Nicht viel ist von Kurt Landauer geblieben, der, mit Unterbrechungen, 18 Jahre lang Präsident des FC Bayern München war. Als er im Dezember 1961 starb, hinterließ er seinem Neffen eine Armbanduhr, zwei Manschettenknöpfe, 10000 Mark und zwei "Opernlangspielplatten, englisch", so steht es in seinem Testament. Was aus den Erbstücken geworden ist, kann der Neffe heute nicht mehr sagen. Von Onkel Kurt hat er nur noch einen schwarzen Herrenschirm. Der Knauf ist irgendwann abgebrochen, aber die Bespannung ist noch immer wasserfest. Und wenn es in München regnet, führt der Neffe, der selbst schon 80 ist, den Schirm spazieren und nutzt dabei jede Gelegenheit, ihn den Leuten vorzustellen. "Geht mit meinem Schirm gut um", sagt Herr Siegel dann zum Beispiel, wenn er ihn beim Friseur in die Ecke stellt, "der hat fei einmal einem Bayern-Präsidenten gehört."

Die meisten seiner Bekannten – seine Haushälterin, seine Nachbarn, die Freunde am Ammersee – kennen die Geschichte schon. Trotzdem erzählt Uri Siegel sie bei jeder Gelegenheit wieder, als könnte der Schirm es hören.

Vielleicht findet er auch, dass in München zu wenig über seinen Onkel geredet wird, und das, obwohl sich so viel von der Geschichte dieser Stadt in dessen Leben spiegelt. Und obwohl die Stadt wohl nicht dieselbe wäre, wenn Kurt Landauer nicht gelebt hätte.

Kurt Landauer hat wie keiner vor ihm, so heißt es in der Chronik des FC Bayern, die Werte und Prinzipien verkörpert, die dem Verein 1932 zur ersten deutschen Fußballmeisterschaft verholfen haben und die ihn heute zum Rekordmeister machen. Dass er aus einer jüdischen Familie kam (wobei er weder gläubig war noch Zionist), passte in einen Club, der um die Jahrhundertwende im Bohemeviertel Schwabing gegründet worden war. Die Ur- Bayern waren Ladenbesitzer, Studenten, Bürgersöhne, Juden wie Christen. Man scheint sich darin einig gewesen zu sein, dass Turnen spießig war und dass ein eleganter Fußballer das Spielfeld niemals ohne Krawatte betrat.

Landauer war Leiter der Anzeigenabteilung bei den Münchener Neuesten Nachrichten, und es heißt, dass er ein altmodischer Kaufmann gewesen sei. Er weigerte sich, den Anhängern ein Stadion zu bauen, er investierte lieber in Spielergehälter. Schon in den zwanziger Jahren spielten beim FC Bayern Preußen und andere Ausländer. Und es war ein österreichisch-ungarischer Trainer, mit dem der Club 1932 Meister wurde. (Mit einem 2:0-Sieg gegen die feldüberlegene Frankfurter Eintracht, der sich, typisch Bayern, aus einem Elfmeter und einem Alleingang zusammensetzte.)

In einer Bayern-Chronik gibt es ein Fotos vom Empfang der Mannschaft in München. Darauf zu sehen sind die offenen Pferdekutschen, mit denen die Spieler vom Hauptbahnhof abgeholt werden, gefolgt von Jugendlichen in gestreiften Baumwollhemden. Landauers Neffe war damals zehn und sah den Umzug vom Haus seiner Tante in der Kaufingerstraße aus. In einem der Zweispänner saß sein Onkel Kurt, geborener Münchner, leidenschaftlicher Bayer, Bayern-Präsident und Jude.