outsourcing Sie sind so freiSeite 4/4
Was würde wohl passieren, wenn ein Medienbüro – oder in kleinen Gemeinden ein Ein-Mann-Unternehmen – die Lokalgrößen kritisiert, die eng mit dem Chefredakteur oder dem Verleger bekannt sind? Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern im Fall der Firma Flowtex in Ettlingen genau so geschehen. Ein fest angestellter Lokaljournalist hatte jahrelang kritisch über den Milliardenbetrüger Manfred Schmider geschrieben, als der noch als Wunderknabe der baden-württembergischen Wirtschaft galt. Am Ende hielten sogar Teile der eigenen Redaktion den Rechercheur für einen Narren, sein Chefredakteur war mit Schmider im Rotary Club. Man kann sich durchaus die Frage stellen, wie lange sich dieser Reporter hätte halten können, wenn er ein freier Journalist gewesen wäre.
Twer sagt dazu, man müsse in der Praxis feststellen, ob sein Modell Probleme bringe. Mangelnde Unabhängigkeit? „Also immer wenn ein Politiker oder Unternehmer bei mir anruft und sich beschwert, sage ich: Ich besorge nur das Geld. Schreiben tun andere.“ Das werde er auch mit den neuen Dienstleistern so halten, schließlich seien sie ja in seinem Besitz.
Das kann man als Bekenntnis zu redaktioneller Unabhängigkeit verstehen. Aber die Praxis zeigt gerade in der jüngsten Zeit: Wenn ein Journalist nicht zur Zentralredaktion gehört, fühlen sich Verleger tendenziell weniger für ihn verantwortlich. Denn „Medienunternehmen gehen davon ab, die Prozessrisiken für freie Mitarbeiter und Dienstleister zu übernehmen. Das mag auch daran liegen, dass die Streitwerte gestiegen sind“, sagt der auf Medienrecht spezialisierte Anwalt Gernot Lehr. Lehr und andere Rechtsanwälte berichten, dass sie dieses Verhalten gerade in den vergangenen Monaten mehrfach erlebt haben.
Für seine ausgegliederten Redaktionen verneint Twer eine rechtliche und publizistische Schwächung vehement. Und er fügt hinzu, dass „die Leser in Neuwied und Bad Ems nicht negativ reagiert haben“, seit die Lokalseiten anders produziert würden. Sie, die Leser, seien doch der Maßstab.
Aber was hätten sie machen sollen? Die Rhein-Zeitung ist die einzige Zeitung am Ort. Ein Monopolist. Es gibt nur eine Wahl, die eigentlich keine ist: Lesen, was kommt. Oder gar nicht lesen.
- Datum 28.05.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 28.05.2003 Nr.23
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