Geburtstag Strubbelkopf im Wunderland

Musik, so vertrackt, gehetzt, tragikomisch und bunt wie sein Leben: Zum 80. Geburtstag des Komponisten György Ligeti

Ob er zum runden Geburtstag wieder einen von seinen bunten Strickpullis anzieht? Die trägt er gern. Seit Jahrzehnten sieht man ihn darin, bei Vorträgen und Proben, auf Plattencovern und manchmal sogar bei Preisverleihungen. Kleinteilig gemustert sind sie in grellbunten Zickzacklinien und Rechteckrastern, die aus der Ferne zu einer flimmernden Farbfläche verschwimmen. Typisch Ligeti. Wahrscheinlich hat er die Pullovermuster als Klänge wahrgenommen, als er zum ersten Mal im Laden vor ihnen stand. Ligeti ist nämlich Synästhetiker. In seinem Kopf verwandeln sich Bilder, Formen und Farben unwillkürlich in Rhythmen und Töne. Auch zu Labyrinthen, Spinnennetzen oder geometrischen Körpern assoziiert sein Gehirn Musik. Selbst für undurchschaubarste musikalische Formverläufe hat er eine treffende Bildvorstellung parat. Das Gewusel in seinem Stück zum Beispiel beschreibt er als „Lianen, die in rotierende Räderwerke hineinwachsen“. Deshalb zeigt sich wohl auch in der Wahl der Oberbekleidung etwas von seiner Musikalität. Vielleicht würde so ein serielles Pulloverstrickmuster, in Noten übersetzt, sogar als Strukturschicht für eine seiner Kompositionen taugen. Freilich nur für eine Schicht von vielen, denn Ligetis Stücke sind kompliziert.

Nicht nur der Pullover fällt auf an der äußeren Erscheinung von György Ligeti, dem Jahrhundertkomponisten, der am 28. Mai seinen 80. Geburtstag feiert. Da ist zum Beispiel der Haarschopf: Ergäbe der nicht auch eine spannende Partiturseite? Diese Sturmfrisur mit den eigenwilligen Wirbeln und widerborstigen Strubbeln, die sich jetzt, im hohen Alter, merklich glättet? Ihre Nicht-Ordnung, so könnte man im Analyse- Jargon der Neuen Musik formulieren, ist Ausdruck einer höheren, kaum zu enträtselnden Ordnung – wie der in Ligetis Musik. Bei seinen öffentlichen Auftritten hat ihm die Sturmfrisur das Aussehen eines zerstreuten Professors gegeben, obwohl seine brillante Art zu reden alles andere als wirrköpfig ist.

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Die Haare stehen György Ligeti zu Berge, weil er immer zwei Finger in der Steckdose hat, wenn er über Musik spricht. Er ist ein Energiebündel, ein Blitzdenker, ein Ideenirrwisch, unermüdlich in seiner Lust am Entdecken, Reflektieren und Diskutieren. Nach seiner abenteuerlichen Flucht aus Ungarn reiste er Anfang 1957 nach Köln, wo ihn Karlheinz Stockhausen vorübergehend aufnahm. Dort, so steht es in einem Stockhausen-Buch von Karl Wörner, sei Ligeti unmittelbar nach seiner Ankunft erschöpft zusammengebrochen und in einen 24-stündigen Schlaf gesunken. Sofort nach dem Aufwachen habe er, ohne etwas zu essen, eine mehrstündige Debatte über Neue Musik angezettelt, um anschließend gleich noch einmal 24 Stunden zu schlafen.

Ligetis Vorträge und Werkeinführungen haben skurril animierende Züge wie bei einem Physiklehrer, der sich den Spaß macht, kurios verknotete Experimente aufzubauen, um die Zusammenhänge anschließend verblüffend plausibel zu erklären. Mit großen, staunenden Augen blickt er beim Sprechen in die Runde und malt fuchtelnd Zeichen in die Luft. Seine Lippen umspielt dabei nicht selten ein Zug ins Spitzbübische. Als habe er gerade der Welt und ihren Naturgesetzen ein Schnippchen geschlagen.

Die Klavieretüden beispielsweise, denen er sich in den letzten 20 Jahren so intensiv gewidmet hat, sind voll von Paradoxien, Doppeldeutigkeiten, scheinbaren Unmöglichkeiten. Irrlaufende polymetrische Zahnräder greifen ineinander, verquere Akzente suggerieren die Gleichzeitigkeit verschiedener Spielgeschwindigkeiten. Wie in den perspektivischen Täuschungen des holländischen Zeichners Maurits Escher entstehen illusionäre Motiv- und Rhythmusraster. Die Etüde Nr.1 (Désordre) kippelt molto vivace in sinnverwirrend irregulären Rhythmen. Nr.7 (Galam borong) versteigt sich klöppelnd in ein Nonsens-Balinesisch. Und die dahinrasende Teufelstreppe (Nr.13: L’ escalier du diable) ist eine wahre Virtuosen-Horror-Piece.

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