Cato Bontjes van Beek wurde am 14. November 1920 geboren – am 5. August 1943 wurde sie im Zuchthaus Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet.

Als ich sie 1938 kennen lernte, muss sie wohl 17 Jahre alt gewesen sein. Ich bin ihr nur wenige Male begegnet, aber ich erinnere sie als überaus temperamentvoll, vielseitig interessiert und voller Unternehmungslust. Jedoch war es nicht sie, auch nicht ihre Schwester Mietje, die mich damals sehr jungen Wehrpflichtsoldaten öfter am Wochenende nach Fischerhude gezogen haben, sondern vielmehr ihre Mutter Olga. In deren gastfreundlichem kleinen Haus atmete man die Luft der Musik, der Malerei, der Keramik. Es gab bisweilen zugleich andere Besucher, die der Kunst zugetan waren, darunter keine Nazis, wohl aber Menschen von innerer Freiheit. Für mich sind im Kriege und in der Nazi-Zeit die Horizonte über der flachen, weit gespannten Marschlandschaft des Binnendeltas der Wümme, vor allem aber das Bontjes-Haus in der Bredenau ein Inbegriff der Freiheit geworden – so erinnere ich sie bis heute.

Für Cato muss es ähnlich gewesen sein. Es war wohl die offene Atmosphäre des Hauses, noch mehr aber die Mutter Olga, ursprünglich Tänzerin und später Malerin, welche Catos Jugend entscheidend geprägt haben. Dazu kam der doppelte Glücksfall eines längeren Aufenthaltes von Cato in England und der Freundschaft mit dem fünf Jahre älteren Engländer John Hall. Cato war deshalb nie in Gefahr, von der Nazi-Ideologie beeinflusst zu werden. Schon vor der Nazi-Zeit hatten zwei Schuljahre in Amsterdam dazu beigetragen, dass sie später keinem nationalistischen Wahn verfallen ist. In ihren letzten Jahren arbeitete sie, zusammen mit Mietje, in Berlin in der keramischen Werkstatt ihres Vaters Jan Bontjes van Beek (er war schon seit Jahren von ihrer Mutter geschieden). Dort fand sie sich fast selbstverständlich in einem Kreise von Freunden und Bekannten wieder, die alle Hitlers Herrschaft ablehnten.

Eigentlich habe ich Catos Geschichte erst lange nach ihrem gewaltsamen Tode des Näheren kennen gelernt, aus den Erzählungen ihrer Mutter und ihrer Geschwister Mietje und Tim, auch aus einigen schriftlichen Zeugnissen – und so auch aus dem hier vorgestellten Buch von Hermann Vinke. Es handelt sich nicht um Literatur, sondern vielmehr um einen Bericht über die Tatsachen des Lebensschicksals einer jungen Frau, die "nur eins sein" wollte: "ein Mensch".

Der stolze Satz "Ich habe nicht um mein Leben gebettelt" steht in einem Kassiber, den sie – nach dem Todesurteil! – einem Freund geschickt hat.

Es lohnt sich, die 223 Seiten dieses gut dokumentierten Buches zu lesen. Es ist mit Liebe zum Detail geschrieben. Wer es als Nachgeborener liest, der erlebt konkret die Nazi-Diktatur, ihre Mechanik und ihre Scheußlichkeit. Er versteht die Entwicklung eines überaus lebensfrohen, kontaktfreudigen Menschen zum Mitglied des höchst riskanten Widerstandes. Und er erlebt – vielleicht zunächst fassungslos –, wie ein Mensch trotz der unmittelbar bevorstehenden Hinrichtung seine Würde bewahrt.

Es bleibt nachzutragen, dass der seinerzeitige Chefankläger des Reichskriegsgerichtes, ein Mann namens Dr. Manfred Roeder, der vor dem Senat für die Mehrzahl der Angeklagten der Roten Kapelle die Todesstrafe beantragt hatte, nach dem Kriege diese Gruppe und ihre Überlebenden bei der amerikanischen Besatzungsmacht dahin gehend denunzierte, sie stünden den Interessen der USA entgegen. Roeder ist es gelungen, wenigstens vorübergehend seine Unrechtsjustiz zu rechtfertigen. Ein Strafprozess gegen ihn ist nie in Gang gekommen. Das Bemühen von Catos Mutter, das Todesurteil gegen ihre Tochter für ungültig erklären zu lassen, blieb jahrzehntelang ohne Ergebnis. Erst 1999 ist es aufgehoben worden – mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende der mörderischen Justiz. Der schwerfällige Gang der Verfahren macht den Leser schaudern.

Hermann Vinkes Porträt stellt Cato Bontjes van Beek zu Recht neben Sophie Scholl. Er lässt den Leser das Leben in der Diktatur verstehen und zeigt außerdem die Probleme der jungen Demokratie im Umgang mit den Opfern der Nazis auf. Für mich besteht das große Verdienst dieses Buches darin, dass es die liebenswerte Cato 60 Jahre nach ihrer Ermordung öffentlich vorstellt. Hoffentlich wird sie davor bewahrt, vergessen zu werden.