Der gesamte Schriftverkehr eines Lebens. Alle Schallplatten, die man gehört, und alle Bücher, die man gelesen hat. Alle Fotos und Filme. Vielleicht sogar alle Gespräche, die man geführt hat – die Möglichkeit, sein ganzes Leben in Zukunft auf einem digitalen Datenspeicher zu dokumentieren, fasziniert offenbar viele Menschen, und Pioniere wie Gordon Bell setzen sie schon in die Tat um (ZEIT Nr. 2/02). Bell, ein Veteran der Computerszene und heute Forscher bei Microsoft, hat mit seinem Projekt namens MyLifeBits im vergangenen Jahr sein Ziel erreicht, papierlos zu leben – mit Ausnahme von Geldscheinen, Schecks und Aktien, wie er gern betont. Er ist sozusagen das Versuchskaninchen seiner eigenen Idee, die irgendwann vielleicht einmal zu einem Microsoft-Produkt werden könnte.

Aber selbst die digitale Sammelwut von Leuten wie Gordon Bell verblasst gegen den Anspruch eines neuen Forschungsprojekts der amerikanischen Defense Advanced Projects Research Agency (Darpa) mit dem Namen LifeLog. Das Ziel: ein digitales Protokoll vom Leben eines Menschen zu erstellen, das nicht nur Dokumente wie Fotos, EMails und Bücher enthält, sondern per GPS-Sensor auch eine lückenlose Aufzeichnung des Aufenthaltsorts.

Noch hat das Projekt LifeLog kein Budget. Es gibt lediglich eine Aufforderung an Wissenschaftler aus dem ganzen Land, Forschungsvorhaben zur Förderung einzureichen. In der Ausschreibung mit der Nummer BAA 03-30 wird LifeLog beschrieben als "ein ontologiebasiertes (Sub-)System, das den Erfahrungsfluss einer Person und seine Interaktion mit der Welt erfasst, speichert und zugänglich macht". Um all diese Daten zu erfassen, muss der Nutzer zum Cyborg werden: Sensoren aller Art zeichnen auf, was er sieht, hört und fühlt. Per Satellitenortung GPS und Kompass werden räumliche Daten erfasst, biomedizinische Sensoren überwachen den körperlichen Zustand. Außerdem, so die Ausschreibung, zeichnet das System die gesamte Kommunikation auf.

Nachdem auf der Website des Magazins Wired in der vergangenen Woche über LifeLog berichtet wurde, herrschte in einigen Diskussionsgruppen große Aufregung. "Die Darpa sucht nach Vorschlägen, wie man die Matrix verwirklichen kann!", schrieb ein Diskutant. Offenbar weckt der Vorschlag Assoziationen zu den düsteren Standardwerken der Science-Fiction – von der digitalen Doppelwelt des gerade angelaufenen Films Matrix Reloaded bis zum Überwachungsstaat in 1984.

Will das Pentagon nun das Leben aller Bürger mit einem System überwachen, gegen das die Spitzelei der Stasi rührend harmlos wirkt? Die Darpa ist eine durchaus doppelgesichtige Agentur: Einerseits betreibt sie die Initiative Total Information Awareness (TIA), eine von Bürgerrechtlern heftig kritisierte Datensammelei, die jüngst in Terrorism Information Awareness umgetauft wurde, um ihr den totalitären Touch zu nehmen. Andererseits hat sie in der Vergangenheit Projekte der Grundlagenforschung mit wenig oder gar keinem militärischen Bezug gefördert – etwa die Entwicklung des Internet.

Nun ist die Agentur bemüht, den Grundlagencharakter der LifeLog-Forschungen zu betonen. "Es gibt keine Verbindung zum TIA-Programm", sagt Darpa-Sprecherin Jan Walker, "LifeLog ist nicht für Antiterrorismusanwendungen gedacht." Überhaupt sei es ein großes Missverständnis, wenn man hinter dem Projekt eine staatliche Datensammelwut vermute. "Der Einzelne erfasst seine Informationen selbst, und er oder sie ist der Einzige, der diese Informationen benutzt. Die Unterstellung, dass mit dieser Technik eine Maschine entwickelt wird, die andere ausspioniert und ihre Privatsphäre verletzt, ist völlig abwegig."

Eigentlich sind Projekte wie LifeLog nur die konsequente Fortschreibung einer fast 60 Jahre alten Idee: 1945 beschrieb der Präsidentenberater Vannevar Bush in seinem viel zitierten Aufsatz As We May Think ein visionäres Gerät mit dem Namen Memex, "in dem ein Individuum alle seine Bücher, Akten und seine Kommunikation aufbewahrt und das mechanisiert ist, sodass es sich mit großer Geschwindigkeit und Flexibilität konsultieren lässt". Bush hatte noch keine Vorstellung vom persönlichen Computer, aber er sah schon die Entwicklung vernetzter Informationsstrukturen voraus. Heute können seine Visionen umgesetzt werden, die Digitalisierung fast aller Medien und die zunehmende Kapazität der Computerspeicher machen es möglich.

Das Hauptproblem bei den Versuchen, das eigene Leben auf die Festplatte zu bannen, ist längst nicht mehr der Speicherplatz, sondern das Wiederfinden von relevanten Informationen in diesem Datenberg. Wo steckt das Foto von der Großmutter, die ihren Enkel auf dem Arm hält? Ein einfaches System, Dateien zu sortieren, ist ihr Entstehungsdatum. Gordon Bell sortiert seine Dokumente entlang einer Zeitachse. Noch mehr Ordnung könnte entstehen, wenn etwa zu jedem Foto auch der Ort seiner Entstehung erfasst würde – etwa mit Kameras, die über GPS-Ortung verfügen. Deshalb erwartet er eine Ergänzung seiner Forschungen durch das Darpa-Projekt und hat sich auch schon mit den LifeLog-Planern getroffen.