Lebenshilfe (34) Bahn-Blues
Harald Martenstein erinnert die Tarifreform ans Ende der DDR
Vor einigen Wochen saß ich im Zug, mit so einem Relativ-Billig-Ticket, das man sich lange im Voraus kaufen muss. Ich saß aber nicht in dem Zug, der zu dem Relativ-Billig-Ticket passte. Es war ein Zug von Leipzig nach Berlin.
Der Hauptbahnhof von Leipzig ist mit großem Aufwand renoviert worden. »Mit großem Aufwand« ist keine schöne Formulierung, klar, aber »aufwändig« zu schreiben, schaffe ich einfach nicht, das »ä« sieht zu hässlich aus, und »aufwendig«, was schön aussieht, kriegt man nicht mehr durch die Korrekturabteilung.
Es wird nämlich alles überall immer härter.
Mitten im blank polierten Leipziger Hauptbahnhof befindet sich eine leicht abgefuckte Bierkneipe. Dort stellte ich mich an den Tresen. Neben mir stand ein angetrunkener Herr, der ins Gespräch kommen wollte. »Erkennen Sie mich?«, fragte er. »Nein«, sagte ich. Es war ein ehemaliger Staatssekretär. Aus den siebziger Jahren, glaube ich. Als er sich vorstellte, erinnerte ich mich dunkel an ihn. Er arbeitete in einer anderen Stadt, einer eher kleinen, in einer mittleren Führungsposition. Dort kenne ihn jeder, sagte der Staatssekretär. Wenn er sich in Ruhe betrinken wolle, und zwar unter Leuten, nehme er immer den Zug nach Leipzig, weil das günstig liegt.
Ich dachte: Mittlere Führungsposition in einer eher kleinen Stadt, das klingt wirklich furchtbar. Der Staatssekretär erzählte von seinem früheren Chef, dem es auch nicht so gut geht. Man könne sich, falls ich Lust dazu hätte, auch mal zu dritt betrinken. Vielleicht mache ich das.
Wegen des Staatssekretärs verpasste ich meinen Billig-Ticket-Zug. Der Kontrolleur sagte: »Ihr Fahrschein gilt hier nicht. Bitte versuchen Sie, das nächste Mal den richtigen Anschluss zu nehmen. Sehen Sie, da auf der Rückseite steht, was Sie beachten müssen.« Keine Nachzahlung. Keine Strafe. Nicht einmal eine Strafpredigt. Er nahm es einfach hin und sah zu, dass er schnell weiterkam. Dieser Mann war monatelang von wütenden Bahnkunden beschimpft worden, jetzt hatte er genug davon. In dem Moment wusste ich, dass die Bahn-Tarifreform gescheitert war, am Widerstand des Volkes. Es war ähnlich wie am Ende der DDR, als offiziell noch die DDR-Gesetze galten und das DDR-Geld, aber jeder wusste, dass es vorbei ist und der Staat nur noch ein Spiel. Viele Ostdeutsche sagen: Es war eine schöne Zeit. Anarchie. Melancholie. Illusionen. Das Alte tot, das Neue noch nicht geboren, und jeder malt sich seine Zukunft, wie er will.
Deswegen fahre ich zurzeit unheimlich gern mit der Bahn. Es ist das gleiche Endzeitgefühl. Eine Art Traum. Die Züge sind halb leer. Die Kontrolleure sind unsicher und aus Angst übertrieben höflich. Wenn die Deutsche Bahn ein Lied wäre, dann wäre sie ein Blues.
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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