Wer Ende der sechziger Jahre jung war, die Welt verändern, sie aus der Inhumanität ihrer Geschichte befreien wollte, wer sich darum Kindern zuwandte, gar Pädagogik studierte und jedenfalls die eigenen Kinder anders erzog (oder eben nicht "erzog"!), der kennt Nancy Hoenisch, der hat damals das wunderbare Fotobuch Vorschulkinder von ihr, Elisabeth Niggemeyer und Jürgen Zimmer Dutzende Male durchgeblättert und eine Grundlektion im Umgang mit Kindern gelernt, die alle Studienseminare mit Herbart und alle Rahmenrichtlinien mit Oevermann überdauert.

Wer, weil spät geboren, nicht weiß, wer Nancy Hoenisch ist, lernt sie kennen, indem er zusieht, wie sie heute ihre vierjährigen Vor-Vorschulkinder in Winchester/Virginia, USA – nein, nicht "betreut", nicht "belehrt", nicht "ins harte Leben einführt", sondern mit ihnen lebt, lernt, leidet, lacht: sechs Stunden am Tag. Wieder hat Elisabeth Niggemeyer sie dabei fotografiert. Die Bilder sind diesmal Kodak-bunt und ganz oft keines Textes bedürftig. Schon beim ersten Blättern weiß er, dass Nancy Hoenisch eine fröhliche und behutsame, eine einfallsreiche und weise Frau ist, und möchte ihr sofort seine Kinder anvertrauen, obwohl er meist nur ihre Hände, ihren aufmerksamen, auf den "Vorgang" gerichteten Blick, ihre Zuwendung "auf Augenhöhe" zu Austin oder Jessica gesehen hat.

Anerkennung ist das Wichtigste

Will er mehr über die Person wissen, findet er aufschlussreiche und unaufdringliche kleine Bekenntnisse in einem Interview, das Donata Elschenbroich mit ihr geführt hat und das am Ende des Buches abgedruckt ist: Wie sie selbst als Kind im Kindergarten "blamiert" worden ist – gleich am ersten Tag und mit nachhaltigen Folgen; wie wichtig es ist zu erfahren: Jemand hat mich lieb, ich bin etwas wert; wie vor allem die bullys dies brauchen: "Erst müssen sie sich anerkannt fühlen. Vorher können sie überhaupt nichts lernen"; wie das Fernsehen den Kindern "eine Kultur" beibringt, "die für sie zu alt ist"; wie sie darum von den Fünfjährigen zu den Vierjährigen gewechselt ist, weil diese davon noch nicht so eingefangen sind; wie sie reagiert, wenn ihr ein Kind sein Fernsehgebaren und seine Fernseherlebnisse zuträgt. "Ich habe kein Fernsehen", sagt sie ihm. "Mich interessiert nicht, was da kommt. Aber was du gesehen hast, interessiert mich brennend. Erzähl mir davon!"; wie sie den Kindern hilft, Wörter für ihre Gefühle zu finden, vor allem für die Gefühle zueinander; wie sie selbst ständig von den Kindern lernt…

Dann schließlich merkt er, dass er die Wirkung von alledem ja schon gesehen hat – gespiegelt in den Gesichtern, Gesten, Haltungen der Kinder, in der ungeheuren Intensität ihres Ausprobierens, Entdeckens, Beobachtens, Abwartens, Zugreifens, Sichzuwendens und Sichmitteilens, die Elisabeth Niggemeyers Fotos meisterlich festgehalten haben.

Die vierzehn Kinder sind Nutznießer eines Förderprogramms der Stadt Winchester, das ihnen helfen soll, "später im Kindergarten erfolgreich zu sein". (In unserer Welt wird sehr früh über getting on oder staying behind entschieden!) Nancy Hoenisch bekommt diejenigen, deren Auffassungsgabe, Motorik, Gemeinschaftsfähigkeit im unteren Viertel des Altersdurchschnitts liegen. (In unserer Welt kann man alles messen und tut es auch!) Die Kinder sind weiß und gelb und braun – so bunt und überschaubar wie die Ausstattung der Pre-Preschool mit ihrem Teppichboden, auf dem man mit Kreide malen darf, mit Stoffhasen und echtem Hamster, mit Kostümschrank und Materialsammlung, mit Werkecke und Kinderküche, mit Plastikgemüse und Plastikrose, mit Projektor und PC für Nancy. (In unserer Welt sind Kunststoff-Gegenstände normaler als echte Bohnen, echte Tannenzapfen, echte Muscheln!)

