Perleberg

Von Berlin nach Perleberg sind es 158 Kilometer, doch manchmal scheint es, als lägen Welten dazwischen. Seit Wochen streitet die Hauptstadt so heftig über die Agenda 2010, über Leit- und Perspektivanträge, dass darüber die Realität leicht aus dem Blick gerät, insbesondere die in Ostdeutschland.

Perleberg liegt auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg, im nordwestlichen Zipfel Brandenburgs. Auf den Feldern steht grellgelb der Raps, hier und da ein Windrad. Knapp 14000 Einwohner hat das Städtchen und einen mittelalterlichen Stadtkern. Bürgermeister Dietmar Zigan residiert in einem Amtszimmer unter prächtigen Deckenfresken und erregt sich über das Hickhack in der Hauptstadt. Bei ihm sind die Wahrheiten einfach. Man müsse den Leuten halt sagen, dass "der Wohlstand in Deutschland nicht mehr gehalten werden kann". Punkt. Die Arbeitslosenquote in Perleberg liegt bei 22 Prozent, "immer noch günstiger als in den Nachbarstädten", sagt der Bürgermeister. Jetzt will er Taten, kein Gerede. Vor ein paar Monaten ist er aus der SPD ausgetreten.

Harte Arbeit? Nein danke!

Der größte Betrieb am Ort ist ein hoch moderner Schlachthof. 230 Menschen arbeiten hier. Das Geschäft boomt. Das Unternehmen zahlt nach Flächentarifvertrag. 72 Prozent der Firmen in Ostdeutschland tun das längst nicht mehr, weshalb es für Perleberger Ohren ein wenig weltfremd klang, dass der Kanzler bei der Vorstellung der Agenda 2010 Öffnungsklauseln in den Tarifverträgen forderte. Fast 1000 Perleberger sind arbeitslos gemeldet, dennoch findet der Schlachthof keine Leute. Dabei würde Geschäftsleiter Klaus Voigt gern erweitern. "Wir brauchten 15 neue Mitarbeiter innerhalb der nächsten zwei Monate, nein, eigentlich schon morgen." Doch wenn er Leute neu einstelle, verschwänden die meist nach ein paar Tagen wieder. Das gehe allen Firmen so, die körperliche Arbeit anböten. Im Schlachthof bedeutet das: Schweine schlachten, zersägen, in Steaks schneiden, einschweißen, in drei Schichten rund um die Uhr, für 200 bis 250 Euro netto pro Woche.

Ein durchschnittlicher Bezieher von Arbeitslosengeld im Perleberger Arbeitsamt bekommt 139 Euro pro Woche. Bei Arbeitslosenhilfeempfängern liegt der Durchschnitt bei wöchentlich 105 Euro. Das sei "auskömmlich", sagt Arbeitsamtschef Gerhard Imig, und deshalb ein Problem. Nun will die Bundesregierung die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes verkürzen. Die anschließende Arbeitslosenhilfe soll auf das Niveau der Sozialhilfe gesenkt werden, sich also nicht mehr am einstigen Gehalt orientieren, sondern an einem staatlich festgelegten Existenzminimum. Diese Kürzung wird den Osten härter treffen als den Westen, denn hier sind besonders viele Menschen schon besonders lange arbeitslos und daher bereits in die Arbeitslosenhilfe gerutscht. Trotzdem sagt Arbeitsamtschef Imig ("Das ist aber meine ganz persönliche Meinung!"), die Einschnitte müssten noch tiefer gehen. Derzeit fehle der Anreiz, eine Arbeit aufzunehmen. Wenn nicht hier, dann eben irgendwo im Westen.

Die Menschen auf den Fluren des Arbeitsamtes sehen das natürlich anders. Ein blonder junger Mann klagt, seit drei Wochen erst sei er arbeitslos, und schon werde das Geld knapp. Andererseits, die Agenda 2010 soll die Lohnnebenkosten senken. Und hat sein Chef ihm nicht als Grund für die Entlassung gesagt, die Abgaben seien zu hoch, es sei billiger, wenn die verbliebenen Kollegen Überstunden schöben?

Eine Frau, Mitte 30, gelernte Tischlerin, sagt: "Ich würde so ziemlich alles machen." Seit vier Jahren sucht sie Arbeit, heute hat man ihr wieder nichts angeboten. Auf jede offene Stelle im Arbeitsamt Perleberg kommen 44 Arbeitslose, statistisch. Andererseits können 164 Stellen nicht besetzt werden. Ihr Mann habe noch Arbeit, sagt die Tischlerin, verdiene aber "nicht so gut", und "wenn’s noch schlimmer wird, dann gehen wir wohl".