genpatente Mein Gen, dein Gen

Kaum ist das Sars-Virus identifiziert, schon gibt es Streit um die Patentrechte an dem Erreger

Um einen Killer zu basteln, braucht die Natur nicht viel. Gerade mal 29727 Genbausteine, weit weniger als ein Hunderttausendstel der menschlichen Erbgutmenge, genügten für die Konstruktion des Sars-Erregers – ein Virus, das in wenigen Wochen rund 800 Menschen tötete. Noch schneller allerdings ist das Virus von Rechercheteams in China, Europa, Kanada und den Vereinigten Staaten enttarnt, seine Genkomposition durchleuchtet und in Datenbanken abgespeichert worden. Ein schneller Triumph der Bio-Forschung, dem nun juristische Rangeleien folgen.

Gleich nach dem vorläufigen Sieg der Forscherallianz machten sich Anwälte ans Werk, und nun herrscht der Zwist unter den einst verbündeten Wissenschaftlern: Wem gehört das neu entdeckte Corona-Virus, wem stehen die Verwertungsrechte für sein Erbgut zu? Mindestens drei der Sequenzierteams beanspruchen das geistige Eigentum an der tödlichen Geninformation – ihre Institutionen, die University of Hong Kong, die British Columbia Cancer Agency im kanadischen Vancouver und die US-Centers for Disease Control (CDC) in Atlanta, haben bereits Patentanträge bei den Behörden eingereicht.

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Obgleich diesmal staatliche Institutionen nach den Genen greifen, argwöhnen manche Forscher, man wolle Profit aus der globalen Plage schlagen. Das streiten die Kanadier und auch die CDC-Anwälte indessen vehement ab. Im Gegenteil: Es handle sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme, um sicherzustellen, dass künftig niemand den Zugang zu den Gendaten blockieren könne. „Wir wollen, dass das Virus offen zugänglich bleibt“, erklärte die CDC-Chefin Julie Gerberding.

Die Sars-Patente befeuern vor allem den Grundsatzstreit um die Frage, ob Gene überhaupt patentiert werden sollen. Zwar lassen sowohl das US-Patentrecht wie auch die Europäische Biopatentrichtlinie die Patentierung von Erbinformationen zu. Doch viele Experten, selbst solche in der Pharmaindustrie, halten das inzwischen für Unsinn. In Zeiten, wo Gene routinemäßig von automatisierten Labors gelesen werden, könnten reine Erbinformationen nicht länger als schützenswerte Erfindung gelten. Andernfalls, höhnte der Biotechnologie-Kritiker Jeremy Rifkin, müsse man auch Patente für das Wasserstoffatom akzeptieren.

In der Forschergemeinde ruft der Disput um die Sars-Rechte zudem unangenehme Erinnerungen wach – an den jahrelangen bitterbösen Streit zwischen Amerikanern und Franzosen um die Entdeckung des Aids-Virus und die Rechte am HIV-Test. Der Konflikt konnte erst durch eine Vereinbarung zwischen dem amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan und dem französischen Premierminister Jacques Chirac entschärft werden. Seither teilen sich beide Länder die millionenschweren Lizenzeinnahmen und setzen sie für die Forschung ein.

Den Konflikt um die Sars-Gene hängen Experten indessen erheblich tiefer. Wie lukrativ die Vermarktung von Sars-Tests sein kann, steht im Moment in den Sternen. „Das Ganze ist vermutlich ein Sturm im Wasserglas“, beschwichtigt der Bostoner Patentanwalt Thomas Saunders die Gemüter, kommerziell sei Sars gar nicht attraktiv genug, um bei Unternehmen großes Interesse hervorzurufen.

Gleichwohl läuft die Entwicklung von Sars-Tests überall auf Hochtouren. Als Erste meldete die Diagnostikafirma Artus, ein Spin-off des Hamburger Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin, Vollzug. Das System wird bereits unter Feldbedingungen erprobt und soll künftig zusammen mit dem Diagnostikkonzern Abbott vertrieben werden. Allen Beteuerungen zum Trotz hat man auch bei den CDC ein Auge aufs Geld. Die Behörde hat einen eigenen Sars-Test fertig gestellt. Der Schweizer Pharmakonzern Hoffmann-La Roche und eine Reihe weiterer Unternehmen sind ebenfalls am Ball. Ob und wie sich Diagnostikfirmen oder Impfstoffentwickler mit den künftigen Patentinhabern einigen können, steht vorläufig dahin. Eile hat die Sache ohnehin nicht, denn bis zur Erteilung eines Genpatents können Jahre ins Land gehen. So lange kann jeder mit den Virus-Genen forschen, Tests, Impfstoffe oder Sars-Medikamente entwickeln und verkaufen. Vielleicht ist die Seuche ja schon ausgerottet, wenn das Patent erteilt wird.

 
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