In der Praxis von Monika Vask herrscht Hektik. Patienten warten, Telefone klingeln ohne Gnade. "Nur einen Augenblick", entschuldigend hebt die Hausärztin die Hände, den Hörer zwischen Kopf und Schulter eingeklemmt. Sie wühlt in Laborergebnissen, raschelt durch Akten, traktiert den Computer. Eigentlich ist ihr alles ein bisschen zu viel.

Die Praxis liegt am Rande von Tartu, Estlands zweitgrößter Stadt, in einer riesigen Plattenbausiedlung, durch die in den langen Wintern ein eisiger Wind pfeift. Tristesse mit Sowjetflair, im Jahre elf nach der Unabhängigkeit. Gewiss: Europa kommt, die Wirtschaft wächst stetig und beträchtlich. Vor allem in den schmucken Zentren sind Zeichen von Prosperität zu entdecken – schicke Geschäfte, feine Lokale, auch mal ein futuristischer Büroturm. Gleichwohl ist der Weg zu westlichem Wohlleben für viele noch weit.

Doch nun will die nördlichste der drei baltischen Republiken hoch hinaus, mit einem Griff in den eigenen Genpool sucht man einen Weg ins große Pharmageschäft. Hausärztin Vask ist Teil des ehrgeizigen Plans, eine Pionierin. Ihre Praxis ist eine der ersten, die Genproben nimmt. Wann immer es ihre Zeit zulässt, beugt sie sich mit Patienten über einen ellenlangen Fragebogen, der, über drei Generationen hinweg, wirklich alles über Lebensweisen und den physischen wie psychischen Werdegang wissen will, und zapft ihnen sechs Röhrchen Blut ab. So legt sie den Grundstein für eine gewaltige Datenbank, die bis 2007 die Gen- und Gesundheitsdaten von einer Million Esten speichern soll.

Hoffnung auf das Gengeschäft

Es gilt als schick, beim großen Genzapfen dabei zu sein. Manche Patienten drängeln geradezu. Vor allem die jüngeren sind oftmals begierig, den eigenen biologischen Bauplan abzuliefern. Eesti Geenivaramu, die nationale Genbank-Stiftung, hat per Zeitung, Radio und TV tüchtig Volkserziehung betrieben. Die Verheißungen sind enorm. In Zukunft, sagen die Initiatoren, würden Genspender in den Genuss besserer Medikamente kommen, individuell maßgeschneidert für das eigene Erbgut. Die gewaltige Genbank werde eine Attraktion für internationale Forscher und Pharmafirmen sein und so der Nukleus eines großen wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Optimisten schwärmen – mit Blick auf das High-Tech-Wunder beim reichen Nachbarn Finnland – von "Estlands Nokia".

Da wird die DNS-Spende zur patriotischen Pflicht. Nur dass Frau Vask für ihre 2400 Patienten schon jetzt kaum Zeit hat. Ein einziger Genfragebogen raubt ihr bis zu eineinhalb Stunden, in den ersten drei Monaten lieferte sie gerade fünfmal Beute ab. "Wenn ich von allen Patienten Genproben nehme", seufzt die gestresste Ärztin, "kann ich meine normale Arbeit einstellen."

"A little bottleneck – nur ein kleiner Engpass", beschwichtigt Kalev Kask, 38, ein smarter Biologe, in kalifornisch gefärbtem Englisch. Der Este hat an der Stanford University und bei Genentech gearbeitet, einem Flaggschiff der Bio-Tech-Branche. Bis ihn liebe Landsleute rekrutierten, an einem langen, fröhlichen Abend, wo dicke estnische Suppe und viel Wodka geschlürft wurden. Nun pendelt Kask unentwegt zwischen Tartu und San Francisco, als Chef von EGeen, dem kommerziellen Arm des Datenbankprojekts. Er redet wie ein Investorenprospekt, bildet kurze, prägnante Sätze um Lockwörter wie vision , product und return. "Das ist die richtige Sache zur richtigen Zeit", sagt er voller Zuversicht. Die erste Finanzierungsrunde sei abgeschlossen, die Technologie "cutting egde" und die "key people in place".

Ein guter Verkäufer. Aber Kapital ist knapp, die Genmedizin nicht von Erfolgsmeldungen verwöhnt. Gerade große Gendatenbanken sind im Moment wenig gefragt, sie versprechen allenfalls langfristig Profit. In Europa haben sich die Esten vergeblich die Hacken abgelaufen. Immerhin: Kask konnte zwei kleinere Deals auftun. Mit ein paar hundert Patienten soll die Wirkung von Antidepressiva, die schon auf dem Markt sind, auf genetische Ursachen geprüft werden.