Das Buch ist sorgfältig eingeteilt wie der Tag der Kinder und der Raum, in dem sie leben. Die leitenden Grundsätze sind einfach und eindrücklich – und über die Anlässe verteilt: die Einzigartigkeit der Kinder, das Miteinander-Lernen, der ritualisierte Ablauf, Freiräume für Entdeckung und Erkundung, "Mathematik ist überall" und "Zur Ruhe kommen". Nancy Hoenischs kleine Welt hätte sich ihren Namen bei Rousseau holen können: "wohlgeordnete Freiheit". Wenn ich hier einige der Grundregeln aufzähle und in solche einteile, die den Lehrern gelten, und solche, die die Kinder leiten, mache ich daraus eine mechanische, belehrende Ordnung – die ihre ist organisch und natürlich. Wem das zu naiv ist, kann sie ja "okkasionell" nennen.

Während die Pädagogen – der Lehrer, die Erzieherin, die Eltern – Nancy Hoenischs Beschreibung des Schulalltags lesen, lernen sie: Eine sichere Umwelt, der das Kind vertrauen kann, erlaubt ihm zu "blühen". Das "autonome" Kind holt sich sein Wissen selbst. Dazu müssen wir die geeigneten Gegenstände und Lerngelegenheiten bereitgestellt haben. Aber auch innere Anlässe: Das Kind muss erfahren, dass seine Fragen und seine Gefühle ernst genommen werden. Oder Beispiele und Ermutigung hierzu: Es sieht, dass es einen Fehler gemacht hat, weil der andere leidet, und versucht nun die Kränkung wiedergutzumachen – wie wir dies an ihm versucht haben.

Lasst es spüren: Du bist wichtig, was du sagst, ist wichtig, was du meinst, ist wichtig. Helft ihm auszudrücken, was in ihm vor sich geht. Ein gutes Mittel, einem Kind zu versichern, dass es sich angenommen fühlen darf, ist, einige Zeit mit ihm allein zu verbringen. Wenn Kinder selbstständig zu handeln lernen sollen ("sich selbst zu steuern"), brauchen sie feste Grundregeln. Et cetera.

Den Kummer wegwedeln

Nancy Hoenisch hat auch diese Regeln in ihre Beschreibung eingestreut, immer da, wo man deren Funktionsweise in Wort und Bild erleben kann, und sie lauten so: "No hurts!" Niemandem wehtun! Und wenn das doch geschehen ist: Die Verletzung wahrnehmen und heilen. Was das ist und wie man das macht, sagen die Bilder eindrücklicher, als Worte es können. Dann: "Nicht schreien!" Wenn ein Kind vom anderen Ende des Raums zu Nancy spricht, also mit sehr lauter Stimme, antwortet sie nicht, sondern geht zu ihm und sagt, dass es besser sei, demjenigen, mit dem man spricht, nah zu sein. Außerdem: "Verhandeln!" Zum Beispiel, wenn ein Kind etwas will, was ein anderes gerade hat. Jessica möchte im Puppenhaus mitspielen, in dem es aber gerade keinen Platz mehr gibt. Weinen hilft nicht, sie muss einem anderen Kind einen Tausch anbieten oder ausmachen, wann sie wiederkommen soll.

Auf jeder Seite des Buches sehen wir, was die Kinder aufgrund solcher Regeln lernen oder schon gelernt haben: Sie sind imstande zu warten, bis sie an der Reihe sind. Sie stimmen über ein Vorhaben ab – die Verlängerung eines Spiels, die Verschönerung des Gehäuses für den Schmetterling, der vor ihren Augen aus einer verpuppten Raupe geschlüpft ist, den Anfang des gemeinsamen "Snacks" – und halten sich an den Beschluss. Sie stellen alle Dinge wieder an ihren Ort zurück. Sie haben gelernt, aufeinander zu achten, miteinander zu teilen, für sich zu sein ebenso wie in der Gruppe. Neben den Regeln haben ihnen dabei Rituale – feste und immer wieder betonte "Gesten" – geholfen: "Kummer wegwedeln", die Morgentätigkeiten in der gleichen Reihenfolge erledigen, Sitzkreise bilden, die "Auas" besprechen. Wie in dem Film Etre et avoir begrüßt Nancy jedes Kind einzeln, und wie dort gibt es keine Situation, in der nicht etwas zu entdecken, zu benennen, zu zählen, auszuprobieren wäre. Das sollte eine "Schule" dem normalen Leben voraus haben: dass man nicht achtlos an den Lernanlässen vorübergeht, sich nicht in Gewohnheiten einspinnt, sich nicht einfach der Trägheit ergibt.

