel schon so genau wissen? Laurent Kabila wurde im Januar 2001 ermordet, sein Sohn Joseph übernahm wie in einer Erbdynastie die Macht, das Blutvergießen ging weiter. Den Staat Zaire, der unterdessen wieder Kongo heißt, gibt es nur noch auf dem Papier, die Menschenrechte, das Völkerrecht oder die Genfer Konvention existieren hier nicht mehr. Vielerorts herrscht nackte Anarchie. Militärhistoriker vergleichen die Zustände mit der Lage Mitteleuropas im Dreißigährigen Krieg. Weite Teile des Landes werden von Chaosmächten "regiert", von ausländischen Invasionstruppen und einheimischen Rebellen, die wechselnde Koalitionen bilden. Dazwischen wüten Kriegsfürsten und Stammesmilizen, versprengte Völkermörder und gemeine Räuberhorden, Söldner und zahllose Kindersoldaten, verarmte, verhetzte, brutalisierte kleine Killermaschinen.

Massaker und Kannibalismus

Der Terror gegen die Zivilbevölkerung sei unvorstellbar, sagen humanitäre Nothelfer, die unter Einsatz ihres Lebens in den Kampfzonen arbeiten. Der Distrikt Ituri am Albertsee, Schauplatz der schlimmsten Mordorgien seit Kriegsbeginn, habe sich in eine Hölle verwandelt. Markus Sack, Projektleiter der Deutschen Welthungerhilfe, berichtet von Milizen, die das Hospital der Bezirkshauptstadt Bunia stürmten und die Kranken in ihren Betten abschlachteten. In den Straßen lagen Leichen mit zertrümmerten Schädeln und durchschnittenen Kehlen, Opfern, die überlebt hatten, wurden die Hände abgehackt. Es kommt immer wieder zu Massenvergewaltigungen, sogar von kannibalistischen Exzessen ist die Rede.

Mitten in diese Barbarei hat sich ein Häuflein von Blauhelmen und Beobachtern verirrt. Sie gehören zur Monuc-Mission der Vereinten Nationen und sollen den "Friedensprozess" im Kongo überwachen. Denn die ausländischen Besatzer sind offiziell abgezogen, nachdem sie voriges Jahr in Pretoria mit der Regierung Kabila und den Rebellen ein endgültiges Friedensabkommen ausgehandelt hatten – ein diplomatischer Coup des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki.