Geburtstag Strubbelkopf im WunderlandSeite 4/4

In Budapest, wo er bei Sándor Veress und Ferenc Farkas studiert und ab 1950 an der Musikhochschule auch unterrichtet hat, leidet er unter den kafkaesken Verhältnissen im Staatssozialismus. Er genießt Künstlerprivilegien, aber die Stücke, die er schreibt, werden meist nach einer einzigen Aufführung von der Zensur kassiert: „Wir waren verboten und gehörten zugleich zur Elite, eine total perverse Situation.“ Westliche zeitgenössische Musik, für die er sich brennend interessiert, hört er im Radio nur überlagert von Störsignalen, bruchstückhaft, „manchmal nur Piccoloflöte und Xylophon“, der Rest verschwimmt im Äther. In ein altes Grammofon baut er sich den Stachel einer Akazie ein, um leise, in schwankender Geschwindigkeit, Strawinskys Sinfonie in drei Sätzen hören zu können.

Man glaubt, durch diese bizarren Szenen hindurch immer auch den Klang von Ligetis eigener Musik zu vernehmen: die Doppelbödigkeit, die Zuspitzungen, die beschädigte Mechanik, das Schmutzige, „Nicht-Puristische“, wie er es selbst bezeichnet. Die frühe Außenseiterexistenz und die paradoxe Erfahrung vom Fremdsein im Eigenen haben Ligeti für sein ganzes Leben geprägt. Als ein „in Siebenbürgen geborener Ungar jüdischer Herkunft mit rumänischer Staatsbürgerschaft, später mit ungarischer, noch später mit österreichischer“, der in Hamburg Kompositionsprofessor wurde, ist er Kosmopolit geworden, dessen Heimat man in den beiden Atlanten, die er immer neben seinem Bett stehen hat, nicht finden wird. Sie liegt wahrscheinlich irgendwo hinter Kylviria, dem Fantasieland seiner Kindheit – im Kopf des Komponisten. Verwirrend reich, wundersam und widersinnig, tragisch und komisch zugleich geht es in dieser Welt zu. Und György Ligeti führt uns mitten in sie hinein, wenn er an seinem Schreibtisch Platz nimmt und mit dem Komponieren beginnt: „Ich muss erst einen Bleistift spitzen“, sagt er, „das ist so, wie eine Pfeife oder Zigarette zu rauchen, was ich nicht tue. Ich liebe den Duft eines gespitzten Faber-Castell-Bleistifts von guter Qualität.“

„Der Kaninchenbau führte anfangs wie ein Tunnel geradeaus, senkte sich dann aber so plötzlich in die Tiefe, dass Alice keinen Halt mehr fand und in einen senkrechten Schacht fiel“, heißt es in Alice in Wonderland. „Abwärts, abwärts, abwärts. Hörte das denn überhaupt nicht mehr auf?“

 
Service