Von allem, was uns das Buch lehrt, ist dies vielleicht die akuteste Lektion – die eigentliche Antwort auf Timss und Pisa und Iglu: Es zeigt, wie lustvoll und natürlich man das Wahrnehmen, Denken, Aneignen mit Kindern üben kann, ohne die Tätigkeiten und Interessen nun schon der Vierjährigen zu "verschulen". Dass deutsche Schüler ungern lernen, ist der Grund dafür, dass sie zu wenig lernen. Den besorgten Pädagogen und Bildungspolitikern hat das schlechte Abschneiden der deutschen Schule in den internationalen Untersuchungen zu "basalen" Schulleistungen nahe gelegt, Frühlesen, Frühschreiben, Frührechnen "einzuführen". Das wird man auch – unterstützt von beunruhigten Eltern – und ahnt nicht, wie heikel das ist, nicht zuletzt, weil es ja widerstandslos "geht" und man die schädlichen Folgen nicht gleich sieht.

Nancy Hoenisch fördert vor allem drei Fähigkeiten: die Kontrolle der eigenen Bewegung, die Artikulierung und Festigung von Sprache, das Unterscheiden, Sortieren, Einteilen, Vergleichen und legt damit die Grundlage für alles weitere Lernen. "Schreiben" beispielsweise ist zugleich Zeichnen und Zeichen geben/festhalten – und bedarf ausgiebiger motorischer Eingewöhnung. "Lesen" ist die Verbindung dieser Zeichen mit Bedeutungen. "Zählen" ist erst Ordnen, unter ein Merkmal subsumieren, dann in eine Abfolge bringen: "erstens, zweitens, drittens…", dann aus der Reihe eine Menge machen: "zwei" oder "drei" oder "vier".

Nancy Hoenisch hat zwar auch Piaget gelesen, aber weder sie noch wir Leser brauchen ihn, um zu verstehen, was geschieht: wenn wir den Kindern beim Erkennen von Mustern, Sequenzen, Proportionen zusehen ("kleiner als", "so lange wie", "gleich viel"). Fragt Austin beim Legen der unterschiedlichen Klötzchen: "Richtig, Nancy?", sagt sie: "Frag Clifton!" – und siehe da, sie einigen sich mit einer Begründung: "…weil das genauso ist wie das!" Nancy Hoenisch sagt nie: "Das ist falsch" und auch nicht: "Das ist richtig." Sie regt zur Selbstprüfung an, lobt den "Denkvorgang": "Wie gut du alle gleichen Steine zusammengelegt hast und sogar der Größe nach!" So macht sich der Lehrer nicht unversehens zur Wissensquelle für das Kind. "Wissen" ist immer nur das, wovon es sich selbst vergewissert hat.

Tief befriedigt schlägt der Leser und Betrachter das Buch zu, nachdem er gesehen hat, wie Nancy Hoenisch jedem Kind die "Tageszeitung" für die Eltern in die Schultasche gesteckt hat (sie hat sie am Computer geschrieben, während die Kinder ihre Mittagsruhe hielten; diesmal hat sie auch zu dem alle zwei Monate stattfindenden "Elterngarten" eingeladen); nachdem jedes Kind am Ende des Schultags noch ein paar Minuten hat Lehrer spielen dürfen; nachdem Nancy jedes einzeln verabschiedet hat.

Da fällt sein Blick auf den Titel des Buches. Hoffentlich, denkt er, sehen die Leute nur die aufmerksamen Kindergesichter, die da abgebildet sind, nicht den Stuss, der darüber steht: Bildung mit… Er weiß ja nun, was gemeint ist: "Bildung" = wundersam geordnete Aneignung von Welt; "Demokratie" = das schwerste, notwendigste und lohnendste Pensum, nämlich miteinander leben; "Zärtlichkeit" = Zärtlichkeit, nicht nur die auch wichtige Freundlichkeit, die gerechte Aufmerksamkeit für die unterschiedlichen Einzelnen, sondern wirkliche körperliche Zuwendung, streicheln, in den Arm nehmen. Diese wortlose, selbstverständliche Berührung wird von den kleinen "Gleichberechtigten", "Abstimmern", "Konfliktlösern" dringend gebraucht. Weil die Demokratie der Erwachsenen, die institutionalisierte Mündigkeit, die nicht aussetzbare Verantwortung jeglicher Zärtlichkeit entbehren, ist es notwendig, dass wir sie jedenfalls auf dem langen Anweg dazu nicht ausschließen.

Unsere Republik wird eher an Rücksichtslosigkeit, Besitzstandswahrung, Erfolgsstreben zugrunde gehen als an fehlenden "Bildungsstandards" und an der mittelmäßigen Platzierung im OECD-Vergleich. Vor allem aber: Nur wer sich aufgehoben fühlt, ist auch frei zu lernen.

Ich habe mir von Elisabeth Niggemeyer das große Bild erbeten, das sich über die Seiten 18 und 19 erstreckt: Nancy Hoenischs beruhigende und tröstende Hand auf dem Kopf des versonnen und ein wenig schwermütig blickenden Alhaji. Das Bild trägt die Botschaft aus, die der Titel verfehlt.