SCHLAFWANDLER Ich habe einen Traum
Reinhold Messner, 58, ging auf Wanderschaft im Himalaya und träumt von einer unberührten Natur
Reinhold Messner, 58, ging mit zwanzig ZEIT-Lesern auf Wanderschaft im Himalaya: von Kathmandu hinauf zu einem Basislager des Mount Everest in 5500 Meter Höhe. Auf dem Weg durch das Sherpaland im Norden Nepals, über Lukla, Namche Basar und das Kloster Tengboche, formulierte der Abenteurer und grüne EU-Parlamentarier seinen Traum von einer unberührten Natur – wie Messner sie 1980 vorfand, als er den Mount Everest als Erster allein und ohne Flaschensauerstoff bestieg. Anlässlich des 50. Jahrestages der ersten Besteigung durch Sir Edmund Hillary und Tenzing Norgay sind dort derzeit vierzig Expeditionen unterwegs
Die Träume im Basislager des Mount Everest sind wirr. Der Wind rüttelt an den Zeltplanen, unter dem Zeltboden knackt das Eis, irgendwo geht eine Lawine nieder. Dazu dieses ständige Hüsteln, Stöhnen, Reden aus den Nachbarzelten! Nein, dieser Mount Everest ist nicht mein Berg, dieses Basislager nicht mein Nest, diese Welt ist mir fremd. Tausend und mehr Leute leben in der Zeltstadt, die sich zwischen Eis und Felsbrocken über ein paar Quadratkilometer ausbreitet. Vor 25 Jahren, als ich mit einem Dutzend österreichischer Freunde hier hauste, waren wir allein. Es war eine gute Zeit, und einige meiner Tagträume sind mir hier zugewachsen.
Mein Leben ist ein doppeltes. Ich habe alles zuerst erträumt und dann gelebt. Mit zehn Jahren träumte ich von der Ostwand der großen Fameda, einem Felsendom in den Dolomiten, drei Kirchtürme übereinander gestellt. Fünf Jahre später war ich besessen davon, diese Route zu klettern, allein, ohne Seil und ohne Absicherungen. Dann begann ich von den großen Wänden der Alpen zu träumen: Fels und Eis, 1000, 1500, 2000 Meter hoch. Eines Tages war die Sicherheit so groß, dass ich es wagte. Aber auch die Eigernordwand war nur eine halbe Tagestour. Und so reifte der Traum, über die Alpen hinauszuschauen. Ich träumte von der höchsten Wand der Welt, der Rupalwand am Nanga Parbat, 4500 Meer senkrechter Fels. Die Durchsteigung dauerte vierzig Tage. In winzigen Zelten unter Überhängen verging die Zeit zwischen Träumen und Hoffen. Mein Bruder, Seilpartner und Kamerad kam bei diesem Unternehmen ums Leben. Erstmals wurde mir bewusst, wie unmittelbar das Bergsteigen mit dem Tod verknüpft ist. Trotzdem rissen meine Träume von den Bergen nicht ab.
Als ich 1980 nach einem anstrengenden Alleingang auf dem Gipfel des Mount Everest saß, war ich weiter weg von der Erde denn je. Hineingeworfen in eine kalte, stürmische Welt. Ich konnte nichts denken. Das Zurückkommen war wie eine Wiedergeburt. Erstmals im Leben begann ich von der Weite zu träumen, nicht mehr von den großen Höhen. Ich wollte mich verlieren können und jene Winkel meiner Seele kennen lernen, die mir im Alltag oder bei der Konzentration des Kletterns verborgen geblieben waren. So reifte der Traum, die Antarktis zu durchqueren. Oder Grönland der Länge nach. Oder die Takla-Makan-Wüste.
Es folgten Träume ganz anderer Art. Ich stieg mit George Lee Mallory auf den Everest, folgte Ernest Shackleton auf dem Packeis im Weddelmeer und über die Bergkämme in Südgeorgien. Tagsüber am Schreibtisch, nachts im Traum. Ich hatte mich so sehr in diese einmaligen Persönlichkeiten hineingedacht, dass ich das Gefühl erlebte, mit ihnen im Zelt zu sitzen. Mit ihnen habe ich sogar zukünftige Träume geschmiedet. Ohne Traum gibt es kein Abenteuer. Gebuchte Abenteuer – was für ein Widersinn! Abenteuer sind weder planbar noch kopierbar, noch versicherbar. Sie sind träumbar, und Träume sind umsetzbar.
Meine nächtlichen Träume drehen sich heute vielfach um Momente, die weit zurückliegen. Wie fürchtete ich doch mit zwanzig Jahren die schwierigsten Wände. Aus Sorge zu stürzen, die Route zu verfehlen, aus Sorge, mit Blitz und Donner aus der Wand zu fallen, konnte ich vor den Aufstiegen oft kaum schlafen. Heute träume ich manchmal davon, durch eine hohe, überhängende Wand zu stürmen – ohne die geringsten Ängste und Zweifel. Und dann, wenn ich doch den Halt verliere und stürze, kann ich aus der Senkrechten in die Waagerechte hinaustauchen und fliegen!
Und manchmal gibt es Momente im Traum, da sitze ich im Hochlager. Ohne das Gefühl des Ausgesetztseins. Ohne die klammen Hände und die eiskalten Füße. Ohne den Raureif, der an der Zeltinnenwand klebt. Ohne die Enge und die Erstickungsängste, die zum Höhenbergsteigen gehören. Ich bin einfach nur da, in diesem selbstverständlichen Zustand, den ich mir auch über das Leben hinausgedacht vorstellen kann. Als wäre Friede nichts anderes als Eingebettetsein in die Unendlichkeit.
Jetzt, im Basislager vom Mount Everest, kann ich nur staunen. Über die vielen Zelte, die Betriebsamkeit, die Anziehungskraft eines Berges, der alle Geheimnisse preisgegeben hat. Bis auf das eine: Warum wohl alle hinaufwollen? Weil er da ist, soll Mallory geantwortet haben. Weil er der Höchste ist, sagt die Rekordgeneration, die auf dem Berg ihre Bühne gefunden hat. Wie anders ich ihn 1980 erlebte: menschenleer, ohne Spur. Ich wusste genau, dass ich umkommen könnte. Auch, dass ich niemandem begegnen würde, höchstens meinen eigenen Zweifeln und Ängsten. Und ich bin ihnen begegnet. Heute ist dieser Zustand nicht mehr zu erreichen. Denn der Berg ist in der Zeit kurz vor und nach dem Monsun so übervölkert, dass man nirgendwo mehr allein sein kann. Nicht dass ich diesen Bergsteigern und Bergsteigerinnen ihren Aufstieg nicht gönnen würde, ich weiß nur, wie anders sie Einsamkeit, Auf-sich-selbst-gestellt-Sein, Verloren-Sein am oberen Rand der Welt erleben könnten.
Den höchsten Berg der Welt so zu besteigen, wie er einst war, ist also ein verlorener Traum. Oben zu stehen bedeutet nichts. Den Berg verstanden zu haben wenig. Es geht vielmehr um all jenes, was das Menschengemachte vom Erhabenen trennt. Große Höhen und wüste Weiten sind nicht für den Mensch gemacht. Und nur deshalb erfahren wir dort vom Jenseitigen. Mich betrifft die Tatsache, dass der Everest bevölkert ist wie ein Stadtpark im Mai, nur am Rande. Ich kann überall auf der Erde über meinen Gartenzaun steigen und hinaus in die Wildnis gehen. Dorthin, wo keine Wege gebaut sind; dorthin, wo ich ganz auf mich selbst gestellt unterwegs sein kann. Nur deshalb träume ich heute davon, dass diese Flächen, diese Winkel, diese Räume so bleiben, wie sie waren, ehe sich die Menschen die Erde untertan gemacht haben.
Aufgezeichnet von Bernd Loppow
* Vom 3. Juni an können Sie in einem Online-Tagebuch die Erlebnisse und Erfahrungen von Reinhold Messner und den ihn begleitenden ZEIT-Lesern unter der Adresse www.zeit.de/mount-everest in Wort und Bild verfolgen
- Datum 11.03.2008 - 11:54 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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